• In Deutschland wird über die Abschaffung des Ausnahmezustandes diskutiert.
  • Dänemark hat die Pandemie ganz für beendet erklärt.
  • Gleichzeitig steigen in Osteuropa die Corona-Fallzahlen in neue Höhen. Warum ist Europa so zweigeteilt?

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Ein Blick auf die Corona-Europakarte genügt: Es gibt ein West-Ost-Gefälle. Im Westen sind die Fallzahlen derzeit moderat, vor allem sterben immer weniger Menschen an oder mit dem Virus. Klassenprimus ist laut der Johns Hopkins University (JHU) derzeit Portugal mit nur fünf Toten und 313 Fällen an einem Tag (Stand: 25. Oktober; Inzidenz: 52,7, Stand: 26. Oktober).

Dabei hatten die Portugiesen noch Ende Januar schwer zu kämpfen: Damals starben an einem Tag 303 Menschen und 16.432 infizierten sich.

Ein ähnliches Bild in Dänemark: Im September wurden alle Corona-Maßnahmen aufgehoben. Trotzdem starb zuletzt keine Person bei 1.426 neuen Fällen am Tag (Stand: 25. Oktober; Inzidenz: 151,0, Stand: 26. Oktober).

Dagegen schaut die Lage im Osten der EU nicht gut aus: In Bulgarien beispielsweise nähern sich die Corona-Infektionen einem neuen Allzeithoch. Waren sie in den Sommermonaten noch durchschnittlich für Europa, liegt die Inzidenz derzeit bei 430,8 (Stand: 26. Oktober). Die JHU meldet aktuell 5.863 neue Fälle und 243 Tote (Stand: 25. Oktober).

Corona-Lage in Rumänien schlimmer als in Bulgarien

Noch schlimmer ist die Lage in Rumänien: Hier verzeichnete die JHU 9.187 neue Fälle, 301 Menschen starben an nur einem Tag (Stand: 25. Oktober; Inzidenz: 542,2, Stand: 26. Oktober). Der jüngste Höchststand stammt erst vom 19. Oktober. Damals starben 574 Menschen, 18.863 steckten sich mit dem Virus neu an.

Und Russland verzeichnete aktuell 1.042 Corona-Tote und 36.947 Infektionen an einem Tag (Stand: 25. Oktober). Der jüngste Höchststand an Corona-Toten pro Tag seit Pandemiebeginn liegt erst drei Tage zurück: Am 23. Oktober wurden 1.048 Menschen neue Todesfälle gemeldet. Die Inzidenz liegt aktuell bei 168,6 (Stand: 26. Oktober).

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Zu geringe Impfquote

Egal, ob Rumänien, Bulgarien oder Russland – überall dort, wo die Corona-Inzidenzen derzeit besonders hoch sind, zeichnet sich das gleiche Bild: Die Impfbereitschaft ist zu niedrig.

In Bulgarien sind laut der JHU nur 20,77 Prozent der Bevölkerung geimpft, in Rumänien sind es 30,58 und in Russland 33,18 Prozent. Zum Vergleich: Dänemarks Quote liegt bei 75,71 Prozent, Spaniens bei 79,09 Prozent und Portugals sogar bei 85,96 Prozent (Stand jeweils vom 26. Oktober).

Zu wenig Impfwillige

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts untersuchte im Sommer bei der Altersgruppe 50+, warum sich die Menschen nicht impfen lassen. Dafür wurden 47.000 Personen in 27 europäischen Ländern und Israel befragt. "Auffällig war, dass in Osteuropa die Impfunsicherheit und -verweigerung stärker ausgeprägt ist als in den anderen Regionen", so die Forschungsgruppe.

Zudem bestätigte sie, dass "Menschen mit geringerem Einkommen oder niedrigerem Ausbildungsniveau sich seltener impfen lassen." In Rumänien und Bulgarien, den Ländern mit den niedrigsten Gesamtimpfungsraten, waren knapp 40 Prozent der Befragten unentschlossen.

In Rumänien wollten sich 54 Prozent überhaupt nicht impfen lassen. In Bulgarien waren es 45 Prozent. Doch auch wenn die Zahl der Impfwilligen jetzt steigen sollte, "wäre es aufgrund der hohen Zahl der Impfverweigerer sehr schwierig, in diesen Ländern die Herdenimmunität zu erreichen", folgert die Forschungsgruppe.

Zu wenig Vertrauen

Warum lassen sich in Portugal so viele und im Osten Europas so wenige impfen? Russland hätte sogar einen eigenen Impfstoff.

Das Problem dort: Erstens habe man "sehr schlecht kommuniziert, dass die Impfung notwendig ist", zitiert "T-Online" Félix Krawatzek vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien.

Und zweitens habe man dort westliche Impfstoffe diskreditiert und das heimische Sputnik V als Super-Impfstoff angepriesen. "Das führt zu einer Spannung, in der das Projekt der Impfung unglaubwürdig erscheint."

Neben dem Misstrauen gegenüber den Impfstoffen herrscht in Bulgarien und Rumänien noch ein mangelndes Vertrauen in die politischen Institutionen. So ist erst Anfang Oktober in Rumänien die Regierung von Ministerpräsident Florin Citu gestürzt worden, in Bulgarien wird im November bereits zum dritten Mal innerhalb eines Jahres gewählt.

Anders in Portugal: Das Lob für die sensationelle Quote von 85,96 Prozent gebührt Vizeadmiral Henrique Gouveia e Melo. Laut dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" wandte sich die portugiesische Regierung an ihn, als die Impfkampagne stockte.

"Das erste ist, aus dieser Sache einen Krieg zu machen", wird Gouveia e Melo zitiert. Deswegen habe er im TV stets seine Kampfuniform getragen. "Er formulierte eine Kommunikationspolitik über das Geschehen, die Glaubwürdigkeit und Vertrauen verlieh", lobte ihn auch Ex-Gesundheitsministerin Leonor Beleza.

Regierungen im Osten Europas: Zu spät reagiert?

Um die Infektionszahlen in Bulgarien jetzt wieder zu drücken, hat die Regierung die Maßnahmen verschärft. Nun muss jeder, der einen Innenraum betritt, das "Grüne Zertifikat" vorlegen. Darauf muss ein Punkt der bei uns bekannten 3G-Regel offiziell bestätigt sein. Doch viele Bulgaren protestierten daraufhin in vielen Teilen des Landes, bezeichneten die neuen Maßnahmen laut n-tv als diskriminierend für Menschen ohne Zertifikat.

In Russland genehmigte Präsident Wladimir Putin eine Anordnung der Regierung, dass Betriebe von 30. Oktober bis 7. November schießen sollen. Zudem kritisierte die Regierung, dass die Impfkampagne nur schleppend vorankomme. Denn zusätzlich entdeckten Forscher dort noch eine weitere Virusvariante.

Rumänien als Corona-Hotspot in Europa droht der Kollaps des staatlichen Gesundheitssystems. Derzeit, so berichten Ärzte, sind alle Intensivbetten belegt. Es fehlen Beatmungsgeräte und Medikamente. Auch gebe es nicht genügend Personal, denn viele Mediziner sind in den Westen abgewandert. Doch es gibt Hoffnung: Gerade lassen sich mehr Menschen impfen.

Verwendete Quellen:

  • Check 24: Bulgarien verschärft Corona-Beschränkungen
  • n-tv: Proteste gegen Einführung von geplanten Corona-Zertifikaten
  • Max-Planck-Gesellschaft: Wer sind die Ungeimpften?
  • Tagesschau: Rumänische Regierung gestürzt
  • Redaktionsnetzwerk Deutschland: Aus der Sache einen Krieg gemacht: Was Portugals Impfkampagne so erfolgreich machte
  • MDR: Rumänien: Die Pandemie der Ungeimpften
  • T-Online: Neue Corona Mutante entdeckt: Putin verhängt Lockdown
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