Am Mittwoch hat nicht Virologe Christian Drosten oder RKI-Präsident Lothar Wieler Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsident Empfehlungen gegeben. Es war dieses Mal der eher unbekannte Physiker Michael Meyer-Hermann. Wer ist der Mann, dessen Modellierungen der Bundesregierung große Sorge bereiten?

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Diesmal war es nicht der Virologe Christian Drosten, den Bundeskanzlerin Angela Merkel als Ratgeber für die weitere deutsche Corona-Politik hinzuzog. Nein, der in der breiten Öffentlichkeit bisher eher unbekannte Forscher Michael Meyer-Hermann beriet Merkel und die Ministerpräsidenten.

Der 53-Jährige leitet die Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die von ihm erstellten Modellierungen geben Anlass zu großer Sorge.

Merkel ließ Meyer-Hermann zu Beginn der mehr als achtstündigen Beratungen mit den Ministerpräsidenten eine Simulation vorstellen, in welcher Phase Deutschland in der Corona-Pandemie ist, nämlich im Bereich des exponentiellen Wachstums. "Ich denke, das war recht einleuchtend und auch hilfreich", sagte Merkel.

Tatsächlich soll Meyer-Hermann in seinem Vortrag Bund und Länder eindringlich vor einem Kontrollverlust bei den Corona-Infektionen gewarnt haben. "Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf, um das Schiff noch zu drehen", sagte er nach Angaben von Teilnehmern zum Auftakt der Ministerpräsidenten-Konferenz. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) machte sich diese Feststellung später zu eigen.

Meyer-Hermann selbst gab den Anwesenden Empfehlungen: Er appellierte, an der Maskenpflicht festzuhalten, auch Bußgelder seien sehr wichtig. So zitierten ihn Teilnehmer. Zugleich warnte der Wissenschaftler in der aktuellen Lage vor Diskussionen über Großveranstaltungen und eine Verkürzung der Quarantänezeit.

Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System Immunologie, am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung HZI.

Ein "Grenzgänger der Wissenschaft"

Während der Name Christian Drosten oder auch der des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, mittlerweile in der breiten Bevölkerung bekannt sind, trat Meyer-Hermann bisher nur vereinzelt öffentlich in Erscheinung.

Der 1967 geborene Meyer-Hermann ist ein vielseitig gebildeter Wissenschaftler. Er studierte Physik, Mathematik und Philosophie in Frankfurt am Main und Paris. Mit 30 Jahren machte er seinen Doktor in der Theoretischen Physik. In Dresden, Frankfurt am Main und im britischen Oxford arbeitete er in der Neurobiologie und Immunologie, nach Rufen auf Professuren in Jena und Braunschweig leitet Meyer-Herrmann seit 2010 die Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum in Braunschweig.

Er sei ein "Grenzgänger der Wissenschaft", beschreibt das Helmholtz-Institut Meyer-Hermann. In der reinen Wissenschaft vermisste er demnach den Bezug zu den echten Problemen der Menschen, weshalb der mit der Künstlerin Anna Laclaque verheiratete Wissenschaftler sich in der Corona-Pandemie daran machte, deren Verlauf mit mathematischen Modellen vorherzusagen.

Genau deshalb war er offenbar am Mittwoch ins Kanzleramt geladen worden. Wie schon in den vergangenen Monaten warnte er dort vor den Gefahren der Corona-Pandemie und sprach sich für konsequente Einschränkungen aus. Meyer-Hermann hatte bereits im Frühjahr mit dem Münchner ifo-Institut eine Studie veröffentlicht, in der er wegen langfristiger wirtschaftlicher Nachteile zu starke Lockerungen der damaligen Einschränkungen ablehnte.

Politiker beziehen sich auf Meyer-Hermann

Meyer-Hermanns Modelle versuchen auf den Tag genau die weiteren Entwicklungen abzubilden. Was genau für welchen der kommenden Tage an Entwicklungen prognostizierte, sagte Merkel nicht – aber die Kanzlerin machte keinen Hehl daraus, besorgt aus dem Treffen zu gehen.

Der von Meyer-Hermann festgestellte exponentielle Anstieg der Infektionszahlen müsse gestoppt werden: "Sonst wird das kein gutes Ende nehmen", sagte Merkel.

Sie schien indessen nicht die einzige zu sein, auf die Meyer-Hermann Eindruck gemacht hatte. So rief Kanzleramtsminister Helge Braun die Bevölkerung am Donnerstag auf, im Kampf gegen die Corona-Pandemie mehr zu tun als von Bund und Ländern vereinbart. Die Beschlüsse seien ein wichtiger Schritt, würden aber vermutlich nicht ausreichen, sagte der CDU-Politiker im ARD-"Morgenmagazin".

Braun verwies dabei auch auf die Ausführungen von Meyer-Hermann. "Der hat uns anhand der Modellierungen vorgerechnet: Wir müssen im Grunde genommen alle unsere Kontakte halbieren", bemerkte Braun. (afp/dpa/mf)

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Teaserbild: © Julian Stratenschulte/dpa