• Trotz nach wie vor hoher Infektions- und Todeszahlen scheint das Abbremsen der dritten Corona-Welle langsam erfolgreich zu sein.
  • Das Robert-Koch-Institut und weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konstatieren einen klaren Aufwärtstrend.
  • Gund dafür ist vor allem der nun gezündete Impfturbo.
Eine Analyse
von Denis Huber

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Es geht nicht um Schönfärberei. Denn natürlich sind die vom Robert-Koch-Institut (RKI) am Freitagmorgen vermeldeten 306 neu hinzugekommenen Corona-Todesfälle nach wie vor viel zu viel. Auch die rund 5.000 Patientinnen und Patienten auf deutschen Intensivstationen sind weiterhin besorgniserregend.

Richtig ist ebenfalls, dass in den meisten Landkreisen nach wie vor die Notbremse gilt, das öffentliche Leben also ebenso eingeschränkt ist wie das private. Und ja, nach wie vor gibt es in Deutschland nicht genügend Impfstoff, um allen Menschen hierzulande ein Impfangebot zu machen.

Doch was die Beteiligten der Anhörung im Parlamentarischen Begleitgremium COVID-19-Pandemie des Bundestags am Donnerstagnachmittag zu hören bekamen, dürfte nicht nur bei ihnen zu einer deutlichen Stimmungsaufhellung geführt haben.

Es geht aufwärts - Forscher erwarten sinkende Infektionszahlen

Trotz aller nach wie vor bestehender Probleme, Sorgen und Ärgernisse ist nämlich bei der Betrachtung der Pandemie-Kennzahlen ein Aufwärtstrend klar erkennbar. Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin beispielsweise zeigte sich vorsichtig optimistisch, was die Entwicklung der Infektionszahlen angeht: "Ich rechne nicht mehr mit einer Zunahme, aber auch nicht mit einer schnellen Abnahme."

Noch erfreulicher die Erkenntnis der Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation: Inzidenzen von deutlich unter 50 wie im vergangenen Sommer seien wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu erreichen, sagte sie. Grund dafür sei vor allem der Impffortschritt.

Denn der ist wirklich beachtlich. Am Mittwoch wurde ein neuer Rekord erreicht, erstmals überschritt die Zahl der an einem Tag verabreichten Impfdosen die Millionengrenze, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stolz via Twitter verkündete. Dabei machten Arztpraxen 730.000 Impfungen, die regionalen Impfzentren der Länder 360.000 Impfungen.

Ein weiterer Lichtblick beim Impfen: Der deutsche Impfstoffhersteller Biontech und sein US-Partner Pfizer haben nach eigenen Angaben bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA die Zulassung ihres Corona-Vakzins für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahren beantragt. Dabei gehe es um die Anpassung und Erweiterung der bestehenden Zulassung auf diese Altersgruppe, teilten die Unternehmen am Freitag mit.

Spahn stellte in Aussicht, dass - nach einer erwarteten Zulassung - spätestens in den Sommerferien auch Kinder ab zwölf Jahren Impfungen bekommen könnten.

Weniger Klinikeinweisungen wegen COVID-19 - dank Impfeffekt

Und es gibt noch mehr Mut machende Zahlen. Laut RKI stieg zum Beispiel der Anteil der Einweisungen wegen COVID-19 in Kliniken seit Ende Februar nicht mehr an. Er verharrte bei sieben bis acht Prozent der gemeldeten Infizierten.

Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der ersten Welle hatte der Anteil der Klinikeinweisungen bei bis zu zwanzig Prozent der zu diesem Zeitpunkt gemeldeten Infizierten gelegen, bei der zweiten Welle bei bis zu zwölf Prozent. Diesen niedrigeren Anteil führt das RKI ebenfalls auf den Impffortschritt zurück.

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Die Corona-Infektionen bei den über 80-Jährigen seien im Vergleich zur zweiten Welle erheblich zurückgegangen, heißt es beim RKI. So lagen die wöchentlichen Inzidenzen zuletzt bei den 80- bis 90-Jährigen zwischen 60 und 74 pro 100.000 Einwohner - und damit deutlich niedriger als in allen anderen Altersgruppen. Das sei laut RKI eigentlich nur durch die Wirkung der Impfung in dieser Altersgruppe zu erklären. Da diese Gruppe früher einen Großteil der hospitalisierten Fälle ausgemacht habe, erkläre sich auch die aktuell viel niedrigere gesamte Hospitalisierungsrate.

Dritte Corona-Welle abgebremst - RKI-Chef Wieler: "Gute Entwicklung"

Somit kommt auch das RKI zu der Einschätzung, dass die dritte Corona-Welle inzwischen abgebremst ist. Es gebe eine "gute Entwicklung", sagte Präsident Lothar Wieler.

Die Fallzahlen seien zwar noch zu hoch, allerdings habe sich das exponentielle Wachstum seit Ostern nicht mehr im befürchteten Maß fortgesetzt.

In Karl Lauterbach verbreitet darüber hinaus eine der führenden Corona-Stimmen des Landes mittlerweile wieder deutlichen Optimismus. Der SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe, der sonst meist kritisch den Finger in die Wunde legt und zu härteren Maßnahmen rät, stellt für Ende Mai einen wahren Durchbruch in Aussicht. "Kombination Notbremse plus schnelles Impfen wirken. Zwar auf zu hohem Niveau von Fällen und Todesopfern, aber Ende Mai kommt starke Senkung", twitterte der Rheinländer.

Zudem lobte Lauterbach die "riesige Leistung" der US-Regierung unter Joe Biden. Diese habe es geschafft, die "massive B.1.1.7-Welle" durch flottes Impfen zu brechen, also die Verbreitung der erstmals in Großbritannien entdeckten Virusmutation, die deutlich ansteckender als die Ursprungsvariante ist, einzudämmen.

Lauterbach ist sich sicher: "In wenigen Wochen gelingt uns das auch."

Verwendete Quellen:

  • Agenturmaterial von dpa und afp

Forscher halten bald Inzidenzen von unter 50 für möglich

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Corona-Infektionszahlen nicht mehr stark steigen werden. "Ich rechne nicht mehr mit einer Zunahme, aber auch nicht mit einer schnellen Abnahme", sagt Mobilitätsforscher Kai Nagel. Noch optimistischer zeigt sich Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut.