Corona-Horror in Indien: Patienten sterben vor Kliniken auf der Straße

In keinem anderen Land der Erde wütet das Coronavirus derzeit so schlimm wie in Indien - mit fatalen Folgen: Das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. Menschen sterben, weil Kliniken überfüllt sind und Sauerstoff fehlt. Ein Einblick in Bildern.

Ein Verwandter will die 80 Jahre alte Chetan Devi in Neu-Delhi ins Krankenhaus bringen, doch das ist völlig überfüllt und kann die alte Frau nicht aufnehmen. Szenen wie diese spielen sich in Indien dieser Tage immer wieder ab. Das Coronavirus hat das Land im Griff. Zuletzt wurden täglich mehr als 300.000 Neuinfektionen gemeldet - ein weltweiter Höchststand.
Das ohnehin schlecht ausgestattete Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps. In vielen Krankenhäusern und temporär eingerichteten Behelfskliniken wie dieser in Neu-Delhi, wo die Situation besonders schlimm ist, fehlen Betten, Beatmungsgeräte, Sauerstoff und Medikamente.
Teils werden die Erkrankten auf der Straße oder in ihren Autos vor der Klinik wartend von Hilfsorganisationen notdürfig versorgt, wie hier in Gurugram, einer Stadt in der Metropolregion Delhi.
Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf schnelle Hilfe aus dem Ausland. Die Bundeswehr will Beatmungsgeräte, eine mobile Sauerstofferzeugungsanlage und Medikamente liefern, wie ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Dienstag sagte. Auch die USA haben Unterstützung zugesagt.
Die Zahl der COVID-Toten steigt unterdessen unerbittlich. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gab es am Dienstag 3.293 Tote binnen 24 Stunden. Seit Pandemiebeginn starben in Indien mehr als 200.000 Menschen an oder mit dem Virus - wobei Experten von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.
Der dramatische Anstieg bei den Todesfällen führte in Neu-Delhi bereits zu einer Überlastung der Krematorien. Etliche Bestattungshäuser berichteten, dass sie mehr Plattformen errichten mussten, um darauf Scheiterhaufen zu platzieren.
Experten führen den rasanten Anstieg der Infektionszahlen in erster Linie auf die neue Virusvariante B.1.617 zurück, die erstmals in Indien auftrat und nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwischenzeitlich in mindestens 17 Ländern nachgewiesen wurde.
Zudem halten sich Menschen nicht an die Corona-Maßnahmen, nehmen beispielsweise an religiösen Festen teil. In Haridwar etwa versammelten sich Mitte April Zehntausende gläubige Hindus zum Pilgerfest Kumbh Mela am Ufer des Ganges.
Auch die Impfkampagne kommt nur schleppend voran. Es fehlt an Vakzinen. Bislang haben weniger als zehn Prozent der Einwohner mindestens eine Impfdosis erhalten - und das obwohl Indien eigentlich als "Apotheke der Welt" bekannt ist und massenhaft Impfstoffe herstellt.
Jede Sekunde geht das Sterben weiter - hier eine Szene aus einer Klinik in Mumbai. Erste Hilfslieferungen aus dem Ausland sind eingetroffen, unter anderem hundert Beatmungsgeräte und 95 Sauerstoffkonzentratoren aus Großbritannien. Botschafter Lindner spricht von einem "Wettlauf gegen die Zeit". (dpa/mcf)