• Trotz hoher Impfbereitschaft gibt es Probleme.
  • Die Impfproblematik offenbart Schwierigkeiten in der Kommunikation.
  • Vor allem Bürger mit Migrationshintergrund fallen durch das Raster.
Ein Interview
von Angelika Mayr

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Die Bundesregierung und die Länder kämpfen mit großen Problemen bei den Corona-Impfungen. Welche genau das sind und was bislang vernachlässigt wurde, erklärt Clemens Becker, Chefarzt der Geriatrie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.

Herr Becker, wie würden Sie die Impfstrategie der Bundesregierung beschreiben?

Clemens Becker: Sie ist in Teilen ein Desaster! Wir erreichen vor allem das Bildungsbürgertum, aber nicht die, die wir erreichen wollen: Die, die ein erhöhtes Risiko haben, an Corona zu erkranken. Und das ist die eigentliche Aufgabe.

Aber bei den Senioren in den Heimen ist die Impfbereitschaft doch gut, oder?

Ja, in unserer Studie haben wir Menschen ab 80 Jahren befragt. In den mobilen Impfteams, die jetzt seit dem 27. Dezember in den Pflegeheimen in der Region um Stuttgart unterwegs sind, sieht man, dass die Impfbereitschaft deutlich über 80 Prozent ist. Diese Menschen wissen mittlerweile, dass sie von Corona unmittelbar betroffen sind. Außerdem verbinden sie mit der Impfung neben dem Schutz auch die Erwartung, ihre Freiheit wiederzuerlangen.

Lesen Sie auch: Aktuelle Entwicklungen in der Corona-Pandemie in unserem Live-Ticker

"In der Öffentlichkeit wird etwas oft falsch verstanden"

Warum ist im Vergleich dazu die Impfbereitschaft bei Pflegern so niedrig?

Bei Jüngeren stellen sich zwei Fragen: Wie wird das persönliche Risiko bewertet? Und wenn ich mich selber impfe, verändere ich die Übertragungswahrscheinlichkeit auf andere? Zusätzlich kommt hier noch etwas dazu, was in der Öffentlichkeit oft falsch verstanden wird: Unterhalte ich mich mit Menschen aus Gesundheitsfachberufen, also Physiotherapeuten, Ärzten und Krankenpflegern, wird schnell klar, dass sie keine Impfgegner sind. Sie wollen sich vielmehr meistens erst in der zweiten Runde nach Ostern impfen lassen.

Warum?

Bei einem neuen Verfahren gibt es immer drei Gruppen von Menschen: In der ersten sind die "First Mover". Das ist ein Drittel der Menschen, das sagt: "Auf jeden Fall!" Dann gibt es etwa ein Fünftel oder ein Viertel, das sagt: "Auf keinen Fall!" Und dann ist da die Gruppe, die sagt: "Ich warte ab." Ich selbst habe noch vor sechs Monaten gesagt, dass ich bis Ostern warte. Aber jetzt haben wir die Erfahrungen, Daten und Nebenwirkungen von Millionen von Menschen. Deswegen habe ich mich doch schon gleich am ersten Tag impfen lassen.

Sind die Nebenwirkungen bei Senioren anders als bei Jüngeren?

Offenbar sind die Nebenwirkungen bei Senioren geringer ausgeprägt. Ich selbst hatte eine Nacht lang Muskelschmerzen. Sie waren etwas stärker als bei der Influenza-Impfung, die ich auch jedes Jahr bekomme. Aber bei uns im Klinikum haben sich mehr als 1.000 Mitarbeiter impfen lassen. Und keiner hatte bislang gravierende Probleme.

Mehr als 1.000 geimpfte Mitarbeiter sind viel …

Ja, und es stimmt: Auch in Heimen sieht man, dass es auf die Kollegen und die Leitung ankommt, ob sich dort jemand impfen lässt. Das Thema muss angesprochen werden! Denn oft haben mehr als zwei Drittel der in Heimen arbeitenden Menschen einen Migrationshintergrund. Gerade Pflegehelfer und Betreuungsassistenten haben eine Ausbildung von einem Jahr. Sie können oft kaum Deutsch und bekommen auch keine muttersprachlichen Informationen. Das ist bisher sehr unzureichend erfüllt. Wir müssen diese Menschen auf der Höhe ihres Sprachniveaus erreichen.

"Diese Zusage von Jens Spahn halte ich für aberwitzig"

Glauben Sie, dass sich das Impf-Ziel von Ende Januar erreichen lässt?

Diese Zusage von Jens Spahn halte ich für aberwitzig. Wir reden hier schließlich über drei Gruppen: Für die Heimbewohner wird das Impfen wohl bis Ende März abgeschlossen sein. Das ist für Baden-Württemberg realistisch – auch für die meisten anderen Bundesländer. In der zweiten Gruppe sind die Beschäftigten im Gesundheitswesen: Bei denen, die direkt auf den COVID-Stationen arbeiten, wird auch im März alles abgeschlossen sein. Und die im häuslichen Umfeld, also die Hausärzte oder Fachärzte, sind frühestens erst bis Ende April alle geimpft.

Und was ist mit den zu Hause lebenden Senioren über 80?

Sie sind das große Problem. Aus meiner Sicht hätte man diese Gruppe - wie in anderen Ländern auch - erst nach den Heimbewohnern und dem medizinischen Personal ansprechen sollen. Denn jetzt haben wir ein unrealistisches Versprechen. Statt zwei Millionen haben wir acht Millionen Menschen eingeladen - und mehrere Millionen sind jetzt sauer! Und das liegt nicht nur an der zu geringen Impfmenge.

"Viele ältere Menschen haben dazu keine Kraft"

Wo liegt das Problem?

Zuerst einmal braucht man über die Impf-Telefonnummern, die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind, Stunden, bis man durchkommt. Viele ältere Menschen haben dazu keine Kraft. Das zweite sind die Internetseiten: Die sind für mich bizarr. Als junger, internetaffiner Mensch mit einem Smartphone kann man sich leicht über diese Seiten anmelden und dann mit seinem Smartphone für einen Termin auf einen zugeschickten Link klicken. Aber welcher über 80-Jährige kann das? Das schaffen nur die mit einem hohen Bildungsgrad oder die mit familiärer Hilfe. Aber das Gros der Menschen, also etwa 80 Prozent, fallen durch. Zudem haben wir in Deutschland viele Menschen, die in den 60er Jahren aus den Mittelmeerländern oder aus Osteuropa aus Arbeitsgründen hierhergekommen sind. Sie alle haben einen Migrationshintergrund. Tatsache ist aber, dass wir in den Impfzentren derzeit nur ein Prozent der Termine an diese Menschen vergeben. Es ist ein totales Planungsversagen.

Was schlagen Sie vor?

Das alles ist spiegelbildlich zum Infektionsrisiko: Vor allem Menschen, die Mobilitäts- oder kognitive Einschränkungen haben, erkranken leichter an COVID-19 und bekommen schwerere Komplikationen. Und genau diese Risikopatienten, die zu Hause leben, erreichen wir nicht! Aber das wird sich ab Februar voraussichtlich ändern. Dann wird Impfstoff kommen, der über die Hausärzte verteilbar ist. Es wird besser.

Über den Interviewpartner: Prof. Dr. Clemens Becker ist Chefarzt der Geriatrie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Die Klinik sowie Krankenhäuser aus Heidelberg, Ulm, Bochum und die Charité in Berlin nahmen Ende Dezember 2020 an einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) unter geriatrischen Klinikpatienten teil. Insgesamt wurden 118 Personen befragt.