Gesundheitsexperten wie SPD-Politiker Karl Lauterbach haben sich für eine kürzere Quarantänezeit bei Corona-Verdachtsfällen ausgesprochen. Der Vorschlag findet fraktionsübergreifend Unterstützung und wird geprüft. Die Politik hofft damit auf eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz für die Maßnahme.

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Gesundheitspolitiker mehrerer Fraktionen haben für eine kürzere Quarantänezeit bei Corona-Verdachtsfällen plädiert.

Lauterbach: "Gesellschaftliche Akzeptanz wäre höher"

"Ich halte es für sehr sinnvoll, die Quarantänezeit auf fünf Tage zu begrenzen", sagte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach der Zeitung "Welt". Es sei bekannt, dass die allermeisten Menschen fünf Tage nach Beginn der Symptome nicht mehr ansteckend sind, auch wenn der Corona-Test noch ein positives Ergebnis ausweise.

"Wenn wir die Quarantänezeit auf fünf Tage begrenzten, wäre die gesellschaftliche Akzeptanz für die Maßnahme deutlich höher", sagte Lauterbach. Das ganze Leben wäre weniger unterbrochen, weil Menschen schneller an den Arbeitsplatz und in die Schulen zurückkehren könnten. Mit einer verkürzten Quarantänezeit würde der gleiche Effekt für die öffentliche Gesundheit erreicht werden wie bislang, sagte Lauterbach. Möglicherweise wäre der Effekt sogar größer, "weil sich mehr Menschen an die Quarantänezeit hielten".

Drosten empfiehlt Verkürzung der Isolierungszeit

Ausgelöst hatte die Debatte Christian Drosten: Der Berliner Virologe hatte sich Anfang August in einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" mit der Bedeutung von Clustern befasst, also Häufungen von Corona-Infektionen. Dabei schrieb er unter anderem: "Schaut man sich neuere Daten zur Ausscheidung des Virus an, reicht eine Isolierung der Clustermitglieder von fünf Tagen."

Im NDR-Podcast von Dienstag griff Drosten diese Aussage erneut auf und plädierte für eine Verkürzung der Isolierungszeit, eine Verkürzung der Quarantänezeit empfahl er nicht. Grundsätzlich gilt eine Quarantäne für Menschen, die Kontakt zu Infizierten hatten. Eine Isolierung gilt für Infizierte.

Mit diesem Vorschlag gehe er "bis an die Schmerzgrenze der Epidemiologie", sagte er im Podcast weiter. Er regte zudem an, die fünf Tage nicht für Tests zu "verschwenden", sondern erst nach Ablauf zu testen, ob die Betroffenen infiziert waren und noch infektiös sind.

Zustimmung für Vorschlag über alle Fraktionen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zeigt sich offen für Überlegungen, die Quarantäne in Verdachtsfällen zu verkürzen. Wie der CDU-Politiker mitteilte, verständigten sich die EU-Gesundheitsminister am Freitag in einer Videokonferenz darauf, dass für Reiserückkehrer aus Risikogebieten europaweit eine generelle Quarantäne von mindestens zehn Tagen gelten solle.

Diesen Ansatz wolle er auch für die deutsche Debatte aufgreifen und in die Erarbeitung eines angepassten Konzepts für das Vorgehen im Herbst und Winter einfließen lassen.

"Ich kann mir gut vorstellen, dass dazu gehört, eine 10-tägige Quarantäne für Reiserückkehrer und möglicherweise darüber hinaus." Das aktualisierte Konzept mit einem Rahmen für Quarantäne und Tests soll bis Anfang Oktober kommen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, sprach sich ebenfalls für eine lediglich fünftägige Quarantäne aus. Damit erhöhe man die Akzeptanz in der Bevölkerung und entziehe "zugleich den Verschwörungstheoretikern und Corona-Leugnern den Boden", sagte sie der "Welt". "Sollte es neue Ergebnisse bezüglich der Infektiösität geben, muss die aktuelle Politik reagieren."

Grüne ebenfalls für Verkürzung - AfD sieht sich in Kritik bestätigt

Die Grünen-Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche sagte: "Für die breite Masse der Bevölkerung kann es sinnvoll sein, bei Verdacht auf einen Kontakt mit einer infizierten Person zunächst in eine verkürzte Quarantäne zu gehen und diese mit einem negativen Test abzuschließen."

Der gesundheitspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Detlev Spangenberg, sieht durch Drostens Aussage die Meinung der AfD bestätigt: "Die Aussage von Herrn Drosten bestätigt die Meinung der AfD, dass die bisherigen Maßnahmen überhastet und nicht ausgewogen angesetzt wurden."

Quarantäne in Deutschland – eine Übersicht

In Quarantäne müssen derzeit Menschen in Deutschland, die ein hohes Risiko haben, sich mit SARS-CoV-2 infiziert zu haben. Dies gilt für Personen, die innerhalb der letzten 14 Tage engen Kontakt zu einem bestätigten COVID-19-Patienten hatten. Sie kann auch durch das Gesundheitsamt angeordnet werden. Weitere Informationen finden Sie hier auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Daneben gilt derzeit in Deutschland eine 14-tägige Quarantäne-Pflicht für Personen, die aus einem Risikogebiet in die Bundesrepublik Deutschland einreisen. Zu den derzeitigen Risikogebieten zählen beispielsweise bei Deutschen beliebte Länder wie Spanien und die USA, sowie Teile Frankreichs wie die Côte d’Azur oder der Großraum Paris. Eine Übersicht über die aktuellen Risikogebiete finden Sie hier auf den Seiten des RKI. (mgb/afp/dpa)

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels wurde behauptet, dass Christian Drosten für eine Verkürzung der Quarantänezeit plädiert hätte. Das ist falsch. Richtig ist, dass er eine Verkürzung der Isolierungszeit vorgeschlagen hat. Wir haben die Passage angepasst.

Teaserbild: © imago images/Reiner Zensen