Wenn 95 Prozent aller Altenheimbewohner immun sind, dürfen sie dann wieder zusammen essen? Nein, sagen manche Behörden. Doch das soziale Leid wird immer größer. Braucht es einen neuen Plan?

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Im Caritas-Altenzentrum Herz-Jesu in Düsseldorf wird wieder Bingo gespielt. Marlene Vöge, 83, hat gerade eine Runde gewonnen. Sie darf sich einen Preis aussuchen und wählt ein Fläschchen Desinfektionsmittel.

Vöge ist seit Januar geimpft. Die ständige Angst sei nun weg, sagt sie. Und dennoch: "Wir wissen ja nicht, ob die Impfung gegen alle Mutanten schützt oder wir das Virus weitergeben." Dann ruft der Moderator die nächste Zahl auf.

Im Restaurant des Altenzentrums sitzen an diesem Nachmittag gut 30 Bewohnerinnen und Bewohner. Sie alle wurden geimpft, deswegen geht jetzt vieles wieder. Die Senioren müssen keine Masken tragen, sie können sich besuchen lassen. Heime wie das in Düsseldorf steuern zurück auf Anfang. Doch es ist ein weiter Weg.

Trotz Impfungen noch kein Alltag für die Senioren

Im vergangenen Jahr spielten sich in vielen Alten- und Pflegeheimen Tragödien ab. In manchen Häusern infizierten sich mehr als die Hälfte der Bewohner mit dem Virus. Inzwischen haben 95 Prozent der Heimbewohner in Deutschland die erste Impfung erhalten, bei Pflegekräften sind es schätzungsweise 70 Prozent. Die Zeit dramatischer Corona-Ausbrüche in den Einrichtungen ist vermutlich vorbei. Aber was folgt daraus?

Die Heime könnten die ersten Orte sein, an denen die Menschen in einen Alltag mit weniger Einschränkungen zurückkehren. Doch die Praxis sieht anders aus. Heimleitungen, Träger und Politik tun sich schwer, die Einrichtungen und ihre Bewohner in die Normalität zu entlassen.

Es mangelt nicht an Beschlüssen, Verordnungen und Anweisungen, doch einheitlich und durchdacht erscheinen die Vorgaben nicht immer zu sein. Und nun rollt die dritte Welle an.

Wie viel Freiheit kann es für geimpfte Senioren geben? Wann werden ihnen Grundrechte zurückgegeben – und wie? An der Debatte zeigt sich, dass Impfungen allein noch längst nicht das Ende der Seuche bedeuten.

Im Altenzentrum Herz-Jesu liegen Flyer auf den Tischen, darauf stehen die Veranstaltungen zu Ostern. In der Kapelle wird es sieben Messen und Andachten geben, vor dem Haus ein Osterfeuer entzündet, dazu gibt es Likör. Ist das Alltag?

Heimleiterin Wera Steffens schüttelt den Kopf: "Alltag haben wir erst, wenn alle Besucher kommen können, wann sie wollen. Ohne Dokumentation, ohne Fiebermessung, ohne Schnelltest." Das alles ist derzeit noch vorgeschrieben.

Kritik an Lockerungen in den Heimen

Ende Dezember hatte das Robert Koch-Institut (RKI) pro Woche mehr als 4.000 Menschen über 80 Jahre registriert, die mit oder am Coronavirus starben. In der letzten Februarwoche waren es keine 1.000. Seit Beginn der Pandemie verfolgt die Politik das Ziel, diese vulnerable Gruppe zu schützen. Nun scheint es erreichbar.

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) versprach, den Heimbewohnern wieder ein schöneres Leben zu ermöglichen. Kürzlich entschied sein Ministerium, dass Senioren fünf Personen aus zwei Haushalten empfangen dürfen, Kinder nicht mitgezählt. In den Einrichtungen, sagte Laumann, sei ja schließlich "Herdenimmunität" erreicht.

Manche Betreiber sehen das anders. Die Fluktuation in den Einrichtungen ist groß. In einigen Häusern gibt es pro Jahr bis zu 50 Prozent neue Bewohner, von denen zunächst viele noch nicht geimpft sind.

Auch manche Mitarbeiter sind nicht geimpft, entweder weil sie nicht wollen oder weil sie eine COVID-Erkrankung hatten und deswegen noch nicht dürfen. Frank Polixa, Geschäftsführer des Caritasverbands in Mönchengladbach, findet die Lockerungen der Politik "nicht sehr prickelnd".

Fünf Besucher plus Kinder seien "derzeit ein wahnsinniges Risiko". Polixa hat Szenen vor Augen, in denen sich Senioren in ihrem Zimmer mit acht Gästen treffen, von denen die meisten nicht geimpft sind. Heime könnten erneut zu Infektionsherden werden, diesmal allerdings für die Besucher.

"Wie lange hält der Impfschutz überhaupt an? Wann müssen wir unsere Bewohner erneut impfen? Das sind alles ungeklärte Fragen", sagt Polixa. "Wir ziehen gerade in allen Bereichen die Notbremse, und in den Heimen wird gelockert? Das passt nicht zusammen."

Die Sterberate in den Heimen sei zwar "deutlich zurückgegangen", sagt Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Was erreicht wurde, dürfe aber nicht aufs Spiel gesetzt werden, Hygieneregeln und Tests hätten weiter Priorität, zugleich brauchten die Bewohner eine Perspektive. Nach einem belastbaren Plan klingt das nicht.

Unterschiedliche Regeln je nach Bundesland

Dass die Beteiligten keine gemeinsame Strategie finden, könnte daran liegen, dass sich das wichtigste Gremium der Pandemiebekämpfung lieber zurückhält. Im neuen Beschluss der Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin steht zwar, dass die Besucherzahlen in Heimen "zwei Wochen nach der Zweitimpfung" erhöht werden können. Doch wie das gehen soll, darüber gibt es keinen Konsens.

Es ist wie so oft in der Krise: Jedes Bundesland macht, was es für richtig hält. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der erlaubten Besucher in den Heimen an den Inzidenzwert in den Kreisen und Städten gekoppelt. Ab einem Wert von 35 dürfen zwei Personen pro Bewohner kommen, ab 50 nur eine, ab 150 darf der eine Gast nur noch einmal pro Woche ins Haus.

In Bayern war bislang ein Besucher pro Bewohner erlaubt, ab Samstag darf es laut Landesregierung "mehr als ein Besucher" sein. Wie viele nun genau gestattet sind und ob es eine Obergrenze gibt, dazu äußert sich das Ministerium nicht.

Die Lockerung sei "überfällig", sagt Cornelia Müller, Leiterin im Caritasheim St. Anna-Haus in Holzkirchen. In den vergangenen Tagen sei sie mit Anfragen von Angehörigen überschwemmt worden. Alle wollten wissen, ob mit der zunächst geplanten Osterruhe das Pflegeheim geschlossen werde. Zum Glück nicht, sagt Müller.

Ein Fest wie früher wird es trotzdem nicht. Im St. Anna-Haus dürfen nur sogenannte Wortgottesdienste stattfinden, Singen gilt wegen der Aerosole als gefährlich. Im Gemeinschaftsraum steht ein Flügel, auf den sich eine Staubschicht gelegt hat. Es ist Montag Mittag, an einem Tisch essen zwei Seniorinnen. Sie dürfen nicht ins Restaurant nebenan, dort ist es schon zu voll.

Heimleiter will vor Bundesverfassungsgericht ziehen

Im St. Anna-Haus sind 90 Prozent der Bewohner und 60 Prozent des Personals geimpft, vom Leben der Vor-Corona-Zeit sind sie dennoch weit entfernt. Die Lockerung der Besucherregelung könne nur ein erster Schritt sein, sagt Heimleiterin Müller. "Wir wollen keine Impfprivilegien, sondern ein Stück Normalität zurück."

Fragt man im Bundesgesundheitsministerium nach Ideen für Öffnungen in den Heimen, fällt die Antwort kurz aus: Das RKI arbeite an einem Konzept, "unter Berücksichtigung der Impfquoten". Zugleich soll das Institut klären, ob und wann geimpfte Menschen das Coronavirus verbreiten können. Auch davon wird abhängen, wie viele Lockerungen in den Heimen möglich sind.

Bis es Antworten gibt, beschäftigen sich Gerichte mit der Frage, welche Freiheiten geimpften Heimbewohnern zustehen. In Steinen, einer Gemeinde südlich von Freiburg, hat sich der Streit um ein gemeinsames Mittagessen von Senioren zum Präzedenzfall entwickelt.

Seit Januar sind die Bewohner des Pflegeheims Mühlehof zum zweiten Mal geimpft. Der Geschäftsführer, Wolfram Uhl, wollte es ihnen daher ermöglichen, wieder gemeinsam zu essen. Er fragte das Gesundheitsamt, ob er die Kantine öffnen dürfe.

Antwort: nein. Uhl rief den Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg an. Doch die Richter verwiesen darauf, dass nicht klar sei, welche Ansteckungsgefahr von Geimpften ausgehe.

Heimleiter Uhl hat inzwischen mehrere Gutachten eingeholt. Er gibt nicht auf und will vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. "Es bleibt ein gesundheitliches Restrisiko", sagt er. "Doch das soziale Leiden der alten Menschen wiegt genauso schwer."

Der Pflegebevollmächtigte Westerfellhaus sagt, er habe "absolutes Verständnis" für den Kampf von Heimleiter Uhl. Aber alle müssten "jetzt noch ein wenig Geduld aufbringen".

Geduld? Bei der Caritas in Mönchengladbach hört man das vermutlich nicht so gern. Geschäftsführer Polixa sagt, er erhalte mit jeder neuen Coronaregelung, mit jeder aktualisierten Verordnung ein Rundschreiben. In dem steht dann, was zu tun ist. Polixa hat die Briefe gezählt. Bis jetzt sind es 43.  © DER SPIEGEL