In Manaus in Brasilien hat sich das Coronavirus schnell ausgebreitet, doch plötzlich stagnierten die Zahlen. Nun gibt es Hinweise, dass Herdenimmunität entstanden ist, aber der Preis, den die Stadt gezahlt hat, ist hoch.

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Wenn die Informationen stimmen, hat der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin recht behalten: Ohne Gegenmaßnahmen, so seine Annahme, würde sich das Coronavirus SARS-CoV-2 exponentiell ausbreiten, bis sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung angesteckt haben, sagte er Anfang des Jahres. Nun gibt es Hinweise, dass in der brasilianischen Stadt Manaus genau das passiert sein könnte.

Dort ist es nicht gelungen, den Erreger zurückzudrängen. In der Folge grassierte das Virus so stark, dass sich die Bevölkerung womöglich schon jetzt der sogenannten Herdenimmunität annähert oder sie bereits erreicht hat. SARS-CoV-2 breite sich in der 1,8 Millionen-Stadt Manaus nicht mehr so stark aus, weil bereits bis zu zwei Drittel der Bevölkerung infiziert gewesen seien, berichten Forscher in einer fachlich noch ungeprüften Auswertung.

Das Team um Ester Sabino vom Institut für Tropenmedizin der Universität von São Paulo hat mehr als tausend Proben von Blutspendern analysiert, die seit Februar 2020 abgegeben worden waren. In 44 Prozent der Proben entdeckten sie Antikörper gegen das neue Coronavirus. Da die Zahl der Antikörper mit der Zeit abnimmt, schätzen die Forscher, dass tatsächlich 66 Prozent der Spender bereits infiziert waren.

Allerdings hat die Studie einige Schwächen: Blutspender sind nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Zudem liegt der von den Forschern erfasste Antikörperwert mehr als das Doppelte über dem aus einer früheren Antikörperstudie in Manaus von Ende Mai.

Coronavirus in Manaus: Viele Tote trotz junger Bevölkerung

Sollte die Bevölkerung aber tatsächlich als erste weltweit die Herdenimmunität erreicht haben, war der Preis dafür hoch: Sabino und Kollegen gehen aufgrund von Hochrechnungen davon aus, dass von allen tatsächlich Infizierten in der Stadt 0,28 Prozent gestorben sind. Das entspricht mehr als einem Toten von 400 Menschen, die das Virus in sich trugen.

Da sich nicht jeder Einwohner der Stadt angesteckt hat, schätzen die Forscher, dass im Schnitt einer von 500 Bewohnern an COVID-19 sterben musste, um die nun ermittelte Immunität zu erreichen. In konservativeren Berechnungen kommen sie auf einen Toten unter 800 Einwohnern.

Zur Einordnung: Im für deutsche Verhältnisse stark vom Virus betroffenen München sind bislang 223 Todesfälle bei rund 1,5 Millionen Einwohnern erfasst worden. Das sind ungefähr 15 unter 100.000 Menschen.

Dabei ist die Bevölkerung von Manaus deutlich jünger als in den Industriestaaten. Das Risiko für einen schweren oder gar tödlichen Verlauf von COVID-19 nimmt ab einem Alter von etwa 60 Jahren deutlich zu. In Manaus fallen nur sechs Prozent der Menschen in diese Risikogruppe, in Deutschland sind es fast 30 Prozent.

"Herdenimmunität durch natürliche Infektionen ist keine Strategie, sondern ein Zeichen, dass die Regierung versagt hat, einen Ausbruch zu kontrollieren und dafür mit verlorenen Leben bezahlt", twitterte der Immunologe Florian Krammer vom Mount Sinai Hospital in New York.

Plötzlich große Nachfrage nach Särgen

Den ersten Corona-Fall in Manaus gab es im März. Obwohl die Menschen bereits damals begannen, größeren Abstand zueinander zu halten, gelang es über Monate nicht, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Gründe dafür sind noch nicht abschließend geklärt. Experten vermuten, dass enge Wohnverhältnisse, schlechte Wasserversorgung und Gedränge im Nahverkehr Infektionen begünstigt haben.

Ab März stieg die Zahl der Todesfälle in der Stadt in wenigen Wochen von 20 bis 30 am Tag auf mehr als hundert, berichtete die britische "Daily Mail". Die Nachfrage nach Särgen vervielfachte sich. Teils lagerten Tote in Kühlcontainern, weil die Bestatter nicht hinterherkamen. Aufnahmen zeigen Felder, auf denen sich ein frisches Grab ans Nächste reiht. Von Massengräbern war die Rede.

Seit Mai geht die Zahl der nachgewiesenen Corona-Infektionen und Todesfälle in Manaus jedoch wieder deutlich zurück, ohne dass es eine naheliegende Erklärung dafür gibt. Sabino und ihr Team sehen nun die vielen positiven Antikörpertests als Anhaltspunkt, schließen aber nicht aus, dass auch Verhaltensänderungen eine Rolle gespielt haben.

Dass der Wert von zwei Dritteln immuner Menschen in einer Bevölkerung immer wieder als Grenze für die exponentielle Ausbreitung des Coronavirus genannt wird, ist kein Zufall. Ohne Gegenmaßnahmen steckt im Schnitt jeder Corona-Infizierte ungefähr drei Personen mit dem Virus an, die wiederum drei neue Menschen infizieren.

Diese exponentielle Ausbreitung endet, sobald jeder Infizierte nur noch höchstens eine weitere Person ansteckt. Das ist der Fall, wenn zwei von drei Personen, die potenziell von einem Infizierten angesteckt werden könnten, das Virus schon in sich trugen und immun sind.

Kein Hinweis, dass das Virus harmloser geworden ist

"So wie die Pandemie in Brasilien verlaufen ist, glaube ich sofort, dass in einigen Regionen eine Herdenimmunität möglich sein könnte", schreibt Krammer. Ob der Schutz tatsächlich besteht, müssen nun aber weitere Untersuchungen zeigen. Experten erhoffen sich davon auch Erkenntnisse, wie lange einst Infizierte immun bleiben.

Auch in Deutschland wird derzeit diskutiert, warum der Anteil der Verstorbenen unter den positiv auf das Virus getesteten Infizierten gesunken ist. Es kursiert die Idee, dass sich das Coronavirus womöglich verändert hat und harmloser geworden ist. Das Robert Koch-Institut (RKI) hält das in seinem Situationsbericht vom Mittwoch aber für unwahrscheinlich.

Die niedrige Fallsterblichkeit in Deutschland komme daher, dass nun verstärkt auch viele Menschen mit leichten Symptomen getestet würden und unter den Infizierten viele junge Menschen sind. "Wenn sich wieder vermehrt ältere Menschen anstecken, werden mehr schwere Fälle und Todesfälle auftreten", so das RKI. Das gilt es weiterhin zu verhindern.  © DER SPIEGEL

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