Freiwillig und in Eigenverantwortung: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ruft im" Tübinger Appell" einen Sonderweg im Kampf gegen Corona aus. Vorbild ist Schweden, Ältere sollen zum Beispiel nicht mehr Bus fahren.

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Boris Palmer ist bekannt dafür, eigene Wege zu gehen. Das ist vermutlich auch ein Grund dafür, warum der seit 2007 regierende grüne Oberbürgermeister der Universitätsstadt Tübingen regelmäßig auf große Zustimmungswerte kommt.

Auch in der Coronakrise schlägt Palmer einen Sonderweg ein – und nimmt sich dabei das in Expertenkreisen durchaus umstrittene schwedische Modell als Vorbild.

Schweden setzt auf Freiwilligkeit - keine Maskenpflicht

Die schwedische Regierung setzt im Umgang mit der Pandemie nicht auf Verbote, sondern appelliert regelmäßig an die Eigenverantwortung der Bevölkerung.

Eine Maskenpflicht existiert in dem skandinavischen Land mit etwas mehr als zehn Millionen Einwohnern ebenso wenig wie sonstige staatlich verordnete Vorgaben. Die Regierung formuliert stattdessen zur Eindämmung des Coronavirus Empfehlungen, Ratschläge und Appelle an die Vernunft der Bürger.

Palmer setzt in Tübingen selbstverständlich die von der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten vergangene Woche beschlossenen Maßnahmen im Rahmen des "Lockdown light" um. Doch darüber hinaus ruft er seine Tübinger zu weitergehenden Vorsichtsmaßnahmen auf - aber eben freiwillig.

Zusammen mit dem Ersten Bürgermeister Cord Soehlke und Bürgermeisterin Daniela Harsch sowie Lisa Federle, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes im Kreis Tübingen, und Michael Bamberg, Leitender Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Tübingen, hat Palmer den sogenannten Tübinger Appell formuliert.

"Damit wir mit den nun beschlossenen Entbehrungen die erhoffte Eindämmung des Coronavirus erreichen, möchten wir an Sie alle appellieren, die neuen Regeln nicht nur zu respektieren, sondern einen Schritt weiterzugehen", heißt es dort.

Tübinger Appell: Vier freiwillige Maßnahmen zum Schutz von Risikogruppen

Zum Schutz der Älteren wurden folgende besondere Konzepte entwickelt und realisiert:

  • Tübinger Senioren sollen nicht mehr den Stadtbus benutzen, sondern für "unabdingbare Fahrten" ein Anrufsammeltaxi in Anspruch nehmen. Dies könne dank der finanziellen Unterstützung der Stadt zum selben Preis wie die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt werden. Zudem bitte man alle, "die fit genug sind, nicht den Bus, sondern das Fahrrad zu nutzen, auch wenn es jetzt kälter wird".
  • Um das "tödliche Eindringen des Virus" in Altenheime zu verhindern, werden Besucher einem Corona-Schnelltest unterzogen. Personal in Alten- und Pflegeheimen werde in Tübingen bereits seit Anfang September regelmäßig getestet.
  • Tübinger über 65 Jahre bekommen kostenlos eine FFP2-Maske von der Stadt gestellt; bereits im April versorgte Tübingen die ältere Generation kostenfrei mit Masken, damals allerdings nur mit den zu dem Zeitpunkt verfügbaren Stoffmasken.
  • Die Generation unter 65 Jahren wird gebeten, das Zeitfenster zwischen 9:30 Uhr und 11 Uhr den Risikogruppen zum Einkauf zu überlassen. Ein solcher Appell wurde bereits im April gemeinsam mit dem Handel- und Gewerbeverein der Stadt formuliert und nun erneuert.

Anders Tegnell erklärt steigende Zahlen in Schweden

In Schweden sind die Fallzahlen zuletzt wieder gestiegen. Ende der vergangenen Woche verzeichneten die Skandinavier so viele Neuinfektionen wie niemals zuvor.

"Das kann ja so aussehen, als hätten wir mehr Fälle als im Frühjahr. Aber das ist nicht wahr", analysierte der Staatsepidemiologe Anders Tegnell - für viele das Gesicht des Sonderwegs - auf einer seiner unzähligen Pressekonferenzen zur Corona-Lage.

Die Ausbreitung in der Bevölkerung sei damals um ein Vielfaches größer gewesen, allerdings habe man damals nicht im Geringsten dieselben Kapazitäten zum Testen gehabt wie heute. Dennoch bilanzierte Tegnell, dass sich die Lage in Schweden zunehmend verschlechtert.

Schweden: Zu Beginn der Corona-Pandemie die Alten vergessen

Im Frühjahr hatte das EU-Land deutlich höhere Infektions- und Todeszahlen verzeichnet als der Rest Skandinaviens. Vor allem in den Alten- und Pflegeheimen starben viele Senioren, weil auch aufgrund fehlender Schutzausrüstung für das Personal die Verbreitung des Virus nicht gestoppt werden konnte.

Zudem "war uns nicht richtig bewusst, wie anfällig die älteren Menschen wirklich waren", räumt der Stockholmer Epidemiologe Jonas F. Ludvigsson rückblickend ein.

Der derzeitige Wert der Neuinfektionen in Schweden liegt im europäischen Vergleich auf die Bevölkerungszahl heruntergerechnet niedriger als in anderen Teilen Europas und auch leicht unter den Werten Deutschlands.

Verwendete Quellen:

  • Agenturmaterial von dpa und afp
  • tuebingen.de: Gemeinsam gegen Corona - Tübinger Appell
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