In Deutschland ist die Zahl derer, die nach einer Corona-Infektion sterben im Verhältnis zu der Anzahl der Infizierten noch relativ gering - vor allem im Vergleich mit anderen Ländern wie zum Beispiel Italien. Dieser Umstand gibt Wissenschaftlern Rätsel auf. Bisher kann man nur vermuten, an welchen Faktoren das liegen könnte. Eine Spurensuche.

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Die Welt ist wegen der Coronavirus-Pandemie im Ausnahmezustand. Das Virus SARS-CoV-2 macht vor keiner Grenze halt. Regierungen von Australien über Asien, Europa, Afrika und Amerika bereiten sich auf das Schlimmste vor. Und dennoch gibt es markante Unterschiede bei den Totenzahlen.

Deutschland sticht mit einer relativ niedrigen Zahl von Toten gemessen an der Gesamtzahl der registrierten Fälle - der sogenannten Fallsterblichkeitsrate - hervor. Liegt es am Alter der Betroffenen, am Testen oder hatten wir bislang einfach Glück?

WHO: "Fallsterblichkeitsrate ist rätselhaft"

Bis Dienstag hatte etwa Italien nach Zahlen der Johns Hopkins Universität mehr als doppelt so viele Fälle wie Deutschland, die Fallsterblichkeit lag dort aber mehr als 20 Mal höher als in Deutschland. Warum?

"Wir wissen ehrlich gesagt noch zu wenig", sagt Richard Pebody, Experte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Deutschen Presse-Agentur. "Die Fallsterblichkeitsrate ist rätselhaft."

Er warnt davor, Länder zu vergleichen, denn die Rahmenbedingungen seien in jedem Land anders. "Das ist wie Äpfel mit Birnen vergleichen." Es gibt aber mehrere Erklärungsansätze, die alle eine Rolle spielen.

Der Zeitpunkt der Epidemie

"Italien, Spanien, diese Länder sind wahrscheinlich schon weiter in der Epidemie als Deutschland", sagt Pebody. Dort dürften die ersten Fälle schon viel früher unentdeckt aufgetaucht sein und das Virus habe sich wahrscheinlich unbemerkt in der Bevölkerung verbreitet. Es dauere nach der Infektion eine Weile, bis sich Komplikationen einstellten. Viele Patienten seien wochenlang auf der Intensivstation, bevor sie sterben.

Das Alter der Infizierten

Weil in vielen Ländern sehr wenig getestet wird, kennt man nur das Durchschnittsalter der nachweislich Infizierten. Es dürfte aber viele jüngere Leute geben, die das Virus ebenfalls schon hatten und keine oder nur milde Symptome spürten.

Unter den nachweislich Infizierten ist das Durchschnittsalter in Italien viel höher als in anderen Ländern, auch Deutschland. "Durchschnittsalter Coronafälle Deutschland: 45 Jahre, Italien: 63 Jahre", twitterte der deutsche Bevölkerungsforscher Andreas Backhaus Anfang der Woche.

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Auf der Online-Plattform Medium vergleicht er Südkorea und Italien zu Stichtagen, an denen beide etwa gleich viele Fälle hatten. In Südkorea waren da von den bestätigten Infizierten knapp 9 Prozent über 70, in Italien mehr als 40 Prozent. Bei Jüngeren verläuft die Infektion eher leicht.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) nennt nur die Altersgruppe ab 60, nicht ab 70 Jahren. Selbst da liegt der Anteil in Deutschland deutlich unter den italienischen Werten: Anfang der Woche waren 19 Prozent der nachweislich Infizierten in Deutschland über 60, mehr als die Hälfte waren zwischen 35 und 59. Gerade mit Blick auf Italien ist wichtig zu betonen: Es geht um nachgewiesene Fälle.

Wie und wann getestet wird

Die angegebene Altersstruktur der Fälle in verschiedenen Ländern sagt nämlich vor allem etwas über das Testen in einem Land. Würden in Italien mehr Jüngere getestet, sähe die Fallsterblichkeit wahrscheinlich ganz anders aus. Der Nothilfe-Koordinator der WHO, Michael Ryan, verweist auf die hohe Dunkelziffer bei den Infektionen: "In Deutschland gibt es eine sehr aggressive Teststrategie, deshalb dürften dort unter der Gesamtzahl der bestätigten Fälle mehr milde Fälle sein."

Pebody sagt, in manchen Ländern werde bei Verstorbenen nachträglich ein Test gemacht, in anderen nicht. Auch das ändere die Statistik. Und: Je weiter fortgeschritten eine Epidemie, desto schwieriger werde es für ein Land, viel zu testen, weil das Gesundheitssystem einfach überfordert sei. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus' Aufruf: "Testen, testen, testen." Die Länder müssten wissen, wie die Lage sei. "Man kann blind kein Feuer löschen", sagte er.

Die Qualität des jeweiligen Gesundheitswesens

Je besser Krankenhäuser vorbereitet seien, desto mehr Leben könnten gerettet werden, sagt WHO-Koordinator Ryan. "Wenn die Krankenhäuser von der Zahl der Patienten überwältigt werden, ist es eine simple Frage der Möglichkeiten, inwieweit angemessene Pflege geleistet werden kann und ob man auf jede Veränderung im Zustand des Patienten auf der Intensivstation reagieren kann." Drei Faktoren seien entscheidend, sagt Pebody: die Zahl der Intensivbetten, ausreichend Schutzkleidung und gut ausgebildetes Personal auf den Intensivstationen.

Italien mit rund 60 Millionen Einwohnern hatte vor der Krise nach Behördenangaben 5.000 Intensivbetten. Weitere wurden inzwischen geschaffen. Großbritannien mit 66 Millionen Einwohnern hatte nach Angaben des nationalen Gesundheitsdienstes 4.100 Intensivbetten. In Deutschland mit rund 80 Millionen Einwohnern gibt es etwa 28.000, und die Zahl soll nun verdoppelt werden.

Unterschiedlich strenge Maßnahmen

Insgesamt sind Experten einig, dass rigoroses Testen, Isolieren von Infizierten sowie Quarantäne für Menschen, die mit Infizierten in Kontakt waren, die Epidemie bremsen. Südkorea und Singapur haben dies konsequent umgesetzt.

In manchen Ländern seien auch Ausgangsbeschränkungen nötig, um die Ausbreitung zu verlangsamen, so die WHO. Die Fallsterblichkeitsrate - in Deutschland zurzeit etwa 0,4 Prozent - beträgt in Südkorea gut 1 Prozent, in Singapur etwa 0,3 Prozent.

Die asiatischen Überwachungsmethoden sind für Europäer aber krass: In Singapur gibt es nun eine staatliche App fürs Smartphone, bei der sich via Bluetooth herausfinden lässt, wer sich mehr als 30 Minuten in weniger als zwei Metern Abstand eines Infizierten aufgehalten hat. (awa/dpa)

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