Nach dem Flugzeugabsturz einer Germanwings-Maschine soll keiner der 150 Passagiere überlebt haben. Die Bergung der Leichen geht auch am Mittwoch weiter. Für die Bergretter ist es ein Einsatz unter Lebensgefahr. So läuft die Bergung von Flug 4U9525.

Deutschland steht unter Schock. 150 Menschen, darunter 67 Deutsche, sollen beim Flugzeugabsturz des Germanwings-Fluges 4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf ums Leben gekommen sein. An der Absturzstelle in den südfranzösischen Alpen läuft die Bergung der Leichen und von Wrackteilen, die Aufschluss über die Unglücksursache geben sollen. Hoffnung auf Überlebende gibt es nach Angaben der Behörden keine mehr. Die Arbeit ist für die Bergungstrupps dennoch lebensgefährlich. Das erklärt Kriseninterventionsberater Michael Hirschvogel vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) unserem Portal. Das liegt vor allem an dem unwägbaren Gelände rund um die Unfallstelle und dem tückischen Wetter. Die wichtigsten Fragen zur Bergung in den französischen Alpen.

Wer birgt Leichen und Wrackteile?

"Es gibt überall spezielle Bergrettungseinheiten. Sie sind ausgebildet für Einsätze im Hochgebirge", erklärt Hirschvogel. "Entsprechendes gilt für Hubschrauberbesatzungen." Piloten und Bergretter trainieren unablässig Bergungen mit der Seilwinde - teils aus extremer Höhe. Hier sind nur erfahrene Spezialisten der Bergwacht am Werk. Sie nutzen Rettungshubschrauber auf dem höchsten Stand der Technik. Fehler, auch der Maschinen, können nicht geduldet werden. Die Bergwacht in den bayerischen Alpen setzt auf Hubschrauber vom Typ BK117 und EP135/145. Frankreich fliege vor allem mit der sogenannten Alouette, erzählt der Experte, aber auch mit den BK, besser bekannt als "Eurocopter".

Bei einem Flugzeugabsturz in Frankreich sind vermutlich 150 Menschen ums Leben gekommen. Bei der Unglücksmaschine handelt sich um eine Germanwings-Maschine der Marke Airbus A320, die auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf war. Unter den Opfern sind viele Deutsche.

Wie läuft die Bergung ab?

Laut Hischvogel werden "nicht 25 Hubschrauber gleichzeitig versuchen, auf den Berg hochzukommen. Das wäre ja der Wahnsinn!" Ein Einsatzleiter vor Ort koordiniert die einzelnen Flüge. Einer, der die örtlichen Begebenheiten in der Regel aus dem Eff-eff kennt. "Man muss von zwei, drei Maschinen im Einsatzgebiet ausgehen, aber nicht mehr. Jede zusätzliche Flugbewegung birgt zusätzliche Gefahren", schildert er - und sieht die Piloten in der Verantwortung. "Safety first" und Vernunft seien oberste Gebote, trotz der immensen psychischen Belastung und der Qual des eigenen Gewissens. "Da kann passieren, was will. Bevor die Maschine runter fällt, hat der Eigenschutz erste Priorität", erzählt er. Eigenwillige und vermeintlich heldenhafte Aktionen wie in Fernsehserien oft falsch dargestellt, hätten "mit der Realität gar nichts zu tun. Es ist niemand geholfen, wenn die sich übernehmen und runterfallen", meint Hirschvogel.

Welches sind die Schwierigkeiten?

Durch das steile Gelände ist eine Landung des Hubschraubers nicht möglich. Das zieht umso kniffligere Einsätze nach sich. "Das ganze Material und die Helfer müssen raufgeflogen und an der Einsatzstelle abgeseilt werden. Das ist sehr zeitaufwendig und verlangt vom Piloten ein erhebliches fliegerisches Können", erklärt Hirschvogel. Ergo: Ein Pilot muss seine Maschine "ziehend" über der Einsatzstelle halten, so ruhig wie möglich. "Und der Luftabwärtsstrom der Rotorblätter macht das nicht gerade einfach."

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Was sind die Gefahren?

Das unwägbare Gelände, zum einen. Die Höhe, zum anderen. "Je höher, desto dünner die Luft, desto mehr nimmt die Leistungsfähigkeit der Maschinenturbinen ab", erklärt Hirschvogel. "Da stoßen die Hubschrauber an ihre Leistungsgrenzen." Gefährlich seien auch die sogenannten Fallwinde, Aufwinde, die die Maschinen in Turbulenzen bringen können. Und dann müssten auch noch Wetterumschwünge berücksichtigt werden, gerade im Frühjahr. "Wenn ein Pilot sich nicht hundert Prozent sicher ist, verzichtet er auf einen Flug".

Wird bei Nacht geflogen?

Hirschvogel kann sich das nicht vorstellen. Es könne nur mit Nachsichtfluggeräten geflogen werden, das sei "dramatisch und hochgefährlich. Das wird nur gemacht, wenn es um Leben und Tod geht". In Deutschland werde nachts ausschließlich geflogen, wenn man sich nicht hundert Prozent sicher sei, ob ein Verunglückter nicht doch noch am Leben ist. Wenn keine Menschen mehr zu retten seien, werde dagegen in aller Ruhe und gewissenhaft gearbeitet, Experten eingeflogen, die Toten zu Tal gebracht, schildert er. Die Devise: Nur kein unnötiges Risiko eingehen.

Wird das Passagierflugzeug komplett geborgen?

Ob ganz oder nur teilweise muss das Bundesluftfahrtamt in Braunschweig entscheiden. Die Blackboxen werden auf jeden Fall zur Auswertung geborgen. "Ich persönlich gehe davon aus, dass Wrackteile, soweit vorhanden, geborgen werden, um diese wie bei einem Puzzle in einem Hangar wieder zusammenzusetzen", erklärt Hirschvogel. Nur so könne ermittelt werden, ob es schon vor dem Aufprall Schäden gab.

Riskieren Retter der Bergungstrupps ihr Leben?

Ja! Unwägbarkeiten, unvorhergesehene Ereignisse, im Hochgebirge sei nichts ausgeschlossen, erklärt Hirschvogel und nennt ein Beispiel: "Da braucht nur einer auf einem Fels einen Fehltritt machen, es bricht sich ein Stein aus und er kann sich nicht mehr halten." Die Helfer würden trotzdem versuchen, alle Toten runterzubringen, meint er. "Das ist eine psychologische Sache. Sie wollen allen Angehörigen die Chance geben, sich von ihren verstorbenen Familienangehörigen verabschieden zu können."

Michael Hirschvogel ist speziell ausgebildeter Kriseninterventionsberater des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Der 54-Jährige arbeitet als Schicht- und Lageleiter in der Rettungsleitstelle in Weilheim bei Garmisch-Partenkirchen. Von dort aus werden Hochgebirgseinsätze der entsprechenden Bergwachten vor Ort koordiniert.