Noch in dieser Woche will Russland den ersten Corona-Impfstoff zulassen. Die finale Sicherheitsprüfung hat das Land dabei offenbar einfach übersprungen. Was also ist dran an den Ankündigungen?

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Staaten, Biotechnologie-Unternehmen und Forschungseinrichtungen weltweit arbeiten seit Monaten an einem Impfstoff gegen das Coronavirus SARS-CoV-2. Viele der Wettbewerber berichten Fortschritte, doch ein Staat will nun alle anderen in den Schatten stellen: Russland hat angekündigt, noch im August den ersten Impfstoff zulassen zu wollen, möglicherweise schon am Mittwoch.

Andere Experten, etwa von der deutschen Impfstoff-Zulassungsbehörde, des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), gingen dagegen bislang davon aus, dass es frühestens Ende dieses Jahres, Anfang nächsten Jahres einen Impfstoff geben wird. Was also ist dran an Russlands Ankündigungen? Um was für einen Impfstoff geht es? Und wie weit sind andere Staaten? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

"Gam-COVID-Vac Lyo" in Moskau entwickelt

Das Mittel trägt den kryptischen Namen "Gam-COVID-Vac Lyo" und wurde am Gamaleja-Institut für Epidemiologie in Moskau entwickelt. Bekannt ist, dass "Gam-COVID-Vac Lyo" ein sogenannter Vektor-Impfstoff ist. Das Konzept wird seit einiger Zeit in der Impfstoffforschung angewendet.

Basis sind Viren, die dem Menschen nicht gefährlich werden können, sogenannte Vektoren. Sie dienen als Träger für charakteristische Erbgut-Abschnitte des Erregers, gegen den geimpft werden soll.

Der Körper erkennt das Erbgut als fremd und bildet Antikörper, die bei einem tatsächlichen Zusammentreffen mit dem Virus eine Infektion verhindern - so die Theorie.

Im Fall von "Gam-COVID-Vac Lyo" kommen als Vektoren zwei verschiedene Adenoviren zum Einsatz. Diese Virenfamilie wird häufiger in der Impfentwicklung genutzt - auch im Zusammenhang mit anderen Coronaviren wie Mers. Bekannte Vektoren zu nutzen, hat den Vorteil, dass ihre Sicherheit schon in früheren Studien geprüft wurde.

Vernachlässigt Russland Sicherheitsstandards?

Bei Vektor-Impfstoffen besteht grundsätzlich das Risiko, dass das Immunsystem auch die Vektoren bekämpft und es dadurch zu Nebenwirkungen kommt oder die Impfung nicht funktioniert. Dieses Risiko sinkt durch den Einsatz bekannter Stoffe.

Experten sind besorgt, dass Russland im Wettlauf um den ersten Corona-Impfstoff ein zu hohes Risiko eingeht und Sicherheitsstandards vernachlässigt. US-Seuchenexperte Anthony Fauci sagte Anfang des Monats etwa, er hoffe, dass die Russen ihre Impfstoffe testeten, bevor sie sie der Bevölkerung verabreichten.

Fachleute fürchten, dass ein leichtfertig zugelassenes Mittel, das sich später als unwirksam oder zu riskant herausstellt, das Vertrauen in einen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 und Impfungen im Allgemeinen schwächen würde. Die bisher bekannten Informationen über Russlands Vorhaben, wecken Zweifel, dass das Mittel nach medizinischen Standards gut genug für eine Zulassung getestet wurde.

Ergebnisse an Menschen bislang nicht veröffentlicht

Ergebnisse klinischer Prüfungen am Menschen wurden bislang nicht veröffentlicht. Es ist lediglich bekannt, dass der Impfstoff seit Mitte Juni an 38 Personen erprobt wird.

Laut russischen Nachrichtenagenturen gab es dabei keine Nebenwirkungen. Das ist allerdings unwahrscheinlich.

Bei im Grunde allen Impfungen, die injiziert werden, kommt es mindestens zu Schmerzen oder auch Rötungen an der Einstichstelle. Zwar sind das keine dramatischen Komplikationen, sie müssen aber dokumentiert werden. Es stimmt skeptisch, wenn dies nicht geschieht.

Um die Sicherheit seines Mittels zu unterstreichen, behauptet der Entwickler des russischen Impfstoffs, Alexander Ginzburg, das Mittel bereits an sich selbst getestet zu haben. Über die Verträglich und Wirksamkeit bei der Anwendung in der gesamten Bevölkerung, bei Menschen mit Vorerkrankungen und Alten sagt das allerdings nichts aus. Tests, die diese belegen würden, fehlen bislang.

Üblicherweise drei Testphasen nötig, bevor Impfstoff zugelassen wird

Erst wenn der Impfstoff zugelassen ist, will Russland ihn an einer größeren Gruppe Menschen testen. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Interfax hat der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko angekündigt, dass rund 800 Personen teilnehmen sollen, um die Ergebnisse aus der ersten Studie zu bestätigen. Das widerspricht dem anerkannten Vorgehen bei der Impfstoffentwicklung.

Üblicherweise sind nach Prüfungen im Labor und an Tiermodellen drei Testphasen im Menschen nötig, bevor ein Impfstoff zugelassen wird. In Phase I erhält eine kleine Gruppe gesunder Freiwilliger das Mittel.

An ihnen wird untersucht, ob das Immunsystem reagiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Auch verschiedene Dosierungen können getestet werden.

In Phase II werden Impfungen auch an Menschen mit Vorerkrankungen erprobt und es wird geprüft, ob das Medikament tatsächlich die gewünschte Krankheit verhindert. Teils werden Phase I und Phase II kombiniert, um Zeit zu sparen. Das ist auch bei der ersten, russischen Corona-Impfstoff-Studie der Fall.

Entscheidend dafür, ob ein Mittel breit angewendet werden kann, ist letztlich aber das Ergebnis aus sogenannten Phase-III-Studien. Hier bekommt eine große Gruppe Freiwilliger den Impfstoff verabreicht, um seine Wirkung und Sicherheit zu bestätigen. Dabei werden teils Zehntausende Probanden geimpft.

Das ist wichtig, um auch seltenere Nebenwirkungen zu erfassen und sicherzustellen, dass die Vakzine, also der Impfstoff, verlässlich schützt. Zur Einordnung: Wenn eine Nebenwirkung unter einem von Zehntausend Menschen auftritt, fällt das in kleinen Studien nicht auf, beim Einsatz in der gesamten Bevölkerung wären aber Zigtausende davon betroffen - hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland beispielsweise mehr als 8.000 Personen.

Einige Staaten weiter als Russland

Russland ist ein Land unter vielen, in dem es Fortschritte bei der Impfentwicklung gegen das SARS-CoV-2 gibt. Tatsächlich sind einige Staaten aber sogar weiter als das Land.

Ende Juli hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine grobe Übersicht über Corona-Impfstoffe in klinischen Tests veröffentlicht - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 26 Kandidaten sind dort aufgelistet, bei sechs sind Phase-III-Studien geplant oder laufen derzeit.

Darunter befindet sich ein anderer Vektor-Impfstoff, der an der britischen Oxford University in Zusammenarbeit mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt wurde. Außerdem sind zwei RNA-Impfstoffe der US-Biotech-Firmen Moderna und Biontech/Pfizer vertreten (mehr dazu lesen Sie hier).

In China haben zudem drei Totimpfstoffe Phase-III-Prüfungen erreicht. "Ein Totimpfstoff ist das Einfachste, was man machen kann, wenn man einen Impfstoff entwickeln will", erklärte der Virologe Christian Drosten bereits Ende April im NDR-Podcast. Allerdings kann es auch dabei zu unverhältnismäßig starken Nebenwirkungen kommen.

In welchem Ausmaß, dass im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 der Fall und wie hoch der Nutzen ist, müssen nun die Phase-III-Studien klären. Falls der russische Impfstoff frühzeitig zulassen wird, ist auch seine Prüfung nach allem, was derzeit bekannt ist, noch lange nicht abgeschlossen.  © DER SPIEGEL

Coronavirus: WHO warnt vor "Impfstoff-Nationalismus"

Noch wurde kein Heilmittel gegen das Coronavirus gefunden, doch manche Länder sichern sich bereits große Mengen der Impfstoffe. Vorschaubild: imago