Brasiliens Mordrate klettert in Rekordhöhen. Vor allem die Gewalt gegen Frauen steigt. Ein besonders massiver Fall, von dem auch ein Video existiert, facht die Diskussionen zum Thema erneut an.

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Sieben Morde pro Stunde, 63.880 im Jahr – das ist der traurige Rekord Brasiliens. Noch nie kamen in dem südamerikanische Land so viele Menschen gewaltsam ums Leben, wie 2017, dem Jahr nach der großen Olympiasause in Rio. Doch nicht nur das: Ebenfalls stark angestiegen ist die Gewalt, die sich gezielt gegen Frauen richtet. Ein aktueller Fall zerrte das Thema nun wieder ins Rampenlicht.

Die Bilder, die Überwachungskameras am 22. Juli aufzeichnen, zeigen die Anwältin Tatiane Spitzner (29), die zunächst im Auto, später in der Tiefgarage und im Aufzug brutal von ihrem Partner Luis Felipe Manvailer geschlagen und misshandelt wird. Mehrfach versucht sie zu entkommen. Am Ende erliegt sie ihren Verletzungen. Manvalier wird des Mordes angeklagt.

Solche extremen Fälle häuslicher Gewalt rütteln immer wieder am Bewusstsein der Brasilianer, finden über die Sozialen Netzwerke rasend schnell Verbreitung. Das Spitzner-Video kursiert in mehreren Versionen, die zusammen hunderttausendfach geklickt wurden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass Spitzner sich offenbar scheiden lassen wollte.

"Atlas der Gewalt" registriert erschreckende Zahlen

211.000 Fälle von Gewalt an Frauen registrierten die Behörden im vergangenen Jahr. Die Zahlen stammen aus dem "Atlas der Gewalt", der beim brasilianischen Sicherheitsforum (FBSP) vorgestellt wurde.

Die Zahlen schnellen seit Jahren nach oben. 2011 waren nur 75.000 Fälle registriert worden. Wie überall, kann auch hier von einer wesentlich höheren Dunkelziffer ausgegangen werden. Denn anders als vielleicht in europäischen Ländern ist die Polizei für die Bevölkerung weniger der "Freund und Helfer", sondern stellt mitunter eine eigene, zusätzliche Bedrohung dar.

Willkür und Korruption gehören zum Alltag. Denn auch das ist ein Fakt: 2017 gingen über 5.000 Fälle der gewaltsamen Tode auf das Konto der Polizei. 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Zudem zählten die Datensammler des Sicherheitsforums rund 60.000 Vergewaltigungen und über 1.100 Femizide, also gezielte Morde an Frauen fest.

Politik versucht, Gewalt in den Griff zu bekommen

Immer wieder versucht die Politik, die ausufernde Gewalt in den Griff zu bekommen. Vor wenigen Tagen wurde das Gesetz "Maria da Penha" zwölf Jahre alt. Es geht zurück auf Maria da Penha, die die häusliche Gewalt ihres Mannes öffentlich machte.

Er hatte zunächst versucht, sie im Schlaf zu erschießen. Später wollte er sie durch Elektroschocks unter der Dusche töten. Da Penhas Mann, ein kolumbianischer Lehrer, wurde vom Bundesgerichtshof verurteilt; der Inter-Amerikanische Gerichtshof für Menschenrechte in San José, Costa Rica bestätigte das Urteil. Er musste für acht Jahre ins Gefängnis. Das auf diesem Fall basierende Gesetz hat das Strafmaß für häusliche Gewalt drastisch verschärft.

Anfang 2015 verabschiedete die Regierung ein weiteres Gesetz, dass den Mord an Frauen, den Femizid, eindeutig benennt. Der erste spektakuläre Fall seit Inkrafttreten des Gesetzes war der Mord von Robson Bertolez da Silva, damals 21 Jahre alt, an seiner Freundin Cristina da Silva (16) im Bundesstaat Sao Paolo.

Er hatte die junge Frau, mit der er erst wenige Monate zusammen war, mit einem Schuss in die Brust getötet. Allerdings tauchte in der Urteilsbegründung das Wort Femizid nicht explizit auf.

Zahl der Femizide steigt

Hauptmerkmal des Gesetzes ist das höhere Strafmaß, das Tätern droht. Liegt es bei Mord allgemein bei 6 bis 20 Jahre, kann es bei Femizid 12 bis 30 Jahre hoch ausfallen.

Zudem werden als straferhöhende Kriterien angeführt, wenn die Tat im Beisein von Kindern oder Familienangehörigen geschah, Personen unter 14 Jahren, Senioren oder Behinderte involviert sind, oder die Tat während oder bis zu drei Monate nach einer Schwangerschaft verübt wurde. Die Zahl der Femizide steigt: In der ersten Jahreshälfte 2018 registrierte die staatliche Stelle "Ligue 180" bereits 740 Fälle.

Weiteren Erhebungen zeigen: Morde und häusliche Gewalt hängen zusammen. 80 Prozent der Fälle resultieren daraus. Und weiter: In 50 Prozent der Fälle wird ein Familienmitglied als Täter identifiziert, bei einem Drittel ist es der Partner oder Ex-Partner.

Häusliche Gewalt ist ein Problem über alle Gesellschaftsschichten hinweg. Verwaltungssekretär Pedro Paulo, einst designierter Nachfolger des damaligen Bürgermeisters von Rio, Eduardo Pães, soll seine Lebenspartnerin Alexandra 2015 mindestens einmal verprügelt haben. Das hatte das Magazin Véjà recherchiert. Es berief sich auf die Zeugenaussagen zweier Polizisten. Statt einer Verurteilung kandidierte der Politiker für das Amt des Bürgermeisters, schaffte es aber nicht in die Stichwahl.

Wenige Anlaufstellen für Opfer

Gewalt an Frauen sind offenbar keine Einzeltaten. 40 Prozent der Opfer wurden nach eigenen Angaben täglich körperlich misshandelt, weitere 45 Prozent mehrfach pro Woche oder im Monat. Und das über einen langen Zeitraum hinweg. Bei rund jeder dritten Betroffenen dauert die Pein ein bis fünf Jahre, bei gut 13 Prozent fünf bis zehn Jahre und bei gut 16 Prozent sogar noch länger.

In einem Merkmal sind sich die allgemeine Gewaltstatistik und die Statistiken der Gewalt gegen Frauen sehr ähnlich: In beiden Fällen sind Schwarze überproportional vertreten. Bei den gewaltsamen Toden sind es überwiegend junge Männer und Heranwachsende, bei den Frauen überdurchschnittlich viele schwarze Frauen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren.

Anlaufstellen für Opfer gibt es, aber viel zu wenige. Im Bundesstaat Rio de Janeiro mit seinen fast 17 Millionen Einwohnern gibt es nur in 30 der 92 Bezirke private Einrichtungen wie die Casa da Mulher Trabalhadora (CAMTRA), eine Art Frauenhaus. Und in ganz Brasilien sogar nur ein staatliches Zentrum für Frauen die Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt wurden.


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