Die Urlaubssaison hat begonnen, doch im Sommer 2020 ist manches anders. Weil vielen Deutschen ferne Reisen aufgrund der Corona-Krise zu unsicher sind, erkunden sie als Touristen das eigene Land. Vor allem das bayerische Voralpenland und beliebte Küstenorte an der deutschen Nord- und Ostsee sind gut gebucht. Aber ist am Meer und in den Bergen auch genug Platz?

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Mitte Juni hat das Auswärtige Amt die Reisewarnung für die meisten europäischen Länder aufgehoben. Allerdings verstärken die Folgen der Coronakrise den Trend der vergangenen Jahre zum Urlaub im eigenen Land. Schon vor der Pandemie verbrachte rund ein Viertel der Deutschen die Ferien in eigenen Gefilden.

Dieser Anteil wird im Jahr 2020 wohl deutlich steigen. Deutschland ist dieses Jahr das unangefochtene Top-Reiseziel, wie beispielsweise eine aktuelle YouGov-Umfrage mit mehr als 2.000 Befragten zeigt. Statt ins Ausland zu fliegen, bleiben viele lieber in der Heimat.

Die Suchmaschine für Ferienunterkünfte HomeToGo hat Millionen Suchanfragen aus Deutschland analysiert und folgert, dass sich das Verhalten in puncto Urlaub konkret verändert hat. Anfang Mai lagen 78 Prozent der gesuchten Reiseziele im Inland. Das entsprach einer Steigerung von 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Auch bei ADAC-Mitgliedern sind deutsche Urlaubsregionen im Sommer 2020 als Reiseziel noch beliebter als bereits in den Vorjahren und verteidigen damit souverän ihre Spitzenposition, wie eine Auswertung von über 85.000 Urlaubsrouten des ADAC zeigt.

Tourismus kommt wieder in Schwung

Positive Aussichten für den inländischen Tourismus die Krise zu meistern, sollte man meinen. Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass sich der Deutschland-Tourismus deutlich schneller und stärker erholt als der internationale Tourismus. Trotzdem ist laut Aussage des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes nicht sicher, wann das Vorkrisenniveau erreicht werden kann.

Im realistischen Fall könnte erst im Frühjahr 2021 die vollständige Normalisierung des Tourismus in Deutschland beginnen. Für viele touristische Unternehmen bleibt die Lage aufgrund fehlender Einnahmen in der Vorsaison weiterhin schwierig, wenn nicht sogar existenzgefährdend.

Obwohl Feriengäste kaum mit größeren Einschränkungen rechnen müssen, ist die Situation in diesem Sommer in allen Urlaubsorten geprägt durch die Vorgaben der Corona-Schutzverordnungen mit Hygiene- und Abstandsregelungen, Personenzahlbegrenzungen und Zugangsbeschränkungen, die den Tourismusbetrieben bei teilweise weniger Auslastung höhere Kosten bescheren.

Berge und Küste stehen hoch im Kurs

Der Trend zu "Ferien daheim" stellt Tourismus-Hochburgen zusätzlich vor Herausforderungen. Hoch im Kurs stehen nämlich bei Urlaubern vor allem die Berge und das Meer. "Wir sehen eine sehr hohe Nachfrage nach Urlaub an den Hotspots wie der Ostsee, der Nordsee und Bayern", bestätigt Dirk Dunkelberg, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbandes.

Nach Zahlen des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist Bayern bei den Deutschland-Urlaubern mit 17 Prozent am beliebtesten, dicht gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern mit 16 Prozent sowie Schleswig-Holstein und Niedersachsen mit jeweils elf Prozent. An den Stränden von Nord- und Ostsee wurde es teilweise bereits eng und Gemeinden in Bayern mussten sich an so manch einem Hotspot bemühen, den gebotenen Abstand einzuhalten.

Zahlreiche Orte waren gezwungen, Maßnahmen zur Besucherlenkung zu ergreifen, die bisweilen zu Sperrungen oder Wartezeiten geführt haben.

Gute Buchungslage, aber kein Massenandrang an der Küste

Das gezeichnete Bild vom Massenansturm zu Pfingsten und dem Beginn der Sommerferien in sechs Bundesländern Ende Juni, relativieren jedoch die meisten Tourismusämter und -verbände. "Von einem Gästeansturm oder -andrang haben wir nie gesprochen", sagt etwa Tobias Woitendorf, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern und berichtigt die Lage: "Die Nachfrage nach Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern ist üblicherweise im Sommer hoch, war aber zu keinem Zeitpunkt so überproportional hoch, wie manche Medien titelten."

Die Tourismus-Agentur von Schleswig-Holstein bestätigt ebenfalls eine gute, jedoch für die gefragten Monate Juli und August nicht ungewöhnliche Sommerauslastung. Allerdings gebe es regionale Unterschiede. Wie sich die Auslastung in der Nebensaison entwickelt, bleibt noch abzuwarten.

"Wir sind gut besucht, aber weit entfernt von einem Massenansturm. An unseren Stränden ist noch Platz und wer flexibel ist, findet in jedem Fall noch eine Unterkunft", betont Pressesprecherin Manuela Schütze.

Man beobachte die Lage sehr genau. Wenn es im Hinblick auf das Abstandsgebot zu voll wird, werden lokal Maßnahmen ergriffen. Das können Sperrungen z. B. von Parkplätzen und Zufahrtsstraßen sein, oder wie in der Lübecker Bucht, ein online Strandampel-Leitsystem. Urlauber, Einheimische und Tagesgäste sollen sich dadurch besser an den Stränden der Region verteilen.

Entspannte Lage und positive Bilanz im Allgäu

Ebenso eine erste positive Bilanz für das Allgäu zieht Simone Zehnpfennig, Pressesprecherin der Allgäu GmbH. Im Großen und Ganzen habe sich der Andrang von Wanderern und Wochenendausflüglern nach dem Lockdown wieder normalisiert und die Lage entspannt.

Die Region verzeichnete im Jahr 2019 einen Tourismusrekord. "Dieses Niveau kann zwar nicht erreicht werden, es fehlen die Umsätze des Frühjahrs, aber momentan ist die Buchungslage beinahe wieder auf dem Niveau von 2018", berichtet Zehnpfennig.

Wie der Juli aussieht, kann erst nach Monatsende definitiv ausgewertet werden. Er verspricht jedoch ebenso ein sehr guter Monat zu werden mit Vollauslastung bei gut aufgestellten Hotels. Spürbar ist im ganzen Land die Nachfrage nach autarken Unterkünften. Im Allgäu reichen die Übernachtungszahlen in Ferienhäusern und –wohnungen bereits nah an das Vorjahresniveau.

Freie Kapazitäten in Städten und im Binnenland

Nicht alle deutschen Regionen profitieren vom derzeitigen Trend zum Urlaub im eigenen Land, wie aktuelle Zahlen von DS Destination Solutions belegen: Vornehmlich im Binnenland gibt es weniger stark frequentierte Regionen. So melden die Buchungssysteme für die Lüneburger Heide im August noch 71 Prozent Verfügbarkeit bei den Ferienunterkünften.

Im Schwarzwald sind noch 70 Prozent der Objekte im August buchbar. Ebenfalls alles andere als überlaufen präsentiert sich die Spreewald-Region. Hier sind mitten in der Ferienzeit noch mehr als 60 Prozent der Ferienwohnungen frei und an der Mecklenburgischen Seenplatte sind im August noch 37 Prozent der Unterkünfte buchbar.

Dirk Dunkelberg vom Deutschen Tourismus Verband (DTV) sieht darin eine Chance für die Entdeckung weniger bekannter heimischer Regionen. "Wir raten, die Regionen im Binnenland ins Auge zu fassen und in die Mittelgebirge oder an die Seen beispielsweise in Brandenburg zu reisen, damit sich der Besucherstrom nicht allein auf Regionen im Norden und Süden konzentriert. Es gibt im Inland reizvolle Reiseziele mit einem breiten Angebot an qualitativ hochwertigen Gastgebern und einer Vielfalt an Freizeitmöglichkeiten".

Weil noch viele Touristen aus dem Ausland fehlen und gleichzeitig weder Messen noch Kongresse stattfinden, sind auch die Städte leerer als üblich. Gemütlichere Stadtbummel als in diesem Sommer, werden möglicherweise lange nicht mehr möglich sein.

Verwendete Quellen:

  • Auswertungen und Studien: YouGov, ADAC, HomeToGo, DS Destination Solutions
  • Presseauskunft Deutscher Tourismus Verband
  • Gespräch mit Simone Zehnpfennig, Allgäu Tourismus
  • Gespräch mit Manuela Schütze, Tourismus-Agentur von Schleswig-Holstein
  • Gespräch mit Tobias Woitendorf, Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern
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