Chicago gehört zu den US-amerikanischen Städten, die das Coronavirus besonders hart getroffen hat. Dort bedroht SARS-CoV-2 vor allem die schwarze Bevölkerung. Auch ein Gefängnis steht im Fokus.

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Lori Lightfoot ist weniger als ein Jahr im Amt. Seitdem hat die Bürgermeisterin von Chicago schon mit einer Haushaltslücke von mehr als 800 Millionen Dollar zu kämpfen. Jetzt aber wird ihre Stadt in noch viel größerem Maße auf die Probe gestellt.

Die drittgrößte Kommune des Landes ist zu einem Hotspot der Corona-Pandemie geworden: Das Cook County, zu dem Chicago gehört, ist mit mehr als 16.000 Infizierten der am stärksten betroffene Landkreis der USA außerhalb des Großraums New York. Und wie immer beim Coronavirus gilt: Die Dunkelziffer könnte noch deutlich höher liegen.

"Social Distancing" schwer umzusetzen

Besonders betroffen ist die afroamerikanische Bevölkerung der Stadt: Rund 70 Prozent der Corona-Toten in Chicago sind Schwarze. Viele von ihnen leiden der Bürgermeisterin zufolge an Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und seien dadurch besonders gefährdet.

"Social Distancing" sei gerade für benachteiligte afroamerikanische Familien schwer umzusetzen, sagte Lightfoot im Podcast "Pod Save The People": Sie sind darauf angewiesen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, sie leben häufig mit mehreren Generationen in einem Haus oder einer Wohnung.

"Die Frage ist: Hat man den Luxus von zusätzlichem Raum, in den man sich ausbreiten kann?", so Lightfoot. Sie selbst besitze diesen Luxus, so die Bürgermeisterin, die selbst Afroamerikanerin ist. Aber für einen Großteil des "schwarzen und braunen Chicagos" entspreche das nicht der Realität.

Von der Regierung in Washington fordert sie gerade für diese Bevölkerungsgruppen einen verbesserten Zugang zum Gesundheitssystem.

Überall, wo viele Menschen aufeinandertreffen und zusammenleben, sind sie besonderer Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Das gilt zum Beispiel auch für unbegleitete minderjährige Migranten in drei Aufnahmeeinrichtungen in Chicago: 37 von 69 Kindern seien dort positiv auf das Coronavirus getestet worden, berichten mehrere Medien. Immerhin seien die Verläufe bei ihnen mild.

Mehr als 500 Infizierte in Gefängnis

Im Fokus steht in Chicago auch das Gefängnis des Cook County: Am 23. März waren dort die ersten zwei Insassen positiv getestet worden. Inzwischen sind mehr als 300 Gefangene und 200 Mitarbeiter infiziert.

Das bestätige die Warnungen von Experten und Beamten, Amerikas "überfüllte und unhygienische" Gefängnisse könnten eine zentrale Rolle bei der Ausbreitung des Virus spielen, schreibt die "New York Times".

Der Umgang mit dem Cook-County-Gefängnis stellt den zuständigen Sheriff vor besondere Probleme: Auf so engem Raum ist die Ansteckungsgefahr groß. Angehörige fuhren Anfang April laut hupend um das Gefängnis, um die Entlassung der Häftlinge zu fordern. Entsprechende Pläne sind bisher aber nicht umgesetzt worden.

86 Prozent der Gefangenen seien wegen Gewaltverbrechen verurteilt worden, sagte der Sheriff der "New York Times". Bei ihnen kommt eine Freilassung offenbar nicht in Frage.

3000 Betten in Kongresszentrum

In der ganzen Stadt läuft der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus auf Hochtouren. Der McCormick Place, das größte Kongresszentrum der USA, soll zu einer provisorischen Krankenstation für bis zu 3000 Patienten werden. Auch ein weiteres Krankenhaus auf Zeit ist im Gespräch.

Bushaltestellen werden gesäubert, Extra-Busse werden eingesetzt, um die Infektionsgefahr im öffentlichen Verkehrswesen zu lindern.

Fast 600 Menschen im Cook County sind der Johns-Hopkins-Universität zufolge bisher an Covid-19 gestorben. Auch wenn Chicago derzeit besonders betroffen ist – die Behörden sind auch vorsichtig optimistisch, dass man das Schlimmste gerade noch rechtzeitig verhindert habe. Ganz so schlimm wie in New York wird es wohl nicht kommen.

"Wir drehen die Kurve", teilte der Gouverneur von Illinois, Bob Pritzker, am Dienstag bei Twitter mit. Das Virus verbreite sich inzwischen langsamer – trotzdem sei es wichtig, jetzt nicht nachlässig zu werden. Mindestens bis zum 30. April gelten in Illinois weiterhin strenge Ausgangsbeschränkungen.

Die Zahl der von Covid-19-Patienten benötigten Intensivbetten steigt zwar. Da aber gleichzeitig auch die Zahl der Betten steigt, sind noch Kapazitäten frei.

"Im Moment sind wir okay", sagte auch Bürgermeisterin Lori Lightfoot im Podcast "Pod Save The People". Früh habe man in der Stadt gehandelt und zum Beispiel Großveranstaltungen verboten. "Sonst hätten wir eine Zahl von Krankenhauseinweisungen gehabt, die unser Gesundheitssystem zum Einsturz gebracht hätte."

Verwendete Quellen:

  • CBS Chicago: 37 Migrant Children At Heartland Alliance Shelter Test Positive For Coronavirus
  • Chicagobusiness.com: McCormick Place will be turned into makeshift COVID hospital
  • Crooked.com: Podcast "Pod Save The People"
  • Johns Hopkins University of Medicine – Coronavirus Resource Center: COVID-19 United States Cases by County
  • The New York Times: Chicago's Jail Is Top U.S. Hot Spot as Virus Spreads Behind Bars
  • Twitter-Account von Governor JP Pritzker

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