• Seit 1. August gilt die neue Corona-Testpflicht für Reiserückkehrer aus dem Ausland.
  • Doch wie hoch ist eigentlich die Gefahr, die von den Reisenden ausgeht?
  • Dies zu bewerten, ist selbst für Epidemiologen schwer.

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Ein unbeschwerter Sommer sollte es werden, die Lust zu verreisen ist groß. Gleichzeitig stuft die Bundesregierung auf ihrer Website die weltweite Corona-Infektionslage als "nach wie vor sehr dynamisch" ein. Eine Reaktion darauf war die Ausweitung der Testpflicht für Reiserückkehrer am 1. August. Doch wie groß ist überhaupt die Gefahr, die von Reisenden ausgeht?

"Das kann man nicht so einfach festmachen", sagt der Epidemiologe Hajo Zeeb. Allerdings könne man eine Sache dabei in Erwägung ziehen – die Erfahrung aus dem letzten Jahr. Laut RKI konnten ca. 25 % der Corona-Infektionen in der Sommerurlaubszeit 2020 auf Reiserückkehrer zurückgeführt werden. "Das ist schon eine ganze Menge!" sagt Zeeb.

Die Coronavirus-Einreiseverordnung soll Ähnliches in diesem Jahr verhindern. Dabei unterscheiden sich die Vorgaben je nach Reiseziel. Bei der Einreise aus Ländern, die nicht als Risikogebiet eingestuft werden, müssen lediglich Ungeimpfte einen negativen Test vorweisen.

Strenge Auflagen für Reiserückkehrer aus Hochrisikogebieten

Strenger sind die Auflagen bei der Ankunft aus einem Hochrisikogebiet. Dann ist eine digitale Anreiseanmeldung notwendig. Ungeimpfte und Kinder unter 12 Jahren müssen sogar in Quarantäne. Als Hochrisikogebiete gelten zum Beispiel Spanien, die Türkei, Thailand, Großbritannien oder die USA, aber auch Teile von Frankreich oder Griechenland.

Erfolgt die Einreise aus einem Virusvariantengebiet, ist für alle Erwachsenen ein Test sowie eine 14-tägige Quarantäne obligatorisch – egal ob geimpft oder nicht. Zurzeit gelten allerdings keine Staaten oder Regionen als Virusvariantengebiete. Die genauen Regelungen sind auf der Website der Bundesregierung einzusehen.

Doch warum kam die Verordnung so spät – zu einem Zeitpunkt, als die Sommerferien in vielen Ländern bereits angelaufen oder – wie in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein – sogar schon zu Ende waren?

Spitzenreiter Türkei – 12 Prozent aller Corona-Infektionen finden im Ausland statt

"Es ist sicher eine der Reaktionen darauf, dass die Zahlen früher hochgegangen sind als man vermutet hatte", sagt Hajo Zeeb. Dazu komme der Lerneffekt aus dem letzten Jahr, dass Reisen "schon keine unerhebliche Rolle spielen". Wobei die Delta-Variante den Effekt noch verstärke.

Die Zahlen aus dem Wochenbericht des RKI (Stand 19.8.2021) scheinen dies zu bestätigen. In der Woche 32 fanden demnach 12 Prozent aller Corona-Infektionen im Ausland statt. Rechnet man nur die Infektionen, bei denen tatsächlich eine Angabe zum Infektionsort gemacht wurde, nimmt das Ausland gar rund ein Viertel ein.

In Woche 32 wurden 3.707 Infektionen gemeldet, die im Ausland stattfanden, 11.927 in Deutschland. Spitzenreiter bei den Expositionsländern ist die Türkei mit 948 Infektionen. Dahinter folgt mit Abstand Kroatien mit 537 Fällen.

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Psychologischer Effekt durch Testpflicht

Hajo Zeeb sieht vor allem einen psychologischen Effekt durch die Testpflicht: "So wird allen nochmal klar, dass nicht alles unbeschwert vor sich geht." Dagegen sei er skeptisch, ob tatsächlich so viele Fälle erkannt würden, dass ein epidemiologischer Effekt sichtbar würde.

"Wir haben insgesamt noch relativ niedrige Fallzahlen", so Zeeb. "Die positiven Tests haben dabei sicher nur einen geringen Anteil. Ob sich das wirklich messbar auswirkt, ist schwer zu sagen." Trotzdem stellt er die Bedeutung des Testens nicht infrage: "Im Moment muss man betonen, dass jede gefundene positive Person aufgrund von Delta sehr wichtig ist."

Das RKI empfiehlt deshalb: "Reisetätigkeit sollte wenn möglich weiterhin eingeschränkt bleiben, da Reisen in der Regel zu mehr Kontakten und möglichen Eintragungen von SARS-CoV-2 führen." Doch diese Aussage findet Hajo Zeeb zu allgemein. "Es ist ja etwas anderes, ob ich alleine in den Vogesen in einer Berghütte bin oder an der Riviera am Strand mit vielen Menschen und Restaurantbesuchen." Auch an Flughäfen oder Bahnhöfen seien die Infektionsrisiken höher – gerade bei der Delta-Variante.

Ist die Testpflicht für Reiserückkehrer zu undifferenziert?

Es handele sich also um eine "lokal spezifische Risikoabwägung". Die in der Praxis nicht durchführbar sei. "Da wird dann alles über einen Kamm geschert", so Zeeb. Das gelte auch für den innerdeutschen Tourismus. Immerhin ist das eigene Land der Deutschen beliebtestes Reiseziel.

"Der innerdeutsche Raum wird anders betrachtet", erklärt Zeeb auf die Frage, warum es bei Reisen innerhalb Deutschlands keine Testpflicht gibt. "Das kann man nicht wirklich begründen."

Letztlich sei das übergeordnete Ziel das Abflachen der Welle, so Zeeb. Und die Testpflicht nur eine von vielen Maßnahmen. Dem Risiko, sich zu infizieren, könne man durch vernünftiges Verhalten und Geimpftsein entgehen, erklärt der Epidemiologe und hat noch einen Rat parat: "Bei irgendwelchen Symptomen lieber schneller zum Test greifen!"

Über den Experten: Prof. Dr. med. Hajo Zeeb leitet die Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Hajo Zeeb
  • Website der Bundesregierung: Testpflicht für Reiserückkehrer
  • Wöchentlicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19)
  • Website des Robert Koch-Instituts: Informationen zur Ausweisung internationaler Risikogebiete durch das Auswärtige Amt, BMG und BMI
  • Website des Robert Koch-Instituts: Risikobewertung zu COVID-19
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