Zusätzlich zu den bundesweiten Corona-Beschränkungen empfiehlt Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer vor allem den Senioren seiner Stadt weitergehende Maßnahmen und appelliert wie die schwedische Regierung an die Eigenverantwortung der Menschen. Unserer Redaktion erklärt er, warum.

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In Tübingen gelten die gleichen Corona-Maßnahmen des "Lockdown light" wie im Rest der Republik. Doch Oberbürgermeister Boris Palmer geht noch einen Schritt weiter.

Ähnlich wie in Schweden spricht der Grünen-Politiker im sogenannten "Tübinger Appell" weitere Empfehlungen an die Bürger seiner Stadt aus, um im Kampf gegen die Corona-Pandemie vor allem die älteren Menschen zu schützen.

Tübinger Appell richtet sich an Senioren

Die Tübinger Senioren sollen angesichts der steigenden Corona-Infektionszahlen möglichst den Stadtbus nicht mehr nutzen und aufs Fahrrad oder auf das bereits seit April zur Verfügung stehende Anrufsammeltaxi zum Stadtbus-Preis umzusteigen.

Zudem wurden junge Menschen gebeten, zwischen 9:30 und 11:00 Uhr nicht einkaufen zu gehen und diese Zeit den Senioren überlassen.

Außerdem sollen alle über 65-Jährigen in Tübingen kostenlos mit hochwertigen FFP2-Masken versorgt werden. Beim Landesseniorenrat war Palmers Appell zum Bus-Verzicht auf Kritik gestoßen. Wir haben beim OB nachgefragt.

Herr Palmer, Können Sie kurz zusammenfassen, warum das – in Expertenkreisen durchaus umstrittene – schwedische Modell im Umgang mit der Corona-Pandemie für Sie Vorbildcharakter hat?

Boris Palmer: Ich denke, wir sollten über den Tellerrand hinaus schauen und prüfen, was funktioniert. Schweden hat wesentlich weniger in die Wirtschaft und die Rechte der Bürger eingegriffen als Belgien, Italien, Spanien oder Frankreich und trotzdem nicht mehr Kranke oder Tote als diese Lockdown-Länder.

Das lohnt schon eine genauere Betrachtung. Vorbild ist für mich aber nicht Schweden, sondern Taiwan und Südkorea. Die zeigen, dass man das Virus mit moderner Datentechnik komplett unter Kontrolle bringen kann.

"Können nicht neben jeden Bürger einen Aufpasser stellen"

Sie setzen auf Eigenverantwortung – sind die steigenden Coronazahlen in Deutschland nicht ein Zeichen dafür, dass es mit der Eigenverantwortung hierzulande nicht ganz so weit her ist wie in Schweden?

Das mag sein, aber auf Eigenverantwortung sind wir angewiesen. Wir können nicht neben jeden Bürger einen Aufpasser stellen. Auch die Ver- und Gebote funktionieren nur, wenn die Masse der Menschen dabei aus freien Stücken mitmacht.

Ihre Strategie setzt auf besonderen Schutz der Risikogruppen. Je nach Auslegung zählen in Deutschland aber 20 bis 30 Millionen Menschen zu den Risikogruppen, also nicht nur Ältere, sondern auch Asthmatiker, Herzkranke, Krebskranke etc.. Wie entkräften Sie das Argument, dass der Schutz einer solch großen Gruppe im Alltag gar nicht möglich ist?

Mit der Realität. Die Hälfte der Todesfälle war in Alten- und Pflegeheimen zu beklagen. Wir haben in Tübingen schon Anfang September regelmäßige Tests des Personals durchgeführt.

Während rund um Tübingen die Menschen jetzt wieder in Altenheimen an Corona sterben, haben wir keine einzigen Infektionsfall. Wir müssen auch nicht alle in der Risikogruppe schützen, sondern nur ausreichend viele.

Wer unter 40 ist, braucht wegen Corona praktisch nie ein Intensivbett, über 80 ist es genau umgekehrt. Da wir Schulen und Kitas offen halten, wird das Virus bei den Jüngeren bleiben. Das zwingt doch zu mehr Schutz für die Älteren.

Sie wollen alle Tübinger, die älter als 65 Jahre sind, mit einer kostenlosen FFP2-Maske versorgen. Wo bekommen Sie die Masken her und warum ist so etwas nicht bundesweit möglich?

Im April waren die Masken Mangelware, jetzt kann man sie für 1,50 Euro kaufen. Die kommen aus China, aber der Lieferant ist auf der schwäbischen Alb. Ich bin überzeugt, dass wir bundesweit allen Älteren medizinische Schutzmasken bereit stellen könnten und sollten. Die Kuverts mit den Masken sind jetzt bestückt und in der Post.

Die Fragen wurden schriftlich beantwortet.

Mediziner: Immer mehr junge Corona-Patienten auf Intensivstationen

Stefan Kluge, Direktor der Intensivmedizin am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf berichtet, es gebe immer mehr junge Corona-Patienten auf der Intensivstation.