In Frankfurt infizierten sich nach einem Gottesdienst mehr als hundert Menschen, in Ostfriesland nach einem Restaurantbesuch knapp 20. Solche Superspreader-Events sind ein wiederkehrendes Merkmal der Corona-Ausbreitung.

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Wochenlang warteten Gläubige darauf, wieder gemeinsam beten zu dürfen. Am 1. Mai war es in Hessen so weit, Gottesdienste wurden unter Auflagen wieder erlaubt. Ein Ausbruch bei einer Glaubensgemeinde in Frankfurt zeigt jedoch, was passieren kann, wenn mehrere unglückliche Faktoren zusammenkommen.

Nach einem Gottesdienst in einer Baptistengemeinde infizierten sich mehr als hundert Personen mit dem Coronavirus. Viele Betroffene waren nicht vor Ort, steckten sich aber im Anschluss bei Besuchern des Gottesdienstes an. Der Fall führt vor Augen, was viele Menschen in Deutschland mittlerweile gerne verdrängen würden: Das Coronavirus ist noch da. Und es bleibt hoch ansteckend.

Dafür spricht auch der Ausbruch in einem Lokal in Ostfriesland, bei dem eine Gruppe das Ende der Corona-Pause feierte. Das "Pre-Opening" sollte eine Generalprobe sein für den zukünftigen Betrieb, erklärte der Restaurantbesitzer im Nachhinein. Mindestens ein Gast brachte das Virus mit. Bislang fielen knapp 20 Corona-Tests positiv aus, die mit dem Event zusammenhängen.

Beide Ausbrüche stehen für ein Merkmal der Corona-Pandemie, das durch die geringen Fallzahlen aktuell besonders auffällt: sogenannte Superspreading-Events, bei denen einzelne Infizierte zu vielen weiteren Corona-Fällen führen.

Wie viele Menschen steckt ein Infizierter an? Von der R-Zahl zum k-Faktor

Bislang spielt in der Coronakrise vor allem die Reproduktionszahl R eine wichtige Rolle. Sie beziffert, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, wenn es keinen Schutz vor dem Virus gibt, etwa in Form von Abstandsregeln oder durch einen Impfstoff.

Bei Sars-CoV-2 liegt diese Reproduktionszahl zwischen zwei und drei. Statistisch gesehen gibt demnach jeder Infizierte das Virus an zwei bis drei andere Menschen weiter, wenn keine Kontaktbeschränkungen existieren. Dabei handelt es sich jedoch nur um eine Durchschnittszahl. Vieles spreche dafür, dass der größte Teil der Infizierten niemanden anstecke, so der Evolutionsbiologe Jamie Lloyd-Smith von der University of California gegenüber der Fachzeitschrift "Science". Vielmehr infizieren vermutlich einige wenige sehr viele Personen.

Um das zu beziffern, kommt eine weitere Maßzahl ins Spiel, der sogenannte Dispersionsfaktor oder Streuparameter k. Er beschreibt, wie stark sich eine Krankheit an einem bestimmten Ort häuft und somit, wie stark die Zahl der Menschen variiert, die jemand ansteckt. Je kleiner k ist, desto mehr Infektionen gehen auf eine oder einige wenige Personen zurück - die sogenannten Superspreader.

Deutlich wird das am Beispiel des Sars-Ausbruches 2002. Damals konnten Wissenschaftler im Nachhinein viele Ansteckungen auf wenige Personen zurückführen, wie der Seuchenspezialist Lloyd-Smith bereits 2005 in "Nature" mithilfe mathematischer Modelle beschrieb. Fast drei Viertel der Infizierten gaben die Viren demnach kaum weiter, wohingegen sechs Prozent hoch infektiös für andere waren.

Der Dispersionsfaktor k war den Berechnungen zufolge daher bei Sars mit 0,16 besonders gering. Zum Vergleich: Bei einem Pockenausbruch in Großbritannien schätzten Forscher den Wert auf 0,65; bei der Spanischen Grippe von 1918 sogar auf etwa eins. Höher als eins kann der Dispersionsfaktor nicht steigen, dann handelt es sich um einen homogenen Ausbruch, bei dem jeder gleich viele Menschen ansteckt.

Ausbrüche bei Zumba-Kursen, Konzerten, Après-Ski

Dass lokale Ausbrüche bei der COVID-19-Pandemie eine zentrale Rolle spielen könnten, zeigen auch Berichte aus anderen Ländern. In Südkorea erwiesen sich in einer Studie Zumba-Kurse als Super-Spreading-Events. Ebenfalls in Südkorea gab es eine große Häufung von Fällen unter Anhängern der christlichen Sekte Shincheonji-Kirche Jesu. In Japan ließen sich mehrere Mini-Ausbrüche auf Konzertstätten zurückführen, und in Europa hatten viele Infektionen ihren Ursprung in einer Après-Ski-Bar im österreichischen Ischgl (lesen Sie hier eine Rekonstruktion der Ereignisse).

Unklar ist allerdings noch, wie hoch der Dispersionsfaktor k bei Sars-CoV-2 ist: Unterschiedlichen Simulationen und Berechnungen zufolge kommen etwa die Wissenschaftler Julien Riou und Christian Althaus von der Universität Bern zum Schluss, dass er wahrscheinlich höher liegt als bei der Sars-Pandemie 2002/2003, Superspreader also einen geringeren Einfluss haben als damals. Derselben Ansicht ist auch der Hongkonger Forscher Gabriel Leung: "Ich glaube nicht, dass dieser Ausbruch so ist wie bei Sars oder Mers, wo wir viele sehr große Cluster durch Superspreader hatten", erklärte Leung gegenüber "Science".

Der Forscher hatte mit seinem Team für eine aktuelle Untersuchung aus Hongkong die Daten von Apps ausgewertet, die das Bewegungsmuster ihrer Nutzer speichern. Demnach ließen sich 80 Prozent der Ansteckungen in Hongkong auf nur 20 Prozent der Infizierten zurückführen. Den Dispersionsfaktor k schätzen die Forscher auf 0,45. Die Studie wurde allerdings noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet.

Wissenschaftler um Sebastian Funk von der London School of Hygiene and Tropical Medicine hingegen gehen von einem größeren Einfluss der Superspreader aus. Sie schätzen, dass k in der aktuellen Pandemie nur bei etwa 0,1 liegt und rund 80 Prozent aller Ansteckungen auf nur zehn Prozent der Infizierten zurückgehen. Ihre Modellierung veröffentlichten die Forscher ebenfalls in einem sogenannten Preprint - einer Untersuchung, die noch nicht von anderen Wissenschaftlern begutachtet wurde.

Warum werden manche Menschen zu Superspreadern?

Doch wie kommt es, dass einige Infizierte zu Superspreadern werden und andere nicht? Und woran lassen sich Superspreader erkennen? Eindeutige Antworten gibt es auf beide Fragen noch nicht, doch die sich mehrenden Daten lassen zumindest erste Vermutungen zu.

So gibt es offenbar sowohl individuelle als auch äußere Umstände, die eine starke Verbreitung begünstigen. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass der Superspreader auf mehrere andere Menschen trifft. Ansonsten kann er das Virus nicht weitergeben. Dabei spielen Timing und Umgebung wahrscheinlich eine entscheidende Rolle.

Wie Wissenschaftler von der Universität Hongkong berichten, lassen sich vor allem dann viele Viren im Nasen-Rachen-Raum finden, wenn sich gerade erste Anzeichen der Erkrankung bemerkbar machen - knapp die Hälfte der Ansteckungen fand sogar bereits vor Beginn der Symptome statt.

Manche scheiden mehr Viren aus als andere

Hinzu kommt die Umgebung. Immer mehr Daten sprechen dafür, dass die Viren nicht nur über Tröpfchen, sondern auch über Aerosole übertragen werden. Dabei handelt es sich um winzige Teilchen, die unter anderem beim Sprechen ausgeschieden werden und im Gegensatz zu Tröpfchen nicht so schnell zu Boden sinken, wenn sich die Luft nicht bewegt. Um sich vor ihnen zu schützen, reicht ein Mindestabstand von 1,5 Metern nicht aus. Besonders hoch ist das Risiko in geschlossenen Räumen.

Wer singt, laut spricht oder angestrengt atmet, scheidet außerdem mehr Aerosole aus als jemand, der entspannt vor sich hinatmet. Zusammengenommen könnte all das erklären, warum Gottesdienste und Restaurants prädestinierte Plätze für einen Ausbruch sind.

Hinzu kommen mögliche persönliche Faktoren. Dazu zählt etwa die Tatsache, dass manche Menschen offenbar mehr und länger Viren ausscheiden als andere. Auch verbreiten manche Menschen beim Sprechen, Singen oder Husten mehr Tröpfchen und Aerosole als andere.

Welcher der Faktoren einen wie großen Einfluss hat, müssen weitere Studien zeigen - ebenso, wie hoch der Dispersionsfaktor k genau liegt. Schon jetzt lässt sich allerdings festhalten, dass Superspreader-Events eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung des Virus spielen.

Die Erkenntnisse bieten eine Chance: Mit ihnen lässt sich das Virus noch gezielter eindämmen, indem man die Umgebungen für Superspreader-Events verhindert. Das bedeutet aber auch, dass wir uns noch sehr lange einschränken müssen - insbesondere, was Großereignisse angeht. Im Fall einer zweiten Welle wahrscheinlich wieder stärker, als wir es aktuell tun.

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