Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Erklärungen für die Impfmisere in Deutschland.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

Guten Morgen, liebe Leser,

die Aussagen der Regierung gelten – bis sie plötzlich nicht mehr gelten. Eben noch verteidigte der Gesundheitsminister den Impfstoff von AstraZeneca, seit gestern 15.30 Uhr ist die weitere Verabreichung des Impfstoffes bis auf Weiteres verboten.

Noch am 4. März kündigte die Ständige Impfkommission (STIKO) an: „Angesichts der außergewöhnlichen Situation und des großen, verständlichen Informationsbedürfnisses der Bevölkerung teilt die STIKO vorab mit, dass sie beschlossen hat, die Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff für alle Altersgruppen entsprechend der Zulassung zu empfehlen.“

Dazu Jens Spahn:

"Das ist eine gute Nachricht für alle Älteren, die auf eine Impfung warten. Sie können schneller geimpft werden."

Schon am Vortag der Entscheidung der STIKO, also am 3. März, hatte Spahn im ARD-Morgenmagazin gesagt:

"Aus England und Schottland liegen jetzt Daten vor, dass AstraZeneca bei den über 65-Jährigen sehr gut wirkt."

Gestern dann dementiert der Minister sich selbst. Die jetzt vollzogene Vollbremsung ist der vorläufige Höhepunkt der deutschen Impfmisere. Das Impfversprechen von Kanzlerin Angela Merkel und Jens Spahn, dass bis zum Ende des Sommers alle Bürger ein Impfangebot vorliegen haben sollen, ist kaum noch zu halten.

AstraZeneca war ein zentraler Baustein der deutschen Impfpolitik, fast 23 Prozent aller Impfungen werden derzeit mit dem Impfstoff aus der britisch-schwedischen Koproduktion durchgeführt.

Sechs Grafiken erzählen die Geschichte der deutschen Impfmisere:

1. Impfstofflieferungen

Grafik 1 zeigt, dass die deutsche Impfstrategie – auch weil die EU bei BioNTech zu spät und nicht zahlreich genug bestellt hat – stark auf AstraZeneca setzte. Die Impfverbote in zuerst Dänemark, Norwegen und Island und die Impfzurückhaltung der deutschen Bevölkerung – von den bislang eingetroffenen drei Millionen Impfdosen konnten bisher nur 1,65 verimpft werden – wurden überhört.

Spahn und die STIKO machten aktiv Werbung für den Problem-Stoff, der erst das Vertrauen der Menschen und dann auch die deutsche Impferlaubnis verlor. Nun fehlt dieser Baustein, unabhängig davon, ob das Paul-Ehrlich-Institut die Zulassung später erneuern wird oder nicht.

Im 2. Quartal 2021 hat das Ministerium von Jens Spahn knapp 17 Millionen Dosen AstraZeneca für die Impfung eingestellt, was rund 22 Prozent der geplanten Impfstoffe entspricht. Diese Menge wird jetzt fehlen.

2. Impfpause an den Wochenenden

Grafik 2 belegt, dass die Impfzentren trotz Jahrhundert-Pandemie am Wochenende eine ruhige Kugel schieben. An Samstagen und Sonntagen wird nur mit halber Kraft geimpft, wie aus den offiziellen Datensätzen des Gesundheitsministeriums hervorgeht. Die verspäteten Meldungen der Gesundheitsämter an das Robert-Koch-Institut (RKI) erzählen dieselbe Geschichte. Ein Mitglied der No-Covid-Gruppe merkt voller Zynismus an: „Krise findet bei uns am Wochenende nicht statt.“

3. Wachsende Lagerbestände

Grafik 3 zeigt, dass durch das Schneckentempo beim Impfen der Impfstoff-Vorrat in die Höhe schnellt. In den Kühlschränken der Impfzentren lagern 3,7 Millionen Impfstoffdosen mit festem Haltbarkeitsdatum. Kommt es zu keiner Beschleunigung im Impfprozess, müssen diese Werte vernichtet werden.

4. Tödliche Schere

Grafik 4 legt nahe, dass das alte Sprichwort, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, hier keine Gültigkeit besitzt. Die Schere zwischen gelieferten Dosen und geimpften Dosen geht kontinuierlich auseinander.

5. Schneller Impfen

Grafik 5 zeigt, dass der Staat bei den verschiedenen Pharmafirmen mittlerweile große Mengen an Impfstoff bestellt hat. Diese Lieferungen werden allerdings unter den Bedingungen des jetzigen Impfregimes den Weg in den Oberarm des Bürgers niemals finden können. AstraZeneca steht vorerst nicht zur Verfügung. Und auch für die anderen Anbieter müsste die Impfgeschwindigkeit um ein Vielfaches gesteigert werden.

6. EU-Vergleich

Grafik 6 zeigt die internationale Impfposition der Deutschen. Bei deutlich schwierigeren Voraussetzungen schaffen es andere Staaten, deutlich höhere Impfquoten zu erreichen. Die USA sind ein Flächenstaat, der über 27 Mal so groß und knapp viermal so bevölkerungsreich ist wie Deutschland. Auch Großbritannien mit seinem oft chaotischen und chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystem erzielt bessere Resultate. Wir lernen: Es geht.

Wie es besser gehen könnte

Keine Kritik ohne Verbesserungsvorschlag: Die regierungskritischen Experten, die mittlerweile in vielen Institutionen sitzen und nach meinem Eindruck eine Mehrheit bilden, empfehlen zur Behebung der Impf-Misere drei Schritte mit großer Hebelwirkung:

  • Haus- und Betriebsärzte an die Impf-Front: Zusätzlich zu den Beschäftigten der Impfzentren müssten die 55.000 Hausärzte und die 12.000 Betriebsärzte in die Impfkampagne einbezogen werden. Bei 30 Impfungen pro Tag und Hausarzt würden allein die Hausärzte 1,6 Millionen Menschen pro Tag in die Teil-Immunität entlassen. In 51 Tagen wäre Deutschland durchgeimpft.
  • Der Zeitraum zwischen erster und zweiter Impfdosis müsste auf das Maximale gestreckt werden. So wird schneller eine Teilimmunität der Bevölkerung erreicht und vor allem die Intensivmedizin in den Kliniken entlastet.
  • Impfreihenfolge lockern. Mit der Impfberechtigung für bestimmte Alterskohorten, Krankheitsbilder und Berufsgruppen hat die Regierung ein bürokratisches Monster geschaffen, das die schnelle Impfung von Millionen von Menschen unmöglich macht. Die Hausärzte müssen frei entscheiden können und in Eigenverantwortung die Impfreihenfolge bestimmen dürfen.

Fazit

Das Impf-Desaster ist hausgemacht. Es fehlt in Deutschland nicht an Impfstoff, Geld und wissenschaftlichem Know-how, sondern an Leadership. Die Vokabel vom „Staatsversagen“ ist daher zu hoch gegriffen. Die Regierung versagt – und zwar vor sich selbst.

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.