In keinem Bundesland grassiert das Coronavirus so stark wie in Sachsen. Es gab Alarmsignale, andere Länder können daraus lernen. Quatsch ist aber, dass die Infiziertenzahlen etwas mit der Sympathie für die AfD zu tun haben.

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

"Zehn Tage machten den Unterschied", sagt Markus Scholz. Im Oktober seien mehrere ostdeutsche Bundesländer in eine Phase hyperexponentiellen Wachstums geschlittert. "Das heißt, die Fallzahlen verdoppelten sich in immer kürzeren Abständen", erklärt Scholz, Professor für genetische Statistik und Systembiologie an der Universität Leipzig. Er untersucht seit Monaten, wie sich das Coronavirus in Deutschland ausbreitet.

Der Trend des hyperexponentiellen Wachstums begann in Sachsen etwa zehn Tage eher, sagt Scholz. Die 7-Tage-Inzidenz in Sachsen ist weiterhin so hoch wie in keinem anderen Bundesland, Ende der Woche lag sie noch immer über 330. Grassierte das Virus während der ersten Welle noch in den Großstädten, trifft es nun den ländlichen Raum – und die besonders gefährdeten älteren Menschen.

Jeder Infizierte gab 35 Kontakte an

In der sächsischen Schweiz ist mittlerweile fast jeder Zehnte über 80-Jährige positiv auf das Coronavirus getestet worden, die 7-Tage-Inzidenz stieg in der Altersgruppe teilweise auf über 1400. Nirgendwo sonst sind gemessen an der Einwohnerzahl so viele Corona-Infizierte gestorben wie in Sachsen. Das Bundesland registrierte inzwischen mehr als 80 Covid-19-Todesfälle pro 100.000 Einwohner, mehr als siebenmal so viele wie Mecklenburg-Vorpommern. Die Krematorien sind voll. Bestatter gelten in Sachsen nun als systemrelevant.

Was hat der Freistaat anders gemacht? Das zuständige Sozialministerium vermutet mehrere Gründe.

  • Die Menschen in Sachsen sind älter, ein Sachse ist im Schnitt 46,6 Jahre alt – mehr als ein Jahr älter als der Bundesdurchschnitt.
  • Gerade in ländlichen Regionen sind die Menschen viel unterwegs, weil sie zur Arbeit müssen, die Kinder zu Schule bringen. "Darüber hinaus scheinen gerade im ländlichen Raum sehr enge familiäre und freundschaftliche Beziehungen eine Rolle zu spielen", schreibt Sachsens Sozialministerium auf SPIEGEL-Anfrage. Vor den Einschränkungen habe es zahlreiche Familienfeiern gegeben. Ähnliches berichtete auch Frank Vogel, Landrat im Erzgebirgskreis. Zu Beginn der zweiten Welle hätte jeder positiv Getestete noch 35 Kontakte angeben, sagte Vogel dem MDR. Mittlerweile seien es nur noch fünf.
  • Auch Sorglosigkeit dürfte eine Rolle gespielt haben. Als Gütersloh im Sommer wegen des Ausbruchs in der Tönnies-Fleischfabrik erneut in den Shutdown musste, gab es in Sachsen spürbare Lockerungen. Die trügerische Ruhe im Sommer könnte bei vielen den Eindruck erweckt haben: Corona? Gibt es bei uns nicht.

Im Erzgebirge kokettierten selbst Lokalpolitiker mit kruden Corona-Theorien. "Wir werden sehen, ob Corona mehr Opfer kosten wird als schwere Grippewellen", schrieb der Stollberger Oberbürgermeister im November in einem offenen Brief an seine Mitbürgerinnen und Mitbürger. Nun hat Sachsen die Antwort. Covid-19 kostet tatsächlich mehr Leben als Grippe. Der Bürgermeister bat für seine Aussagen um Entschuldigung.

Eine Analyse von Mobilfunkdaten zeigt, dass Menschen in Sachsen selbst während des Shutdown light im Schnitt noch mehr unterwegs waren als der Bundesdurchschnitt. Das könnte für eine gewisse Sorglosigkeit sprechen. Inzwischen sind Sachsen allerdings ähnlich mobil wie der Rest Deutschlands.

Ein weiterer Faktor dürfte in Sachsen wie ein Brandbeschleuniger gewirkt haben: Der Freistaat grenzt an Polen und Tschechien. "Beides Länder mit hohen Infektionszahlen, bevor die Zahlen in Sachsen hochgingen", schreibt das sächsische Sozialministerium. "In beiden Ländern gibt es viele Grenzpendler, die in Sachsen arbeiten." In der Zeitung "Die Welt" war zuletzt von einem "Tschechien-Problem" zu lesen.

Tatsächlich waren die Infektionszahlen in Tschechien schon ab September drastisch gestiegen. In Sachsen kam diese Entwicklung mit einem Monat Verzögerung. Seit Ende September gilt Tschechien als Risikogebiet. Jeder, der aus dem Nachbarland einreist, muss in Quarantäne. Für den sogenannten kleinen Grenzverkehr galt dies jedoch zunächst nicht. Kurztrips zum Einkaufen blieben bis Mitte November erlaubt, ohne Quarantäne oder Testpflicht. Auch Pendler konnten problemlos einreisen.

Gerade in sächsischen Pflegeheimen arbeiten viele Menschen aus Tschechien, sie könnten das Virus unbeabsichtigt in die Einrichtungen getragen haben. "Ich halte die Erklärung für sehr plausibel", sagt auch Statistiker Scholz. Denn anders als im Rest Deutschlands begann die zweite Welle in Sachsen vor allem bei den Älteren, erst dann steckten sich auch vermehrt Jüngere an. Vier der zehn Landkreise, die Ende der Woche bundesweit die höchsten Inzidenzwerte hatten, grenzen an Tschechien. Auch in Bayern ist die Corona-Karte im Grenzgebiet zu Tschechien auffallend rot.

Wann Grenzschließungen sinnvoll sind

Inzwischen hat Sachsen die Notbremse gezogen. Nur wer einen triftigen Grund hat, darf noch ohne Quarantäne und Negativtest zwischen Deutschland und Tschechien pendeln und das auch nur bis zu zwölf Stunden. Ab Montag müssen Pendler aus Tschechien zudem zweimal pro Woche einen Negativtest vorweisen. Wie gut sich das kontrollieren lässt, muss sich zeigen.

Sollten die Grenzen besser ganz dicht gemacht werden? "Solange die Fallzahlen hoch sind, würde das wenig bringen", sagt Scholz. Geschlossene Grenzen wären sinnvoll gewesen, als die Zahlen in Sachsen noch niedrig waren und in Tschechien nach oben schnellten. Auch wissenschaftliche Studien sprechen dafür, dass geschlossene Grenzen wenig bringen, wenn sich das Virus erst ausgebreitet hat.

Höchstens in der frühen Phase der Pandemie hätten sie einen Vorteil gehabt. Laut einer Analyse haben die strengen Reisebeschränkungen für die chinesische Metropole Wuhan bei bis zu 80 Prozent der Infektionen verhindert, dass sich das Virus in andere Länder außerhalb Chinas verbreiten konnte. In Wuhan waren die ersten Covid-19-Fälle bekannt geworden.

Eine weitere im Fachblatt "Lancet" publizierte Studie kam zu dem Schluss, noch im Mai hätten in vielen Ländern zehn Prozent der Infektionen mit Grenzschließungen verhindert werden können. Im September hätten internationale Reisende dagegen kaum noch zum Infektionsgeschehen beigetragen.

Wird nun Mecklenburg-Vorpommern zum Hotspot?

"Über Grenzschließungen zu Tschechien könnte man wieder nachdenken, wenn die Infektionszahlen in Sachsen niedrig sind und dort erneut steigen", sagt Scholz. Sachsens Sozialministerin Köpping (SPD) sagte während einer Presskonferenz am Dienstag, im Gespräch mit dem tschechischen Außenminister zu sein. Im Raum stünden demnach länderübergreifende Maßnahmen, um Pendelverkehr zu vermeiden, wenn in einem Land Geschäfte noch offen sind und in einem anderen nicht.

Unmittelbare Nähe zu Hochrisikogebieten, eine im Schnitt ältere Bevölkerung, die eher auf dem Land lebt und deshalb mobiler ist sowie eine gewisse Sorglosigkeit, weil man von der ersten Welle verschont geblieben ist: All diese Faktoren trugen dazu bei, dass die Infektionszahlen in Sachsen so hoch sind. Kann sich das wiederholen?

Auch die anderen neuen Bundesländer haben ähnliche Ausgangsbedingungen wie Sachsen. Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt haben aktuell die höchsten Inzidenzen nach dem Freistaat. Die Entwicklung zeigt sich allmählich auch in Mecklenburg-Vorpommern, wo die Inzidenz zuletzt um mehr als 20 Prozent im Vergleich zur Vorwoche gestiegen ist. Der Kreis Mecklenburgische Seenplatte hat bereits die 200-Grenze geknackt. Es gelten nun nächtliche Ausgangssperren, Anwohner sollen sich nur noch innerhalb eines 15-Kilometer-Radius um den eigenen Wohnort bewegen.

Wo die AfD stark ist, verbreitet sich das Virus?

Einige witterten schon die Zustimmung für die AfD hinter dem Anstieg in Ostdeutschland. Da die Partei als verlängerter Arm von Corona-Skeptikern gilt, könnte man durchaus einen Zusammenhang vermuten. "Ich kann aber sofort eine Statistik bauen, die zu genau dem umgekehrten Ergebnis kommt", sagt Scholz. Im Sommer galten die neuen Bundesländer noch als Corona-Musterschüler. In einigen Kreisen gab es über Wochen keine einzige Infektion. Dagegen grassierte das Virus besonders in Bayern, Baden-Württemberg oder Berlin, wo CSU, die Grünen und SPD regieren.

"Die zweite Welle begann in Sachsen genau wie im Rest Deutschlands letztlich schon Mitte Juli, wenn auch in absoluten Zahlen auf niedrigem Niveau", sagt Scholz. Die Situation sei von vielen unterschätzt worden. "Als Angela Merkel Ende September warnte, die Infektionszahlen könnten bis Weihnachten auf bis zu 20.000 pro Tag steigen, hielten das viele für übertrieben", sagt Scholz. "Nun wissen wir, die Zahlen stiegen sogar noch mehr als von der Kanzlerin prognostiziert." Die ersten Einschränkungen im November kamen zu spät – und waren zu schwach.

Im Moment sinken die Fallzahlen vielerorts zwar, das könnte aber auch an der Meldeverzögerung über die Feiertage liegen. "Selbst mit dem aktuellen Rückgang sind wir in Sachsen noch immer auf dem Niveau von der Woche vor Weihnachten, als die Zahlen noch zuverlässig waren", sagt Scholz. Bei dem Tempo würden die Infektionszahlen in Sachsen erst bis April auf die angepeilte 7-Tage-Inzidenz von 50 sinken.

Welche Rolle spielen Mutationen?

Dass der Shutdown light nicht die erhoffte Wirkung hatte, liegt wahrscheinlich auch daran, dass Schulen weiter geöffnet blieben. Ein ähnlicher Effekt hatte sich in Großbritannien gezeigt, wo die Infektionszahlen trotz Einschränkungen Rekordwerte erreichen. Auch aktuelle Studien sprechen dafür, dass Kinder entgegen vorherigen Annahmen zum Infektionsgeschehen beitragen.

Ob die neu entdeckten Mutationen das Infektionsgeschehen weiter antreiben, ist unklar. Laut Sozialministerin Köpping ist die neue Virusvariante bis Mitte der Woche noch nicht in Sachsen nachgewiesen worden. Allerdings standen Untersuchungen aus Dresden und Chemnitz noch aus. Hoffnungslos wäre der Kampf gegen die neue Virusvariante nicht. Denn sie lässt sich mit denselben Mitteln bekämpfen: AHA+L-Regeln, notfalls Shutdown.

Wenn die seit Anfang der Woche geltenden verschärften Maßnahmen ähnlich wirken wie der Shutdown vom Frühjahr, könnte der 7-Tages-Inzidenz-Wert im Bundesdurchschnitt bereits bis Anfang Februar wieder auf 25 sinken. Abwarten ist laut Scholz in jedem Fall die denkbar schlechteste Taktik. "Je höher die Infektionszahlen sind, umso schwerer wird es, sie wieder zu drücken", sagt Scholz. Die Erfahrungen aus der ersten Welle hatten bei der damaligen Shutdown-Effizienz eine Faustregel ergeben: Eine Woche Zögern brächten circa zwei Wochen länger Shutdown.

Mitarbeit: Marcel Pauly
Bildergalerie starten

Hygiene schützt: Die wichtigsten Regeln in der Corona-Zeit

Abstand halten, Hände waschen, Maske richtig verwenden - Hygiene ist das beste Mittel in der Coronakrise. Auch vor Erkältungs- und Grippeviren vermag sie uns zu schützen. Welche Regeln zum Alltag gehören und bei welchen Symptomen Sie lieber zu Hause bleiben sollten.

  © DER SPIEGEL