Die Stadt Hamm hatte Corona unter Kontrolle - bis die Infektionen nach einer Hochzeitsfeier explodierten. Thomas Hunsteger-Petermann ist nun als einer der ersten deutschen Politiker mit der zweiten Welle konfrontiert.

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Es kommt selten vor, dass deutsche Oberbürgermeister auf Instagram Wutreden halten. Doch Thomas Hunsteger-Petermann (CDU), seit über 20 Jahren OB der Stadt Hamm, wusste sich nicht mehr anders zu helfen: In einem vierminütigen Video wandte er sich am Montag mit deutlichen Worten an die Einwohner seiner Stadt.

Er sei "äußerst verärgert" über die Situation, sagt Hunsteger-Petermann in dem Video. Das Problem: Seit Beginn der Woche explodieren die Corona-Infektionen in der nordrhein-westfälischen Stadt. Nun muss Hunsteger-Petermann als einer der ersten Politiker in Deutschland entscheiden, wie man richtig reagiert, wenn die zweite Welle kommt. Der Fall zeigt auch, was Gemeinden in ganz Deutschland droht, wenn die Zahl der Infizierten weiter ansteigt.

SPIEGEL: Herr Hunsteger-Petermann, Sie sind offensichtlich sehr wütend. Warum?

Hunsteger-Petermann: Vergangene Woche hatten wir die Corona-Lage in unserer Stadt unter Kontrolle, es gab 19 Infizierte auf 180.000 Einwohner. In der Zwischenzeit ist unser RKI-Faktor auf 79,8 gestiegen, er liegt damit deutlich über der Grenze von 50. Wir haben 151 Infizierte und es könnten noch deutlich mehr werden, wenn wir alle Verdachtsfälle überprüft haben. Und das alles wegen einer einzigen Familienfeier. Natürlich bin ich wütend.

Thomas Hunsteger-Petermann (CDU), Oberbürgermeister der Stadt Hamm.

SPIEGEL: Nur eine Familienfeier ist schuld an den explodierenden Fallzahlen?

Hunsteger-Petermann: Wir können fast alle Infektionen darauf zurückführen. Das Schlimmste ist aber eigentlich, dass besagte Feier schon vor drei Wochen stattgefunden hat. Das macht die Rückverfolgung unglaublich schwer. Wir versuchen momentan, alle Infektionsketten nachzuvollziehen. Inzwischen gibt es aber Infektionen in der zweiten Generation.

SPIEGEL: Was war das für eine Feier?

Hunsteger-Petermann: Eine Hochzeit im großen Stil. Es ist recht offensichtlich, was dabei schiefgelaufen ist: Ausgangspunkt war wohl ein Junggesellinnenabschied, bei dem sehr eng getanzt und auch Tränen vergossen wurden. Anschließend gab es dann die eigentliche Hochzeitsfeier mit mehreren Hundert Gästen, bei der man sich ebenfalls nicht an Abstands- und Hygieneregeln gehalten hat. Das hat Corona-Übertragungen in großer Zahl ermöglicht.

SPIEGEL: Zurzeit warnen Experten vor einer zweiten Welle. In Spanien etwa steigen die Zahlen bereits rasant. Welche Folgen hat das Infektionsgeschehen konkret in Ihrer Stadt?

Hunsteger-Petermann: Ein gutes Beispiel sind die Schulen. Wir mussten bisher allein 650 Lehrer und Schüler in Quarantäne schicken. Ursprünglich waren vier Kinder infiziert. Außerdem müssen an den Schulen alle wieder Maske tragen.

"Einschränkungen wie zu Beginn der Pandemie"

SPIEGEL: Welche Maßnahmen haben Sie sonst ergriffen, um das Infektionsgeschehen einzudämmen?

Hunsteger-Petermann: Es gibt eine Reihe von Einschränkungen, wir sind da in einigen Bereichen wieder auf dem Stand wie zu Beginn der Pandemie. Private Feiern ab 25 Personen sind von nun an anmeldepflichtig, ab 50 Gästen braucht man eine Genehmigung. Außerdem muss es ein Hygienekonzept geben und einen Verantwortlichen vor Ort. Im öffentlichen Raum sind nur noch Gruppengrößen von bis zu fünf Personen erlaubt, das "Schlemmerfest" und der verkaufsoffene Sonntag wurden schon abgesagt.

SPIEGEL: Das klingt nach massiven Eingriffen in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger.

Hunsteger-Petermann: Wir tun gerade alles, um einen allgemeinen Lockdown zu verhindern. Das ist ein Balanceakt: Zum einen müssen die Maßnahmen effektiv sein, zum anderen soll das Leben möglichst normal weitergehen. Außerdem muss für die Bevölkerung nachvollziehbar sein, warum wir welche Maßnahmen ergreifen. Weil eine Handvoll Feiernder jeglichen Anstand, Abstand und auch ihre Masken zur Seite gelegt hat, leiden jetzt 180.000 Menschen darunter. Die haben sich verhalten, als ob es Corona nicht gäbe. Das darf nicht sein.

SPIEGEL: Wie verändert der Anstieg Ihren persönlichen Alltag?

Hunsteger-Petermann: Eigentlich bin ich gerade im Wahlkampf, aber das fällt jetzt aus. Für diese Woche habe ich alle Termine abgesagt. Ich bin von morgens bis abends als Krisenmanager gefordert. Das ist schon eine große psychische und körperliche Belastung, da kommt man durchaus an seine Grenzen.

"Große, private Feiern stärker kontrollieren"

SPIEGEL: Wie ist Hamm bislang durch die Coronakrise gekommen?

Hunsteger-Petermann: Wir hatten zwei große Ausbrüche, ein Mal gleich zu Beginn der Pandemie, die Situation haben wir aber schnell unter Kontrolle bekommen. Ein weiterer Anstieg der Zahlen kam durch die Vorfälle bei der Schlachterei Tönnies, damals sind wir aber unter dem Grenzwert geblieben. Zuletzt hatten wir einstellige Infektionszahlen; ich war richtig zufrieden. Die Verantwortung der Bürgerinnen und Bürger hatte sich ausgezahlt.

SPIEGEL: Was würden Sie anderen Städten und Gemeinden empfehlen?

Hunsteger-Petermann: Ich würde jedem raten, große, private Feiern stärker zu kontrollieren. Alles andere hat bei uns gut funktioniert, aber bei privaten Feiern wussten wir noch nicht mal, wo sie stattfinden. Bei diesen Kontrollen geht es nicht um die Silberhochzeit, die im kleinen Rahmen gefeiert wird. Sondern eben um ausartende, große Hochzeitsfeste oder Geburtstage. Solche Veranstaltungen sind momentan einfach nicht zeitgemäß.  © DER SPIEGEL

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