Es ist ein unwirtliches und karges Gebiet: die Arktis. Lange galt sie als unberührbar. Doch das Eis schmilzt rasant und macht die Gegend um den Nordpol als Rohstoffreservoir zunehmend interessant. Das weckt Begehrlichkeiten. Der Kampf um die Rohstoffe im hohen Norden ist in vollem Gange.

Deutschland ist ein Polarland. Das liegt nicht an seiner Lage, sondern an seiner Expertise im Umgang mit der Arktis. 220 Millionen Euro lässt sich Deutschland die Polarforschung jährlich kosten.

Mit der "Polarstern" und dem geplanten Nachfolger "Polarstern II" verfügt die Bundesrepublik über zwei sehr gut ausgestattete Polarforschungsschiffe.

Doch längst geht es nicht mehr nur um die Untersuchung des fragilen Öko-Systems oder das Sammeln von Wetter-Daten. Der Blick richtet sich mehr und mehr in Richtung wirtschaftlicher Nutzung.

Denn in der Arktis sollen Experten zufolge neun Billionen Dollar versteckt sein. Anders ausgedrückt: rund ein Drittel der weltweiten Erdgas-Reserven. Zudem werden große Erdölvorkommen vermutet.

Wegen des Klimawandels geht das Eis jedes Jahr zurück und wird dünner. Ab 2050 könnte die Arktis im Sommer eisfrei sein, vermuten Forscher.

Das Problem im hohen Norden

Umweltschützer wie Michael Meyer-Krotz von Greenpeace schlagen Alarm. Im Gespräch mit unserer Redaktion warnt er davor, genau die Rohstoffe zu fördern, die den Klimawandel verursachen. Und das in einem Gebiet, das am meisten vom Klimawandel betroffen sei und am sensibelsten auf Eingriffe in das Öko-System reagiere.

"So weit im Polarbereich gibt es kaum Infrastruktur. Mit menschlichem oder technischem Versagen muss allerdings immer gerechnet werden", so Meyer-Krotz. Wenn ein Tanker mit Treibstoff kentere, habe das gerade in der Arktis katastrophale Auswirkungen.

Nicht ganz so drastisch sieht es der Wissenschaftler Dieter Franke von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Im Interview mit unserer Redaktion verweist er darauf, dass die Förderung in den letzten Jahren gerade in der Arktis zurückgegangen sei.

Das mindere auch die Gefahr von Unfällen. "Im Moment erleben wir einen ganz starken Rückgang durch den schwachen Ölpreis auf dem Markt. Eine Förderung rentiert sich aktuell nicht", sagt Franke.

"Bis auf Russland vergeben alle anderen Anrainerstaaten Lizenzen an Privatunternehmen. Diese Unternehmen müssen dann fundiert darlegen, warum sich eine Rohstoffförderung an diesem Ort lohnen würde."

Förderung widerspricht Pariser Klima-Abkommen

Aktuell mache sich bemerkbar, dass sich an einigen Orten private Firmen zurückziehen, obwohl dort riesige Vorkommen vermutet würden. "Die Risiken sind einfach immens höher als in anderen Regionen auf der Erde", so Franke.

Also alles halb so wild? Nein, meint Greenpeace-Campaigner Meyer-Krotz: "Die Interessen an der Arktis sind ja noch da und das ist komplett unsinnig. Wenn wir die Klima-Ziele von Paris einhalten wollen, dann dürfen wir nicht mehr verbrennen, als wir es aktuell eh schon tun. Warum dann noch in die Arktis fahren?"

Zwar haben sich schon große Konzerne wie Shell aus der Arktis zurückgezogen, doch das sei keineswegs die Tendenz.

Diese Staaten erheben Ansprüche auf die arktischen Gebiete.

Ein Gegenbeispiel dafür ist Norwegen. Das Land vergibt immer noch Konzessionen.

"Und gerade weil der Ölpreis so niedrig ist, müssen einige Firmen in Norwegen extrem billig fördern. Das geht zur Lasten der Sicherheit", mahnt der Umwelt-Aktivist.

Deutschlands Rolle im ewigen Eis

Trotz der Warnungen ist Deutschland weiterhin wirtschaftlich am ewigen Eis interessiert. Wie andere Mitglieder des Arktischen Rates bringt sich Deutschland in Stellung, um vom Rohstoffvorkommen zu profitieren. Durch eine Beobachterrolle kann es sich international Gehör und Einfluss verschaffen.

In Arktischen Rat sind alle Anrainerstaaten sowie Finnland, Island und Schweden vertreten. Sie haben das Ziel, mögliche Kooperationen oder Konflikte multilateral zu lösen.

Deutschland habe natürlich ein Interesse an Rohstoffen. "Wir sind angewiesen darauf und gerade die Anrainerstaaten der Arktis gelten als zuverlässige und sichere Lieferanten", sagt Franke.

"Außerdem geht es ja nicht nur um die Förderung von Erdöl und Erdgas, sondern beispielsweise auch um seltene Erden."

Der Handel im Arktischen Meer

Schmelzendes Eis ist nicht nur für die Förderung von Erdöl, Erdgas, seltener Erden oder Gold förderlich, sondern auch für den internationalen Schiffshandel.

Gibt es weniger Eis, können Containerschiffe durch das nördliche Meer fahren und sparen mitunter tausende von Kilometern.

"Der Handel mit Asien wird wesentlich verkürzt und gleichzeitig wird er ökologischer, weil weniger Treibstoff verbraucht wird", sagt Franke.

Nicht umsonst schielen auch China und Singapur auf die Möglichkeiten, die sich durch eine eisfreie Passage der Nordmeere eröffnen.

Meyer-Krotz sieht das ähnlich, warnt jedoch abermals vor Unfällen: "Wenn in diesen Breitengraden ein Tanker havariert, gefährdet dieser ein Öko-System, das extrem anfällig ist. Für viele Fischbestände ist das arktische Meer die Kinderstube."

Wenn dort eine Naturkatastrophe passiere, habe das Auswirkungen auf die ganzen Fischbestände der Erde.

Ein neuer kalter Krieg?

Viele Rohstoffe, viele Nationen, viele Konflikte? Auch hier sieht Dieter Franke im Moment weniger Konfliktpotential. "Eigentlich sehen wir wenige Hinweise auf Konflikte. Vor drei Jahren hatte Norwegen einen Streit mit Russland, der allerdings schnell bilateral beigelegt war."

Auch zwischen Russland und den USA sehe er aktuell wenig Konfliktpotential, da die Begrenzungen der Anrainerstaaten ja festgelegt seien.

Greenpeace-Aktivist Meyer-Krotz ist da anderer Meinung.

"Wir haben da oben ein Gerangel, das extrem kompliziert ist. Vielleicht klappt das aktuell ganz gut, allerdings muss das nicht für die Zukunft gelten. Wir sehen außerdem, dass zum Beispiel Russland verstärkt Militär in die polaren Regionen versetzt."

Greenpeace fordert ein Schutzgebiet, aus dem sich alle Staaten komplett raushalten.

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