• Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner klettert weiter und hat mittlerweile einen Wert wie Mitte Januar erreicht.
  • Um die Entwicklung zu stoppen, fordern immer mehr Experten einen harten Lockdown.
  • Selbst die Kanzlerin und der Bundesgesundheitsminister sehen kaum noch einen anderen Weg.

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Angela Merkel liebäugelt mit ihm, Jens Spahn und einige Wirtschaftsvertreter wollen ihn mittlerweile ebenso wie Karl Lauterbach, der schon seit Wochen zusammen mit Virologen und Intensivmediziner darauf drängt: Einen harten Lockdown, um die dritte Corona-Welle zu brechen.

Ohne das Wort in den Mund zu nehmen forderte Bundeskanzlerin Merkel am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will" ein deutlich härteres Vorgehen in der Corona-Pandemie. So könne es nicht weitergehen, sagte sie.

Merkel bezeichnete Ausgangsbeschränkungen als ein "ganz wichtiges Mittel", dies gelte gerade in den Abendstunden. Merkel brachte zudem neue Kontaktbeschränkungen ins Spiel, "um das exponentielle Wachstum zu stoppen".

Konkreter war zuvor Gesundheitsminister Spahn geworden: Er plädiert für einen zweiwöchigen harten Lockdown. Der CDU-Politiker steht damit nicht alleine da, im Gegenteil: Immer mehr Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft fordern einen solchen zügigen wie harten Einschnitt.

Sie glauben: So kann letztendlich wieder schneller geöffnet werden, ohne die Gesundheit der Menschen zu gefährden.

Die Fakten: Steigende Infektionszahlen, aber sinkende Corona-Todeszahlen

  • Seit dem 1. März ist die Sieben-Tage-Inzidenz laut Robert-Koch-Institut (RKI) von 66 auf 134 am Sonntag gestiegen (plus 103 Prozent). Anfang des Monats hatten bundesweit 56 der 412 Landkreise und kreisfreien Städte eine Inzidenz von über 100, nun sind es bereits 285.
  • Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Anzahl der intensivmedizinisch behandelten COVID-19-Patienten von 2.869 auf 3.446 am Sonntag, wie aus den Daten des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hervorgeht (plus 20 Prozent).
  • Zugleich breitet sich die deutlich ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 immer mehr aus. Laut der aktuellsten Daten des RKI vom 24. März hat die Mutation mittlerweile einen Anteil von 72 Prozent bei positiven untersuchten Proben. Ende Februar waren es 45 Prozent, Ende Januar nur 6 Prozent.
  • Auch das Verhältnis positiver Tests ist gestiegen: Von 6,2 Prozent in der ersten Märzwoche auf 7,9 in der vorvergangenen.
  • Die Zahl der wöchentlichen Corona-Toten sinkt hingegen weiter. Am Montag waren es 172 Menschen, die in den zurückliegenden sieben Tage im Durchschnitt täglich an COVID-19 gestorben sind. Am 1. März lag dieser Wert noch bei 317 – das entspricht einem Rückgang von 45 Prozent.

"Wenn wir die Zahlen nehmen, brauchen wir noch einmal zehn, 14 Tage richtiges Herunterfahren unserer Kontakte und Mobilität", sagte Spahn am Samstag. "Die Intensivmedizin wird wieder voller mit COVID-19-Patienten."

Spahn schwebt deshalb ein Lockdown vor, "wie wir es auch im letzten Jahr an Ostern erlebt haben". Wenn die dritte Welle bei den Infektionen gebrochen werden könne, seien dann Öffnungsschritte begleitet von Tests möglich. Voraussetzung sei aber, "das wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle kriegen", erläuterte Spahn.

Intensivmediziner fordern drei Wochen harten Lockdown

Angesichts der steigenden Corona-Zahlen fordern Intensivmediziner sogar einen bis zu drei Wochen andauernden harten Lockdown. "Das wird zahlreiche Menschenleben retten und noch viel mehr vor lebenslangen Langzeitfolgen durch COVID-19 bewahren", erklärte der DIVI-Präsident Gernot Marx am Sonntag. Er warnte: "Wir rennen sehenden Auges ins Verderben."

Die Zahl der COVID-19-Intensivpatienten werde "in den kommenden zweieinhalb Wochen weiter exponentiell wachsen, egal was wir jetzt tun", sagt Christian Karagiannidis, der medizinisch-wissenschaftliche Leiter des DIVI-Intensivregisters. Bei mehr als 5000 COVID-19-Patienten werde es wirklich langsam kritisch. "Das heißt, es muss jetzt etwas passieren." An einem harten Lockdown für zwei bis drei Wochen führe kein Weg vorbei, bemerkt auch Karagiannidis.

Sein Kollege Steffen Weber-Carstens sagte, die Bevölkerung habe zwischen Weihnachten und Anfang Januar gar nicht mitbekommen, wie knapp es gewesen sei. Zahlreiche Patienten seien aus dem Osten oder der Mitte Deutschlands nach Norden geflogen worden. Diese Woche habe er bereits wieder Anfragen für überregionale Verlegungen bekommen.

Harter Lockdown, um danach öffnen zu können

DIVI-Präsident Marx sprach sich deshalb für einen harten Lockdown schon über die Osterferien aus. "Und dann können wir bei deutlich niedrigeren Inzidenzen mit Schnelltests, PCR-Tests, Impfungen und Apps wieder öffentliches Leben zulassen", erklärte er. Jeder Patient, der nicht auf die Intensivstation müsse, sei die Anstrengung wert. "Unsere Patienten sind gezeichnet fürs Leben", betonte er.

Der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologie Karl Lauterbach plädiert für einen "letzten harten Lockdown", ein "letztes grosses Gefecht" zur Bekämpfung der Pandemie. "Wir können es nicht so laufen lassen", sagte Lauterbach im WDR. Andernfalls würden die Inzidenzzahlen in wenigen Wochen über 200 steigen.

Der sozialdemokratische Politiker drängte einerseits zu einer Pflicht zum Homeoffice und zu regelmäßigen Corona-Tests in den Betrieben. Andererseits sprach er sich für eine befristete Ausgangssperre am Abend aus. Die Bewegungsdaten der Handys zeigten, dass sich viele Menschen abends immer noch privat träfen. Das sei verständlich, müsse aber eine Zeit lang begrenzt werden.

Das Ende des "Jo-Jo-Lockdowns"?

Die dritte Welle komme "mit Vollgas angerauscht", warnte ebenso die Virologin Isabella Eckerle auf Twitter. Die Leiterin des Zentrums für neuartige Viruserkrankungen an der Universitätsklinik Genf tritt bereits seit Längerem für eine No- beziehungsweise Zero-COVID-Strategie ein, also dem möglichst kompletten, kurzfristigen Herunterfahren des öffentlichen Lebens, um die Zahl der Neuinfektionen gen Null zu drücken. Anschließend könnte man breit öffnen.

Aus Sicht von Eckerle würde aktuell "niemand von den Mini-Öffnungen zwischen den Jo-Jo-Lockdowns" profitieren.

Das sehen mittlerweile auch Wirtschaftsexperten so: "Der beste Schutz für die Wirtschaft ist eine schnelle Begrenzung der dritten Infektionswelle, verlässliche Regeln und eine klare Zukunftsperspektive", betont der Ökonom und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, in einer Analyse.

"Es wäre mir lieber, wenn wir noch mal zehn Tage bundesweit in einen harten Lockdown gehen und danach überall öffnen können, anstatt über Monate keine klaren Strukturen zu haben", erklärte ebenso der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, der "Bild am Sonntag".

Wolf zufolge würden die Beschlüsse seit Monaten völlig an den Bedürfnissen und Wünschen der Betriebe und Menschen vorbeigehen. Tatsächlich sprechen sich derzeit wieder mehr Menschen für eine Verschärfung als eine Lockerung der Maßnahmen aus, wie das ZDF-Politbarometer ergab. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) will sie verschärfen, knapp ein Drittel (31 Prozent) beibehalten und ein Viertel (26 Prozent) lockern.

Entscheiden, wie es weitergeht, werden Bund und Länder. Kanzlerin Merkel betonte jedoch am Sonntag: Vor Ostern wird die Runde nicht mehr zusammenkommen. Und damit wohl auch kein harter Lockdown mehr im März. (dpa/afp/mf)

Epidemiologin zeichnet düsteres Bild für jüngere COVID-Patienten

Sie erwartet bei wachsenden Corona-Zahlen mehr schwere Krankheitsverläufe bei jüngeren Menschen - dabei wird vor allem die Virusvariante B.1.1.7 problematisch.
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