Der Amokläufer von München bestellte seine Tatwaffe im sogenannten Darknet, einem "geheimen" Teil des Internets. Aber was hat es mit dem verschlüsselten Netzwerk eigentlich auf sich? Ein IT-Experte vom Bund Deutscher Kriminalbeamter erläutert die dunklen Seiten des Darknets - zeigt aber auch die positiven Aspekte auf.

Wie erklären Sie einem Menschen, der kein Computerexperte ist, das Darknet?

Ronald Schulze: Das eine Darknet gibt es gar nicht. Es ist ein Teil des Deep Web, also von dem Teil des Internets, das nicht durch die uns allgemein bekannten Suchmaschinen angezeigt wird. Es ist auch komplett anders aufgebaut als das Internet, dezentral oder auch als sogenanntes P2P-Netzwerk [Peer-to-Peer; Anm.d.Red.] zwischen einzelnen Nutzern.

Im Darknet gibt es durch verschiedene Verschlüsselungsmethoden zudem einen hohen Grad an Anonymität. Der Nachteil beziehungsweise - aus Sicht von Kriminellen - Vorteil ist: Wenn ein Anbieter von Content offline geht, dann ist der Inhalt auch weg.

Wozu dient das Darknet?

Das Darknet ist nicht per se etwas Schlechtes, auch wenn nach dem Amoklauf in München oft der Eindruck erweckt wurde. Ich war zur Vorbereitung auf dieses Gespräch auch kurz im Darknet, das ist nicht verboten. Es gibt hierfür sehr einfach zu verstehende Anleitungen, mit Hilfe welcher Techniken, also beispielsweise mit welchen speziellen Browsern, man dorthin kommt.

Dennoch gibt es dort ein höheres Maß an Kriminalität als im sogenannten "Visible Web". Sie können alle möglichen Waren und Dienstleistungen erwerben, die Bandbreite ist da so groß wie im normalen Leben: Prostitution, Online-Attacken, Waffen, Drogen, verbotene Medikamente, gefälschte Identitäten, bis hin zu Mordaufträgen. Daneben wird das Netzwerk aber auch zum verschlüsselten Informationsaustausch benutzt.

Wer treibt sich dort herum?

Im Darknet tummeln sich einerseits ganz normale Leute, die einfach neugierig sind und es mal ausprobieren wollen, andererseits aber auch Menschen, die kriminelle Waren und Dienstleistungen kaufen und verkaufen möchten. Der Eindruck, dass dort nur Kriminelle unterwegs sind, trügt jedoch. Aber richtig ist auch: Diese Menschen weichen vom Internet verstärkt ins Darknet aus.

Was kann man im Darknet bekommen, was man im Internet nicht bekommen kann?

Praktisch alles, was man sich so vorstellen kann. Und ich meine wirklich alles. Aber ein Nachteil ist: Sie haben keine Gewähr, dass die Ware auch tatsächlich zu ihnen kommt und dass die Qualität stimmt. Ein Waffen- oder Drogenhändler hat ja kein Impressum.

Sollte das Darknet verboten werden?

Nein, das geht gar nicht. Sie können höchstens versuchen, die kriminellen Tätigkeiten zu verfolgen. Übrigens waren es die USA, die ein solches System ursächlich gefördert und unterstützt haben, um Oppositionellen in Diktaturen eine Kommunikations- und Datenaustauschmöglichkeit zu geben.

Der Amokläufer von München besorgte sich offenbar spielend leicht eine Waffe im Darknet. Haben die Sicherheitsbehörden überhaupt die Fähigkeiten und die Möglichkeit, um so etwas zu verhindern?

Durch den hohen Grad der Verschlüsselung ist das sehr schwer. Zudem gibt es eine hohe Fluktuation der Webseiten, das ganze System ist sehr dynamisch. Man kann zwar die Eingangs- und Ausgangsstellen des Darknets beobachten, aber kaum, welche Inhalte dazwischen abgefragt oder ausgetauscht wurden. Anders gesagt: Man kann ganz gut sehen, wer das Darknet benutzt, aber nicht, was diese Personen dort machen.

Also macht eine Überwachung des Darknets gar keinen Sinn?

Nein, so kann man das nicht sagen. Man könnte beispielsweise Server ködern, um die Nutzer auf eine falsche Fährte zu locken. Es gibt schon Möglichkeiten der Überwachung, aber es ist schwieriger als im Internet. Es gibt zum Beispiel verschiedene Aussagen, dass rund die Hälfte der bereits genannten Eingangs- und Ausgangsstellen überwacht werden.

Gibt es auch positive Aspekte des Darknets?

Ja, die gibt es. Oppositionelle rund um die Welt nutzen das Darknet, um verschlüsselt zu kommunizieren - in China, im Iran, vielleicht jetzt auch in der Türkei nach den aktuellen Entwicklungen. Während des Arabischen Frühlings 2011 fand ebenfalls viel Austausch im Darknet statt. Und schließlich nutzen auch Plattformen wie Wikileaks das Netzwerk, um dort Informationen hochzuladen und zur Verfügung zu stellen.

Also ist das Darknet gar nicht so schlimm, wie es sein Name vermuten lässt?

Nein, das Darknet ist nicht per se böse.

Zur Person: Ronald Schulze (55) ist Geschäftsführer des IT-Expertenkreises beim Bund Deutscher Kriminalbeamter.