• Vor einigen Jahren wurden 16.000 menschliche Knochenteile auf dem Gelände der Freien Universität Berlin geborgen.
  • Darunter könnten sich Opfer des Auschwitz-"Arztes" Josef Mengele befinden.
  • Doch ein Zusammenhang mit den Verbrechen des Nationalsozialisten lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen.

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Sieben Jahre nach den ersten Funden von menschlichen Knochen auf dem Gelände der Freien Universität Berlin scheint das Rätsel gelöst: Auf einer Informationsveranstaltung präsentierte die Hochschule die Ergebnisse ihrer aufwendigen Knochenanalyse.

Die 16.000 geborgenen Fragmente stammen von mindestens 54 Individuen – auch Kinder befinden sich darunter. Diese könnten Opfer menschenverachtender medizinischer Experimente der NS-Zeit sowie deutscher Verbrechen in der Kolonialzeit geworden sein.

Einige Kritiker bemängeln, dass es so lange brauchte, um die Herkunft der Funde zu klären. Schließlich wurden die Knochen auf dem Gelände gefunden, auf dem das geschichtlich schwer belastete Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik steht.

Während der NS-Zeit hatte KZ-"Arzt" Josef Mengele das Institut besucht und später Knochen seiner Opfer von Auschwitz dorthin geschickt. Die Überreste sollten vermeintlich wissenschaftliche Beweise für die NS-Rassenlehre liefern. Kritiker hätten sich deshalb eine schnellere, verantwortungsvollere Aufklärung seitens der Universität und der Max-Planck-Gesellschaft als rechtliche Nachfolgerin des KWI gewünscht.

Erster Knochenfund: Einäscherung statt Untersuchung

Tatsächlich hatte ein von der Polizei beauftragtes rechtsmedizinisches Gutachten schon 2014 bestätigt, dass die im Rahmen von Bauarbeiten gefundenen Knochen menschlichen Ursprungs und mindestens einige Jahrzehnte alt waren. Ein Zusammenhang mit NS-Verbrechen aufgrund der Geschichte des KWI lag deshalb nahe.

Doch noch bevor die Herkunft der menschlichen Überreste genauer untersucht und geklärt werden konnte, erfolgte ihre Einäscherung. Der Grund: eine nicht optimale Abstimmung zum weiteren Vorgehen zwischen Polizei, Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin, Universität und Max-Planck-Gesellschaft.

Arbeitsgruppe geht Herkunft genauer auf den Grund

Um nicht noch mehr Möglichkeiten zu versäumen, doch noch herauszufinden, woher die Überreste stammten, gründete die Freie Universität Berlin 2015 eine Arbeitsgruppe aus Expertinnen und Experten der FU, der Max-Planck-Gesellschaft und des Landesdenkmalamtes.

Die Gruppe beauftragte 2015 und 2016 weitere Grabungen, unter anderem an der ersten Fundstelle. Zudem suchte das Präsidium der Universität den Kontakt zum Zentralrat der Juden sowie zum Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland. Man wollte abklären, ob es sich bei den neu gefundenen Opfern um Angehörige dieser Volksgruppen handeln könnte.

Dieses Vorgehen ist für die Chef-Archäologin und Professorin Susan Pollock vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität eine Selbstverständlichkeit, wenn es um sterbliche Überreste von Menschen geht. "Außerdem verweist die Verbindung zum Kaiser-Wilhelm-Institut, die meines Erachtens nicht in Frage steht, auf einen Kontext menschenverachtender Wissenschaft hin", argumentiert sie.

Zusammenhang mit Opfern von NS-Verbrecher Josef Mengele möglich

Im Februar 2021 machte Pollock die bisherigen Forschungsergebnisse in dem Fall bekannt. Ihr Ergebnis: Die Knochenfunde können keinen individuellen Opfern oder einem einzigen Ort des Verbrechens mehr zugeordnet werden. "Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, dass die sterblichen Überreste sicher unterschiedliche Ursprünge haben."

Es gebe keine konkreten Beweise, dass einige der Knochen aus Auschwitz beziehungsweise von Opfern von Josef Mengele stammen. Dennoch kann sie einen Bezug zu Josef Mengele "nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden", sagte Pollock.

Dass die Analyse der Knochen mehrere Jahre dauerte, erklärt Susan Pollock so: "Alles musste aufgrund der historischen Hintergründe sehr penibel untersucht werden. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Man sollte nicht erwarten, dass Ergebnisse sofort nach Ende einer Grabung vorliegen."

Ursprünglich hatte die Universität geplant, ihre Ergebnisse schon 2020 zu veröffentlichen. Pandemiebedingt wurde zunächst gewartet, im Februar 2021 fand eine Online-Präsentation statt.

Über erneute Grabungen wird derzeit diskutiert. Die involvierten Zentralräte hatten sich zuletzt gegen weitere Untersuchungen der Knochen ausgesprochen. Zwar könnten diese zu neuen Erkenntnissen über die Herkunft der Überreste führen, die Zentralräte befürworteten jedoch vielmehr eine baldige würdige, nichtreligiöse Bestattung.

Geschichte des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts wird weiter aufgearbeitet

Um über die düstere Geschichte des Kaiser-Wilhelm-Instituts aufzuklären, soll 2022 eine Ausstellung öffnen, die über die Verwendung der Räume damals und heute informiert. Außerdem ist ein gemeinsames Gedenk- und Bildungszentrum der Freien Universität und der Max-Planck-Gesellschaft geplant, um die Schattenseiten und Verbrechen des Instituts zu beleuchten.

Auch mit Verbänden weiterer Opfergruppen wird gesprochen: Aufgrund des sehr wahrscheinlichen Zusammenhangs der Funde mit der deutschen Kolonialgeschichte tauscht sich die Freie Universität Berlin seit Kurzem mit entsprechenden Organisationen aus.

Aus einer einfachen Baustelle ist somit ein Thema von nationaler Tragweite und mit vielen unterschiedlichen Dimensionen geworden, das an vielen Punkten eng mit den Schattenseiten der deutschen Medizingeschichte und Politik verwoben ist. Ein Ende der Aufklärungsarbeit ist deshalb noch nicht in Sicht: Der Fund wird die Freie Universität und die Max-Planck-Gesellschaft vermutlich noch weitere Jahre beschäftigen.

Verwendete Quellen:

  • Berliner Zeitung: Knochenfunde auf dem FU-Gelände: Alle Spuren weisen nach Auschwitz
  • Twitter-Account: Kritische Jurist*innen FU Berlin @JuristFu
  • Freie Universität Berlin: "Kein Schlussstrich"
  • Freie Universität Berlin: "Die Vorwürfe sind nachweisbar falsch, und sie sind ehrenrührig"
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