Ein Jahr voller Höhen und Tiefen: Griechenlands Zukunft in der Eurozone steht auf Messers Schneide, doch mit einem Kraftakt gelingt die Rettung in letzter Minute.

Das Jahr 2014 endet mit einer schlechten Prognose für Griechenland. Weil auch nach der dritten Abstimmungsrunde keine Mehrheit für einen neuen Präsidenten entstanden ist, muss sich das Parlament auflösen, Neuwahlen für Januar werden ausgerufen.

Schon damals warnt man in Brüssel vor den Konsequenzen einer Neuwahl. "Es wird schwierig sein, neue Programme zu vereinbaren", lautet die Befürchtung. Sie sollte sich bewahrheiten.

Alexis Tsipras wird neuer Regierungschef

Die Neuwahlen am 25. Januar 2015 werden zu Alexis Tsipras' Sternstunde. Der bis dato eher unbekannte Chef von Syriza, einem Bündnis aus mehreren Splitterparteien, nutzt die Gelegenheit, um Wahlkampf mit einem Versprechen zu machen.

Er will dem Sparprogramm der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) ein Ende setzen.

Ausgerechnet mit der rechtspopulistischen Anel, den "Unabhängigen Griechen", geht Tsipras ein Bündnis ein, um im Parlament die Mehrheit zu erreichen. Was sie verbindet: der Ruf nach einem Schuldenschnitt.

Kaum im Amt, kündigt der damals 40-jährige Regierungschef das Ende der Privatisierungen der maroden Staatsunternehmen an; gleichzeitig setzt der neue Finanzminister Gianis Varoufakis die Zusammenarbeit mit der Troika aus.

Stattdessen kündigt die neue Regierung ein "nicht verhandelbares Sozialpaket" an. Der Eklat ist perfekt.

Was der Wahlsieg von Syriza für Deutschland und Europa bedeutet.

Schulden in Höhe von 174 Prozent

Doch die neue Regierung wird schnell von der Realität eingeholt. Denn Ende Februar läuft das zweite Hilfspaket für Griechenland aus. Die notwendigen Reformen müssen bis dahin umgesetzt werden, andernfalls gilt das Programm als gescheitert. Zudem braucht die Regierung dringend Geld. Raten an den IWF wollen bezahlt werden.

Athens Schuldenberg beläuft sich auf 174 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung – trotz der Rettungspakete im Wert von 240 Milliarden Euro, die das Land von der europäischen Gemeinschaft bis dahin bereits bekommen hat.

Weil die an die letzte Tranche gebundenen Bedingungen von der Vorgängerregierung unter dem Konservativen Antonis Samaras nicht erfüllt wurden, halten die Geldgeber 7,2 Milliarden Euro zurück. Der neue Regierungschef Tsipras verlangt mehr Zeit, das Programm wird daraufhin bis Ende Juni verlängert.

Unterdessen soll der Linkspolitiker schnell Reformpläne vorlegen. Ein Machtspiel zwischen ihm und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beginnt. Schließlich einigen sich beide Seiten darauf, dass die Troika ihre Arbeit in Athen wieder aufnimmt.

Um der neuen Regierung entgegenzukommen, legt die Troika allerdings ihren verhassten Namen ab und nennt sich nur noch "die Institutionen".

Auf eine vollständige Reformliste wartet man in Brüssel zunächst weiter vergebens. Sie kommt erst im April. Doch sie ist unvollständig, die Entscheidung über die Freigabe der nächsten Rate wird verschoben.

Rating-Agenturen waren vor Griechen-Pleite

Inzwischen stürzen sich die Rating-Agenturen auf Griechenland. Das Land stehe kurz vor dem Bankrott, warnen Moody's, Fitch und Standard & Poor's. Die neue Deadline ist Ende Mai.

Die Angst, dass Hellas stürzen könnte, überschattet selbst einen Gipfel in Riga, der eigentlich den östlichen Partnerstaaten der EU gewidmet sein soll. Eine Einigung auf höchster Ebene aber erreicht Tsipras auch dort nicht.

Inzwischen ist es Juni. Ende des Monats läuft auch die Verlängerung des zweiten Hilfspakets aus. Aus Athen kommen erste – konkretere – Vorschläge wie die Einführung einer Luxussteuer und die von den Geldgebern lange geforderte Erhöhung und Vereinheitlichung der Mehrwertsteuer; sogar zu Privatisierungen erklärt sich der Linkspolitiker bereit.

Und auch das Streitthema Renten kommt zur Sprache: Erstmals zeigt Tsipras die Bereitschaft, das Eintrittsalter zu erhöhen. Doch der Regierungschef will weiter an seinem Sozialprogramm festhalten, für das in den griechischen Kassen jedoch das Geld fehlt.

Besonders aus osteuropäischen Ländern hagelt es dafür harsche Kritik: Denn nur durch harte Sparmaßnahmen haben diese einstigen sowjetischen Satellitenstaaten zu regelrechten Wirtschaftswundern entwickelt, deren Wachstumsraten die der übrigen EU-Länder weit übersteigen.

Nur noch 60 Euro am Tag

Der erhoffte Kompromiss bleibt aus, das von der EU gestellte Ultimatum 18. Juni verstreicht ohne konkrete Vorschläge aus Athen. Ein Sondertreffen jagt das nächste, doch was Griechenland vorschlägt, sind kaum Einsparungen, sondern hauptsächlich Steuererhöhungen.

Fünfmal kommen die Finanzminister in jener Juni-Woche zusammen. Auch ein eilig einberufener Sondergipfel mit den Staats- und Regierungschefs der Eurozone bringt nicht die erhoffte Wende.

In Griechenland macht sich Panik breit. Immer mehr Menschen plündern ihre Konten. Nur durch das Notprogramm ELA der Europäischen Zentralbank bleiben die Geldhäuser flüssig.

Die "Grexit"-Debatte wird hitziger. So sehr, dass schließlich die Banken schließen müssen, die Griechen können nur noch 60 Euro am Tag abheben.

Schließlich scheint das Schicksal der Hellenen besiegelt. "Die griechische Regierung hat die Verhandlungen abgebrochen", sagt Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. "Das Programm läuft am Dienstag (30. Juni; Anm. d. Red.) aus."

Der Grund: Tsipras ruft völlig überraschend zu einem Referendum auf. Es soll am 5. Juli stattfinden, die Griechen sollen dabei entscheiden, ob sie einem Programm zustimmen, das die Geldgeber vorgeschlagen hatten, das zu diesem Zeitpunkt aber längst nicht mehr zur Debatte steht, weil es bereits durch einen letzten Kompromissvorschlag der Institutionen ersetzt wurde.

Zu allem Überfluss wirbt Syriza massiv für ein "Nein" bei der griechischen Bevölkerung.

Varoufakis tritt zurück

Das Ergebnis ist klar und unmissverständlich: 61 Prozent der Griechen stimmen mit "Nein". Tsipras interpretiert das Ergebnis als Vergrößerung seines Verhandlungsmandats.

Doch in Brüssel will niemand mehr mit ihm verhandeln – oder vielmehr mit seinem Finanzminister Varoufakis, der sich durch mehrere Fehltritte und vorauspreschende Rhetorik bei seinen Amtskollegen mehr als einmal unbeliebt gemacht hat.

Varoufakis tritt daraufhin zurück – wohl auf Drängen von Tsipras – und Euklid Tsakalotos übernimmt.

Die Lage ist ernst. Denn zum ersten Mal bleibt eine fällige Rate an den IWF unbezahlt. 1,54 Milliarden Euro, auf die man in Washington vergeblich wartet. Zahlungsaufschub kann der Fonds aber nicht gewähren.

Der Staatsbankrott Griechenlands scheint nur noch eine Frage der Zeit – und der Formalitäten. Eine Mammutsitzung über 17 Stunden, in der Schäuble erfolgreich die Drohkulisse eines "Grexits" aufbaut, bringt endlich den erhofften Durchbruch.

Binnen weniger Tage muss Griechenland erste Reformen umsetzen, erst dann sind die übrigen Eurostaaten bereit, über ein neues, drittes Hilfsprogramm zu verhandeln.

Eilig verabschiedet die Eurogruppe eine Brückenfinanzierung, um Hellas den Kopf zu retten. Sieben Milliarden Soforthilfe werden überwiesen – und sind sofort durch die Abzahlung fälliger Raten bei IWF und EZB wieder weg.

Aus der Troika wird die Quadriga, denn eine Lösung im Griechenland-Krimi scheint nur noch mit der Hilfe des Europäischen Stabilitätsmechanismus möglich. Fieberhaft arbeiten Arbeitsgruppen ein Programm aus, das die Hellenen ein für alle Mal aus der Schuldenfalle führen soll.

Dazu gehören ein Treuhandfonds, der die Privatisierung der maroden Staatsunternehmen endlich vorantreibt, eine massive Umstrukturierung des Rentensystems, die Vereinheitlichung der Mehrwertsteuer und vor allem wirksame Mittel gegen Steuersünder.

Mitte August kommt die Erlösung: Letzte Details sind geklärt, das 86 Milliarden schwere Paket ist geschnürt. Die Zustimmung der nationalen Parlamente folgt auf dem Fuße, auch der Bundestag stimmt zu.

Tsipras tritt zurück

Doch neue Probleme zeichnen sich schnell ab. Tsipras' eigenes Parteienbündnis zerbröselt, Syriza droht zu zerfallen. Weitere Reformen kann der Regierungschef auf diese Weise kaum durchsetzen.

Mit den Geldgebern vereinbart er seinen Rücktritt. Bis zu den Neuwahlen im September bleiben die Reformprozesse liegen. Griechenland tritt mal wieder auf der Stelle.

Langsam holt auch die sich massiv verschärfende Flüchtlingskrise die Griechenland-Debatte ein. Beinahe rücken die immer noch großen Probleme des Landes in den Hintergrund.

Das griechische Parlament verabschiedet derweil – wenn auch mit deutlichem Verzug – weitere Reformen. Das Herbstgutachten der EU-Behörde fällt ein vernichtendes Urteil für Griechenland. Das Wachstum schrumpft weiter, erst 2017 sind die Aussichten wohl wieder rosiger.

Das Schlimmste ist wohl überstanden

Im November sollte Griechenland eigentlich die nächste Rate aus dem Hilfsprogramm bekommen. Doch es hapert wieder mit den Reformen. Tsipras will die Ärmsten der Armen nicht aus ihren Häusern jagen, doch die Kreditgeber fordern ein Ende der faulen Kredite.

Schließlich gelingt ein Kompromiss, der auch im griechischen Parlament akzeptiert wird, wenn auch nur knapp. Die Mehrheit bröckelt langsam, es gibt neue Abweichler.

Schon wird gemunkelt, Tsipras müsse sich eine der gemäßigten Parteien als dritten Koalitionspartner hinzuholen, um den Zeitplan des neuen Hilfspakets einhalten zu können.

Denn bis Jahresende ist noch genug zu tun: Griechenland muss seine Banken sanieren, der Finanzbedarf übertrifft die dafür bereitgestellten zehn Milliarden Euro der Geldgeber bei Weitem.

Für das kommende Jahr wird erwartet, dass die griechische Staatsverschuldung nur knapp an der 200-Prozent-Marke vorbeischrammt. Doch es gibt einen Lichtblick: Den Prognosen zufolge ist der Höhepunkt erreicht.

Spannend dürfte es dennoch auch im kommenden Jahr bleiben. Denn bis Griechenland sich erholt hat, ist noch ein weiter Weg zu gehen.