Er gilt als der mächtigste Drogenbaron der Welt – jetzt ist er spektakulär aus dem Gefängnis entkommen: Joaquín Guzmán, der Chef des mexikanischen Sinaloa-Kartells. Mit seinem Drogen-Schmuggel hat er es zum Milliardär gebracht. Seine Methoden: Bestechung, Drohungen und Mord.

Was ist schon das sicherste Gefängnis Mexikos mit riesigen Mauern, Gittern und Video-Überwachung? Für einen wie Joaquín Guzmán offenbar kein unüberwindbares Hindernis. Denn am Wochenende brach der mächtigste Drogenboss der Welt aus dem Hochsicherheitsgefängnis in El Altiplano aus. Und das nicht einfach irgendwie, sondern auf spektakuläre Weise:

Wie üblich ging "El Chapo", "der Kurze" – so wird Guzmán aufgrund seiner Größe von nur etwa 160 Zentimetern genannt – am Samstag um kurz vor 21 Uhr in den Duschbereich seiner Zelle. Das zeigen die Aufnahmen der Kameras dort – doch es sind zugleich die letzten Bilder. Denn der 58-jährige Guzmán kehrte nicht mehr zurück. Stattdessen verschwand er unbemerkt durch einen rund 1,5 Kilometer langen Tunnel.

Die Flucht war bis ins kleinste Detail geplant. Nur etwa 50 mal 50 Zentimeter habe der Eingang zum Tunnel gemessen. Dahinter erstreckte sich ein System aus Treppen, Belüftung und Beleuchtung. Der Tunnel führte schließlich in einen Rohbau vor dem Gefängnis. Nach 17 Monaten in Haft fehlt nun jede Spur von dem Mann. Mal wieder.

Milliarden mit Drogendeals verdient

Denn für den kleinen Mexikaner war es nicht das erste Mal hinter Gittern. Und schon einmal hatte er die Ordnungshüter zum Narren gehalten, als er 2001 aus dem Gefängnis Puente Grande im Bundesstaat Jalisco floh. Wie ihm das damals gelang, ist bis heute nicht ganz klar. Er habe sich in einem Wagen der Wäscherei versteckt, sagen die einen. Er habe einfach alle bestochen, vom Aufseher bis zum Direktor, vermuten die anderen.

Solche Mythen gehören zur Person Guzmán ebenso wie sein immenser Reichtum, den er mit dem Drogen-Schmuggel angehäuft hat. Das "Forbes"-Magazin führte ihn zuletzt 2013 auf Platz 67 seiner Liste der "mächtigsten Männer der Welt". Die Begründung: Die jährlichen Einnahmen seines Sinaloa-Kartells dürften drei Milliarden Dollar übersteigen. Guzmán selbst ist Milliardär und belegte 2012 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt Platz 1.153.

Vom Mohn-Bauern zum mächtigen Drogenboss

Der Mann sei denn auch der "gefährlichste Kartell-Anführer der Welt", sagte der ehemalige Chef der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde DEA, Paul Bensinger. Fünf Millionen Dollar Belohnung hatte die DEA nach seiner letzten Flucht für Hinweise versprochen. Nun, nach seinem erneuten Ausbruch drängt die Zeit. Werde der Drogenboss nicht binnen weniger Tage geschnappt, "dürften wir ihn nie wieder finden", sagte ein ehemaliger DEA-Mitarbeiter der "New York Times". Guzmáns Ziel könnten die Berge seiner Heimat im Bundesstaat Sinaloa sein. Von dort stammt er, dort baute sein Kartell auf und danach benannte er es auch.

Mit den Drogengeschäften kam "El Chapo" dabei schon als Kind in Kontakt. 1957 wurde er in La Tuna geboren, einem kleinen Bergdorf. Guzmán war erst ein paar Jahre alt, als er seinem Vater bereits bei der Ernte von Mohn half. Später nahm ihn der Drogenbaron Miguel Ángel Félix Gallardo unter seine Fittiche. Als Gallardo 1989 verhaftet wurde, heuerte Guzmán ehemalige Gefolgsleute und Schmuggler an und gründete das Sinaloa-Kartell.

Das Geschäft des Kartells: Geld oder Kugel

Seitdem liefert das Kartell vor allem Drogen aus Kolumbien in die USA – mit Tunneln, Schnell- und Fischerbooten, Traktoren, kleinen Flugzeugen oder versteckt in Chilischoten. Doch Guzmáns Männer sind nicht nur die größten Kokain-Schmuggler nach Amerika, die Zweige des Netzwerks reichen inzwischen bis nach Australien und Europa. Anders als bei der kolumbianischen Drogenlegende Pablo Escobar, mit der Guzmán gerne verglichen wird, beschränken sich die Sinaloa-Geschäfte jedoch nicht auf Kokain. Heroin, Marihuana, synthetische Drogen – alles hat das Kartell im Angebot.

Mit den Geschäften kommt das Geld. Und mit dem Geld kommen neue Geschäfte – so einfach ist das System der Verbrecher. Denn wo Probleme entstehen, wird nicht selten einfach bestochen. Egal ob Polizist, Richter oder Politiker. Oder Sinaloa deckt sich mit Waffen ein: Geld oder Kugel, heißt es dann. Wer nicht nach den Regeln des Kartells spielt, wird aus dem Weg geräumt. Zehntausende Menschen haben auf diese Weise im blutigen mexikanischen Drogenkrieg bereits ihr Leben verloren.

Manche sehen in Guzmán einen Wohltäter

Trotz aller Gewalt seines Verbrechersyndikats wird Guzmán von manchen Mexikanern nicht als brutaler Drogenboss wahrgenommen. Kurz nach seiner Festnahme 2014 etwa demonstrierten Tausende für den "Held von Sinaloa". Für sie ist Guzmán ein Wohltäter. Denn mit seinem Geld baute "der Kurze" auch Schulen und Krankenhäuser auf oder half bei Naturkatastrophen.

Um Guzmán ranken sich viele Legenden, die ihn als zuvorkommend und charmant beschreiben. Einmal habe er ein Restaurant in Sinaloas Hauptstadt Culiacan besucht. Dafür hätten seine Leibwächter erst den ganzen Laden verriegelt und alle Handys im Raum eingesammelt. Dann kam Guzmán, speiste – und zahlte am Ende die Rechnung aller Gäste.

Doch es gibt auch Geschichten über eine andere Seite von Guzmán. Etwa darüber, wie er einmal einen seiner Killer erschießen ließ, weil er die falsche Person ermordet hatte. Und während seiner ersten Haft soll er mit Geld und Drohungen jeden Insassen und Wärter für sich eingespannt haben. Auch bei seiner jüngsten Flucht dürfte ihm diese Methode wieder genutzt haben. Ein 1,5 Kilometer langer Tunnel gräbt sich schließlich nicht von alleine.