Nach vier Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 5 innerhalb weniger Stunden sieht die italienische Erdbebenwarte eine neue Qualität. "Das ist ein neues Phänomen in der jüngsten Geschichte angesichts der Art und Weise, wie es aufgetreten ist", sagte der Seismologe Alessandro Amato der Nachrichtenagentur Ansa am Mittwoch.

Nachdem am Vormittag binnen einer Stunde drei schwere Erdbeben die Region um die Stadt Amatrice erschüttert hatten, folgte am Nachmittag ein weiterer Erdstoß der Stärke 5,1.

Ein Toter

Die Einsatzkräfte im Erdbebengebiet in Mittelitalien haben einen Toten unter den Trümmern eines Gebäudes gefunden. Die Leiche sei in dem Ort Castel Castagna in der Provinz Teramo geborgen worden, teilte der Zivilschutz am Mittwochabend mit. Nähere Angaben zu dem Todesopfer machte die Behörde nicht.

Juncker: EU sagt Italien Hilfe zu

Nach Angaben von Ministerpräsident Paolo Gentiloni gab es anscheinend keine Todesopfer. Die Region ist aber schwer zugänglich, weil dort seit Tagen meterhoch Schnee liegt. Das Innenministerium in Rom teilte mit, dass 750 Feuerwehrleute vor Ort von 100 weiteren Einsatzkräften und Spezialisten unterstützt werden sollten.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat Italien Unterstützung zugesagt. "Wir werden alle uns zur Verfügung stehenden Anstrengungen, Mittel und Hilfen bereitstellen, weil ich denke, dass Italien in dieser Sache - wie auch in der Migrationsfrage - nicht alleine gelassen werden kann", sagte Juncker am Mittwoch in Straßburg. "Ein Erdbeben in Italien ist ein Erdbeben in Europa. Wir sind alle Italiener."

Enorme Schneemengen erschweren die Hilfe

Die Zentren der Beben lagen laut Erdbebenwarte alle in rund zehn Kilometern Tiefe zwischen der Abruzzen-Stadt L'Aquila und der Stadt Rieti in der Region Latium und damit nahe der Stadt Amatrice. Die Region war bereits im August und im Oktober von starken Beben erschüttert worden.

"Ich weiß nicht, ob wir irgendetwas angestellt haben, ich frage mich das seit gestern, zwei Meter Schnee und jetzt noch das Erdbeben. Was soll ich sagen? Mir fehlen die Worte", sagt der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, im TV. In seinem Ort und in der Umgebung kamen bei dem Erdbeben am 24. August fast 300 Menschen ums Leben.

Von einem wirklichen Wiederaufbau kann immer noch kaum die Rede sein. Viele Überlebende beschweren sich, dass der Staat sie vergessen habe. Die neue Bebenserie wirft jetzt ein Schlaglicht darauf. Einziger, trauriger Trost: Da viele Orte sowieso schon zerstört und verwaist waren, konnten die neuen Beben wohl nicht viel mehr Schaden anrichten.

Nicht das neue Erdbeben sei nun das größte Problem, sondern der Schnee, so Pirozzi. Es müssten mehr Räumfahrzeuge her, viele Menschen seien von der Außenwelt abgeschnitten. Seit Beginn des Jahres schneit es in dem Regioneneck zwischen den Abruzzen, Latium, den Marken und Umbrien mehr oder weniger heftig. Nachts können die Temperaturen auf minus zehn Grad sinken.

Bürgermeister: "Monströser Notfall, Leute terrorisiert"

"Seit Monaten werden wir von Erdbeben verfolgt, die nie aufhören wollen", sagt der Anwohner der Gemeinde Montereale, Donato De Santis, der Nachrichtenagentur Ansa. "Wir wollen uns in Sicherheit bringen (...). Aber wir sind vom Schnee eingeschlossen."

Auch aus der Stadt Ascoli Piceno kommt ein verzweifelter Hilferuf. Der Bürgermeister verlangt das Militär. "Hier sind Hunderte Menschen isoliert und ohne Strom", sagt Guido Castelli laut Ansa. "Die Leute sind terrorisiert." Er spricht von einem "monströsen Notfall".

Ja, die Menschen sind seit jenem August-Beben das ständige Wackeln gewohnt, aber sie sind mit den Nerven am Ende. Zehntausende sind obdachlos, wohnen in Notunterkünften. Viele Orte sind Geisterorte. "Die Beben haben seit dem 24. August nie aufgehört, wir sind bei mehr als 45 000. Die Menschen, die in der Gegend wohnen, erleben das jeden Tag", sagte der Chef des Zivilschutzes Fabrizio Curcio.

Nach Einschätzung von Seismologen hängen auch die neuen heftigen Erdstöße wahrscheinlich mit dem Beben im August zusammen. Damals hieß es, es gebe einen Dominoeffekt.

Die gesamte Mittelgebirgsregion Italiens kann man mit anderen Worten auch als Pulverfass beschreiben. 2009 kamen bei einem Erdbeben in der Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila etwa 300 Menschen ums Leben.

Experten weisen immer wieder darauf hin, dass man Erdbeben nicht wirklich vorhersagen kann. Und noch schlimmer: Weitere, noch stärkere Erdbeben könne man nicht ausschließen, sagt der Erdbebenexperte Carlo Meletti der Zeitung "La Repubblica". Der Alptraum im Apennin geht weiter.© dpa