Dienstag, kurz nach 14:00 Uhr. Seit mehreren Stunden hält ein Amoklauf in Niederösterreich die Polizei in Atem. Der mutmaßliche Täter Alois H. hat zu diesem Zeitpunkt bereits drei Personen erschossen. Doch das österreichische Innenministerium hält die Medien an, das nicht weiter zu vermelden. Eine Taktik, die Leben retten soll. Aber ist das in Zeiten von Online- und sozialen Medien noch praktikabel?

Seit dem frühen Vormittag liefen Meldungen über einen Amoklauf in Niederösterreich über den Ticker. Ein Polizeisprecher bestätigte, dass der mutmaßliche Täter drei Personen erschossen hatte. Doch kurz nach 14:00 Uhr änderten die Nachrichtenagenturen die Meldung und berichteten von "drei angeschossenen Personen". Kurz vor 15:00 Uhr hieß es dann erneut, dass drei Personen erschossen worden waren. Eine seltener Vorgang in der Berichterstattung, der einen guten Grund hatte.

Angst vor weiterer Eskalation und Nachahmungstätern

"Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, ob der Täter einen Polizisten als Geisel genommen hat", erklärt ein Sprecher des österreichischen Innenministeriums auf Anfrage. Die Gefahr: Wenn der Täter über die Medien erfahre, dass er bereits mehrere Menschen auf dem Gewissen habe, könne es zu einer weiteren Eskalation kommen. Um das zu verhindern, wurden die Medien gebeten, nur noch zurückhaltend über den Amoklauf zu berichten. Die hielten sich daran. "Die Zusammenarbeit hat sehr gut funktioniert", sagte der Sprecher.

Auch Hermann Benker, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft DPoIG, lobt das Verhalten der österreichischen Medien. Er sieht bei einer zu reißerischen Berichterstattung über Amokläufe ein weiteres Problem: "Das kann Nachahmungstäter anziehen." Ähnliches gelte für Selbstmorde, über die Medien ebenfalls möglichst zurückhaltend berichten sollten, so Benker.

Informationspolitik in Zeiten der sozialen Medien

Doch ist das Zurückziehen einer bereits bestätigten Meldung in Zeiten von Online- und sozialen Medien überhaupt noch möglich? "Das Problem gab es schon vorher, weil ja auch das Fernsehen oder das Radio zeitnah darüber berichten", sagt Benker. Dennoch verändere sich die Polizeiarbeit gerade durch soziale Medien - weil die Polizei immer häufiger mit Informationen aus diesen Netzwerken konfrontiert werde. Das beinhalte dann oft Halbwissen, das dennoch medial weiterverbreitet wird.

Deswegen sei die Polizei zu einem Umdenken aufgefordert. "So wie früher nur noch auf Pressekonferenzen zu verweisen, die dann in ein paar Stunden stattfinden, reicht nicht mehr", sagt Benker. Vielmehr müsse auch die Polizei verstärkt in sozialen Netzwerken aktiv werden, um möglichst schnell über die eigentliche Faktenlage zu informieren. - auch wenn damit mit Sicherheit keine Amokläufe verhindert werden. (cai)