Im Verlauf der Corona-Pandemie machen sogenannte Superspreading-Ereignisse immer wieder Schlagzeilen: So infizierten sich bei einer Chorprobe der Berliner Domkantorei rund 60 von 80 anwesenden Mitgliedern mit dem Virus, nach einem Restaurantbesuch in Ostfriesland waren 20 Menschen mit dem Erreger angesteckt. Welche Rolle spielen solche Ereignisse und wie kann man sinnvoll damit umgehen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Virologe Christian Drosten im aktuellen NDR-Podcast "Coronavirus-Update".

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Ein Infizierter kann unter bestimmten Voraussetzungen Dutzende andere mit dem SARS-CoV-2-Virus anstecken. Mehrere solcher Superspreading-Ereignisse sind in den vergangenen Wochen bekannt geworden.

Um zu verstehen, welche Bedeutung solche Situationen für den Gesamtverlauf der Epidemie haben, muss man laut dem Virologen Christian Drosten erst einmal die Begriffe klarstellen. Dass es überhaupt einzelne Superspreading-Ereignisse gibt, sage an sich noch nicht viel aus.

Die genaue Definition von Superspreading sei in der Epidemiologie auch eine andere: "Superspreading bedeutet, dass es große Ausbrüche gibt und dass die kleinen Ausbrüche oder die kleinen Übertragungsketten gleichzeitig nicht sehr effizient sind, dass also die gesamte Infektionsepidemie getragen wird von Superspreading-Events."

Der Begriff Superspreading drücke vor allem eine Ungleichheit im Infektionsgeschehen aus - nämlich, dass ein Teil der infektiösen Personen überdurchschnittlich viele andere Patienten anstecke. Ein anderer Begriff dafür sei Überdispersion. "Wenige Leute infizieren ganz viele andere und die meisten infizieren aber nur wenige bis keinen anderen", so Drosten.

Superspreading sei keine Voraussetzung dafür, dass es zu großen Ausbrüchen kommt. Auch eine Infektionserkrankung, die vollkommen gleichmäßig verteilt sei und keiner Überdispersion unterliege, könne große Ausbrüche hervorrufen.

Dispersionsfaktor k beschreibt Ungleichheit im Infektionsgeschehen

Wie hoch die Überdispersion ist, wird durch den Dispersionsfaktor k ausgedrückt, der zwischen 1 und 0 liegt. Bei einem Dispersionsfaktor von 1 stecken alle Infizierten gleich viele andere Menschen an. Bei einem Dispersionsfaktor von 0 gibt es große Unterschiede.

Bei SARS-CoV-1 liege der Faktor ca. bei 0,1. Das bedeute, dass 73 Prozent aller SARS-Infizierten weniger als einen Folgefall angesteckt hätten, dass aber 6 Prozent mehr als acht Folgefälle angesteckt hätten. Eine solch große Ungleichheit bringt laut Drosten Vorteile für die Kontrollierbarkeit der Infektionskrankheit. Denn man könne sich bei der Eindämmung auf Methoden konzentrieren, die vor allem das Superspreading verhindern.

Wer hochinfektiös ist, hängt laut Drosten aber nicht nur von individuellen biologischen Faktoren ab, sondern auch von Bedingungen wie dem sozialen Verhalten und den äußeren Gegebenheiten bei der Weitergabe des Virus. Darum sieht Drosten einen Schlüssel zur Eindämmung von Epidemien in der Verhinderung von sozialen Situationen, die Superspreading begünstigen.

Wie hoch ist Dispersion bei SARS-CoV-2?

Beim neuartigen Coronavirus sei noch nicht geklärt, wie hoch der k-Faktor ist. Drosten zitiert mehrere aktuelle Studien, die zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Wissenschaftler hätten immer das Problem, dass die Datenlage momentan noch nicht solide genug sei, um zuverlässige Schlüsse daraus zu ziehen.

Eine Studie des führenden Epidemiologen Gabriel Leung aus Hongkong hebt Drosten allerdings hervor. Dieser schätze den Dispersionsfaktor bei der aktuellen Pandemie auf 0,45. "Das ist leider ein sehr hoher Wert", so Drosten. Die Ungleichheit bei den Ansteckungen wäre demnach nicht besonders groß.

Die Studie aus Hongkong sei aus einem anderen Grund bemerkenswert. Leung habe die Beobachtung gemacht, dass ein Cluster – also eine Gruppe von infizierten – nicht größer wird, wenn man die Isolation eines bekannt gewordenen Infektionsfalls verzögert.

Bereits bei Verdacht isolieren

Die etwas verwirrende Beobachtung erklärt Drosten so, dass es zu dem Zeitpunkt, wenn per Diagnose eine tatsächliche Infektion festgestellt wird, bereits zu spät ist, um diese Infektionskette aufzuhalten. Daher müssten Menschen schon im Verdachtsfall isoliert werden, bevor nachgewiesen ist, dass sie infektiös sind.

"Wir finden jemanden, der ist infiziert: Hatte der in den letzten 2-3 Tagen eine Sozialsituation, die verdächtig ist für ein Superspreading-Event? Und wenn ja, dann muss man alle Personen, die in dieser Verdachtsituation ebenfalls gewesen sind, als infiziert betrachten und sofort isolieren", so Drosten.

Japan sei im Verlauf der aktuellen Pandemie schon sehr früh nach diesem Prinzip vorgegangen und die Zahlen würden bestätigen, dass das Vorgehen erfolgreich war. Gerade in den nächsten Wochen und Monaten sei diese Strategie auch für Deutschland sinnvoll.

Immer mehr Kinder kehren in die Schulen und Kitas zurück, wo das Cluster-Prinzip deutlich zutrifft. Das sei laut Drosten eine Chance, um das Erkennen von Clustern und das Isolieren von Verdachtsfällen auszuprobieren.

"Ist ein Lehrer infiziert, schaut man sich an, in welchen Klassen hat der in den letzten paar Tagen unterrichtet: Diese Schüler müssen alle zu Hause bleiben." Laut Drosten ist eine einwöchige Isolation ausreichend, weil die infektiöse Zeit bei COVID-19 deutlich kürzer sei, als anfangs angenommen.

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