Durch das Coronavirus erfährt unser Leben gerade eine Vollbremsung, eine neue Angst ist in unser Leben eingezogen. Tatsächlich gab es Epidemien in der Menschheitsgeschichte schon immer. Professor Karl-Heinz Leven vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen sagt, was eine Seuche mit den Menschen macht und welche Lehren man aus der Vergangenheit ziehen kann.

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Die momentane Situation ist für uns alle ein Novum. In der Vergangenheit gab es bereits Pandemien. Können wir aus der Vergangenheit etwas über die aktuelle Situation lernen?

Karl-Heinz Leven: In der Tat gab es Seuchen in der Menschheitsgeschichte schon immer, seitdem überhaupt Geschichtsschreibung stattfindet. Spätestens im fünften Jahrhundert vor Christus fängt das an, dass wir immer wieder von Seuchen, Epidemien, Seuchenzügen lesen. Dort erfährt man auch einiges über die Reaktionen in der Gesellschaft.

Diese vormodernen Kulturen waren teilweise recht komplexe Gesellschaften. Das Staatswesen beispielsweise im antiken Athen gilt zumindest in Teilen heute noch als vorbildlich für die Demokratie.

Was passiert mit solch einem Staatswesen, wenn plötzlich eine tödliche Seuche einbricht?

Die Frage was passiert, wenn eine Seuche einbricht und einen großen Teil der Bevölkerung hinwegrafft, ist in den verschiedenen Epochen unterschiedlich beantwortet worden.

Blick in die Zukunft ist für Historiker schwierig

Niemand kann derzeit einschätzen, was auf einen zukommt. Wenn man in die Geschichte schaut, kann man dann Tendenzen sehen?

Der Blick in die Zukunft ist auch für Historiker schwierig. Aber man kann aus der Geschichte gewisse Verhaltensmuster ablesen. Was aber nicht heißen soll, dass man dann heute so handeln soll, wie man es damals gemacht hat.

Was man sagen kann ist, dass der Einschlag tödlicher Seuchen – und wenn wir von früheren Epidemien sprechen, dann meinen wir wirklich großflächig tödliche Seuchen, in denen innerhalb weniger Monate dreißig bis vierzig Prozent der Gesamtbevölkerung sterben – eine Gesellschaft verändert. Die Gesellschaften haben auf die Tödlichkeit dieser Bedrohung reagieren müssen.

Das ist übrigens ein interessanter Unterschied zu heute, dass wir derzeit erst von einer kommenden Bedrohung sprechen, von der wir noch nicht wissen, wie sie genau ablaufen wird.

Was aber doch vergleichbar ist, ist das Angstempfinden der Menschen. Wie verändert so etwas eine Gesellschaft?

Wenn man weiß, dass eine ansteckende Seuche im Umlauf ist, und man wusste früher bereits, dass eine Krankheit übertragbar ist von einem Kranken auf einen Gesunden, dann verändert das auch die Beziehungen untereinander.

Inwiefern?

Bei heftigen Ausbrüchen in der Antike, im Mittelalter, in der frühen Neuzeit finden sich immer wieder Berichte darüber, dass eine Art von Flucht einsetzt. Ich nenne das mal eine Innere Flucht innerhalb der Gemeinwesen. Das bedeutet, dass sich etwa Leute, die dazu berufen wären zu pflegen, zurückziehen.

Umgekehrt finden wir bei sehr ansteckenden Krankheiten, gerade im christlichen Kontext, Berichte über eine sich aufopfernde Hilfsbereitschaft, im Sinne einer religiösen Pflicht.

Sehen Sie diese Tendenzen auch auf uns zukommen?

Interessant ist heute, dass die Politik uns sagt: Wenn sie jetzt Nächstenliebe zeigen wollen, dann halten Sie sich mit Sozialkontakten zurück.

Das ist virologisch sehr vernünftig, heißt aber eben auch, dass man das Vermeiden von Sozialkontakten gleichsam als Nächstenliebe ausgibt. Das ist soziologisch ein interessantes Experiment, von dem man noch nicht weiß, wie das ausgehen wird.

Auf Ausnahmesituationen können glanzvolle Epochen folgen

Können solche Ausnahmesituationen auch Chancen bieten?

Auf den Schwarzen Tod, also die fürchterliche Pest im 14. Jahrhundert, folgte die glanzvolle Epoche der Renaissance. Es klingt eigentümlich: aber nach der größten Katastrophe, die Europa demographisch je betroffen hat, folgte der Aufstieg Europas zur Weltmacht.

Kann man da einen Zusammenhang sehen?

Da besteht vielleicht kein kausaler Zusammenhang. Aber etwa durch den Arbeitskräftemangel war man danach gezwungen, die Arbeitskraft höher zu schätzen. Außerdem entwickelte man Maschinen, um Wind- und Wasserkraft zu nutzen.

Ein neues Menschenbild kam auf. Das Individuum wurde wichtiger, ein neues Lebensgefühl entstand.

Das heißt, nach so einer Ausnahmesituation kann sich das Weltbild verändern?

Dafür gibt aber keine Garantie. Nach der Spanischen Grippe zum Beispiel, die 1918 ausgebrochen ist, entstand kein neues Lebensgefühl. Im Gegenteil. Man hatte eher den Eindruck, die Leute nahmen das so hin. Damals war auch der Erste Weltkrieg in der Endphase, die Grippe hinterließ kaum einen tieferen Eindruck. Da sieht man kein verändertes Weltgefühl der Menschen.

Im Moment erfährt jeder Bereich unseres modernen Lebens eine Vollbremsung. Kommt es darauf an, wie lange dieser Zustand anhält, ob danach wirklich ein verändertes Lebensgefühl entsteht?

Das ist denkbar. Denn der Schwarze Tod hat einige Monate gewütet und kroch dann durch Europa. Dann gab es immer wiederkehrende Pestwellen, das heißt die Leute haben sich an die Bedrohung gewöhnt.

Wir dürfen die wirtschaftlichen Auswirkungen in unserer modernen, komplexen Welt nicht unterschätzen. Wir können nicht abschätzen, was jetzt mit einer Weltwirtschaft, insbesondere in Europa und in den USA passiert. Kann man diese nach 100 oder 150 Tagen wieder hochfahren? Das wird sich zeigen.

Nicht immer die gleichen Risikogruppen

War es damals bei der Pest auch so, dass hauptsächlich die Älteren und gesundheitlich vorbelasteten zur Risikogruppe gezählt haben?

Bei den Seuchen, die wir als Beispiele vor Augen haben, wurden fast alle Bevölkerungsschichten und alle Altersklassen befallen. Bei der Spanischen Grippe war es sogar so, dass die Jüngeren und Kräftigeren besonders betroffen waren.

Derzeit sieht man immer noch Menschen, die sich nicht zur Risikogruppe zählen, beispielsweise in den Parks treffen.

Ja, das ist ein doppeltes sich in Sicherheit wiegen. Einmal weil man von den Experten hört, dass die Alten und chronisch Kranken die Risikogruppe sind. Und zum Zweiten muss man auch sehen, dass die Bedrohung für die meisten derzeit nur als Bedrohung existiert und nicht als reale Krankheit. Das Lebensgefühl der Menschen ist nicht darauf angelegt, permanent im Alarmzustand zu verbleiben, wenn die Bedrohung nicht wirklich im Raume ist.

Man wird sehen, wie es sich auf das Lebensgefühl der Menschen auswirkt, dass man jetzt die sozialen Einrichtungen, die Schulen, die Betreuungsstätten zugemacht hat.

Oder wenn sogar die Ausgangssperre kommt.

Das ist eine der letzten Karten, die die Politik noch spielen kann.

Im Moment merkt man die Veränderung. Die Menschen gehen auf Abstand, bleiben weitestgehend zu Hause. Das fühlt sich alles sehr merkwürdig an. Kann es ein neuer Normalzustand werden?

Solche Abschließungsmaßnahmen gab es auch bei früheren Seuchen, indem man etwa infizierte Häuser abgesperrt hat. Früher hat man jedoch keine Menschen gezählt, ob sie einen Erreger tragen oder nicht. Man hat nur Erkrankte wahrnehmen können.

Damals hat man auch geglaubt, und das ist heute in einer transformierten Form noch vorhanden, dass hinter der Katastrophe eine Sinndeutung steckt. Als Strafe für Sünde oder als Prüfung. Derartige metaphysische Deutungen sind in der Moderne kaum zu finden; die Seuche ist – ein großes Pech.

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