• Noch dürfen Hausärzte nach der Bundesimpfverordnung nicht gegen Corona impfen.
  • Mecklenburg-Vorpommern macht seit Wochen vor, dass die Impfung in der Arztpraxis funktioniert.
  • Unser Portal hat bei Ärzten und Verbänden nachgefragt – das Fazit ist eindeutig.

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Jeden Mittwochnachmittag wechselt der Allgemeinmediziner Fabian Holbe den Arbeitgeber. Obwohl er in seiner von der Kassenärztlichen Vereinigung zugelassenen Hausarztpraxis im mecklenburg-vorpommerischen Neuburg tätig ist, wird er für ein paar Stunden zum Mitarbeiter des kommunalen Gesundheitsdienstes, um seine Patienten gegen Corona impfen zu können.

Das bürokratisch-umständliche Konstrukt ist nötig, weil die Bundesimpfordnung Hausärzte noch nicht zur Corona-Impfung berechtigt. Die Verordnung wird gerade überarbeitet – und weil es auch bald mehr Impfstoff geben soll, geht Holbe davon aus, dass sich in den kommenden Wochen in Zusammenhang mit Corona vieles "kolossal" verändern werde: "Wir kommen endlich aus der Mangelwirtschaft raus!", freut er sich.

Hausärzte wollen beim Kraftakt mitwirken

Der Hausarzt kommt zwar mit dem derzeitigen Zustand gut zurecht und findet, die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt funktioniere ausgezeichnet. Doch Holbe will mehr: Sobald ausreichend Impfstoff vorhanden sei, müsse mit aller Kraft eine Impfquote von 70 Prozent der Bevölkerung erreicht werden. Und mit diesem Ziel sei er nicht allein: "Die Kollegen scharren mit den Hufen und wollen loslegen."

Diese Einstellung ist weitverbreitet. Eine stichprobenartige Umfrage unseres Portals bei den Hausärzte-Verbänden der Bundesländer zeigt: Die Allgemeinmediziner sind bereit, in der eigenen Praxis bei dem Kraftakt mitzuwirken, die Corona-Pandemie mittels Massen-Impfungen einzudämmen.

Störende Bürokratie: "Wollen nicht Weltmeister im dokumentieren werden"

Holbes Kollege Stefan Zutz, Allgemeinarzt und Vorsitzender des Hausärzteverbands Mecklenburg-Vorpommern, sieht auch bei der Priorisierung "null Probleme" und betont, die Hausarztpraxen würden bei der Vergabe des immer noch knappen Impfstoffs zunächst nach dem Alter vorgehen, anschließend nach dem Gesundheitszustand ihrer Patienten, "den wir bestens kennen". Bei seinen Kollegen werde es auch sicherlich nicht nötig sein, bemerkt er mit spöttischem Unterton, "dass reihenweise Politiker geimpft werden, weil 'zufällig' eine Dosis übriggeblieben ist".

Einziger Vorbehalt von Zutz: "Das mit der Bürokratie" müsse weniger werden. Die Ärzte, sagt er, seien es gewohnt, Impfvorgänge zu dokumentieren. Weshalb sie das derzeit zusätzlich für die Erfassung im Impfzentrum nochmals erledigen müssten, sei nicht zu begründen und bremse unnötig die Impfkampagne: Man wolle, so Zutz, "nicht Weltmeister im Dokumentieren werden, sondern Weltmeister im Impfen".

Die positive Einstellung zur Hausarzt-Impfung bestätigt Oliver Funken vom Hausärzteverband Nordrhein. Auch er sieht Schwächen in der Organisation, die noch "deutlich verschlankt" werden müsse. Die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen funktioniere auch dank eines staatlichen Milliardenzuschusses bestens – die Hausärzte allerdings seien bei der Corona-Impfung auf eine "Mischkalkulation" angewiesen, weil die angekündigten 15 bis 20 Euro pro Impfung die Kosten nur knapp decken könnten. "Geld mitbringen werden wir nicht", betont Funken.

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Manchen Patienten dauert es zu lange

Das Thema "Priorisierung" sieht Funken ähnlich wie sein Kollege Zutz: Sie werde erst gut funktionieren, wenn die Hausärzte selbst sie vornehmen könnten. Die Priorisierungslisten der Gesundheitsämter abzuarbeiten, werde nicht leicht durchzusetzen sein, weil es manchen Patienten zu lange dauere, bis sie drankämen. Dass die Hausärzte in Nordrhein-Westfalen von April an selbst impfen sollen, kommt ihm daher zupass: "Wenn es genug Impfstoff gibt, funktioniert das."

Auch in Deutschlands Süden sind die Praxen einsatzbereit. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzte-Verbands, betont, der Einsatz der Hausärzte zur Corona-Impfung sei in keiner Weise umstritten: "Die Praxen, mit denen ich in Kontakt bin, warten geradezu auf ihren Einsatz." Weil die Handhabung einfach sei, bleibe einzig noch eine "gewisse Skepsis" gegenüber der Bürokratie, "aber wir arbeiten daran, das zu reduzieren, denn jetzt geht es schließlich ums Tempo!"

Priorisierung durch die Hausärzte

Das Impfmaterial werde verbrauchsfertig geliefert, Informationsmaterial werde sein Verband in Absprache mit der Kassenärztlichen Vereinigung zur Verfügung stellen, für den Impfstoff Astra Zeneca sei keine aufwändige Kühlkette notwendig und auch die Verabreichung der anderen verfügbaren Impfstoffe in Hausarztpraxen sei bei entsprechender Organisation unproblematisch.

So werde sich sehr schnell erweisen, dass die Hausärzte bei der Impfkampagne wichtiger seien als Impfzentren: "Bei 95 Prozent meiner Patienten weiß ich über die Krankheitsgeschichte Bescheid, weil ich sie seit Jahrzehnten kenne, bei den übrigen schaue ich im Computer nach."

Deshalb sieht Beier kein Problem bei der Priorisierung: "Natürlich kommen zuerst die alten Menschen unter den Patienten dran, dann die schwer chronisch Kranken." Der Priorisierungsunterschied werde bei ausreichenden Impfstoffen bald nur noch zwei Wochen oder weniger dauern, "das ist nicht dramatisch".

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Bayern fordert Wende bei der Priorisierung

Es scheint einer der selten gewordenen Momente der deutschen Corona-Pandemie zu sein, in der Politik und Betroffene einig sind: Gesundheitsminister Jens Spahn hatte Anfang März die Forderung "Wir müssen schneller werden" mit der Erwartung verbunden, die Impfstoffe müssten auch in den Arztpraxen "schnellstmöglich verimpft werden" – die Ärzte und ihre Organisation sind einverstanden.

Die Gefahr der Unzufriedenheit droht nun nur noch dort, wo die Ärzte aufs Tempo drücken und eine Vereinfachung oder gar Abschaffung der Priorisierung fordern. Am Donnerstag ließ bereits die Bayerische Landesärztekammer mit einem Statement ihres Präsidenten Gerald Quitterer von sich hören: Man sei "an einem gewissen Wendepunkt angekommen", wurde per Presseinformation mitgeteilt, es sei an der Zeit, das Priorisierungsschema nur noch als "Handlungsempfehlung" zu interpretieren und seine Auslegung den Ärztinnen und Ärzten zu überlassen – ohne Registrierung über ein Online-Portal und ohne "ausufernde Dokumentation".

Die Experten:

  • Dr. Markus Beier ist Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in Erlangen und Vorsit­zen­der des Bayerischen Hausärzteverbandes.
  • Dr. Oliver Funken ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Rheinbach und Vorsitzender des Hausärz-tever­ban­des Nordrhein.
  • Stefan Zutz ist Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in Neubukow und Vorsitzender des Hausärzteverbandes Mecklenburg-Vorpommern.
  • Dr. Fabian Holbe ist Facharzt für Allgemeinmedizin in Neuburg, Mecklenburg-Vorpommern.

Verwendete Quellen:

  • Bayrische Landesärztekammer: "Impfen in Arztpraxen" – Pressemitteilung vom 9.3.2021
  • Hausärzteverband Nordrhein: "Ziel erreicht – Hausärzte impfen" – Pressemitteilung vom 4.3.2021
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