• Nachdem die Impfpriorisierung für den Impfstoff von Astrazeneca in mehreren Bundesländern aufgehoben worden ist, ist der Ansturm riesig. Tausende Anfragen von vor allem jungen Patienten erreichen Hausarztpraxen täglich.
  • Die Nachfrage kann noch nicht ausreichend gestillt werden, da derzeit zu wenig Impfstoff an die Hausärzte geliefert wird.
  • Experten fordern eine sofortige Aufhebung der Impfpriorisierung, da alle Impfwilligen andernfalls vermutlich erst um Weihnachten herum durchgeimpft und immunisiert sein werden.

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2.500 Impfanfragen erhielt Natascha Hess, Fachärztin aus Berlin-Charlottenburg, innerhalb von nicht einmal drei Tagen per E-Mail oder Telefon. Die meisten davon für Astrazeneca und von, wie sie sagt, vor allem jungen Menschen. Seitdem Berlin am 22. April die Impfpriorisierung für dieses Serum aufgehoben hat, können sich die Ärzte kaum noch vor Anfragen retten.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Sachsen besteht die Priorisierung für Astrazeneca nicht mehr. Das Ziel auch hier: So viele Menschen wie möglich gegen das Coronavirus zu immunisieren. Überstunden, um neben der normalen Sprechstunde jedem Anfragenden eine Antwort zu geben, sind auch hier aktuell an der Tagesordnung.

Spätestens im Juni, so das Ergebnis des nationalen Impfgipfels vom 26. April, soll bundesweit die Impfpriorisierung wegfallen, sofern genügend Impfstoff vorhanden ist beziehungsweise geliefert wird. Unabhängig davon haben bereits vier Bundesländer die Priorisierung für das Vakzin Astrazeneca aufgehoben – jeder ab 18 Jahren kann sich hier, wenn er möchte, damit impfen lassen. Weitere Länder überlegen und stellen eine Lockerung in Aussicht, sobald mehr Impfstoff davon verfügbar ist als Impfberechtigte über 60 Jahre.

Ärzte und Ärztinnen können sich vor Anfragen nach Astrazeneca kaum retten

So wie der Berliner Ärztin Natascha Hess geht es derzeit vielen Medizinern. Auch Karsten Thiemann, Hausarzt in Bützow in Mecklenburg-Vorpommern und Vorstandsmitglied der Ärztekammer in Mecklenburg-Vorpommern, wird mit Impfanfragen überhäuft und berichtet von seitenlangen Wartelisten. "Wir müssen die Listen jetzt koordinieren. Das ist viel Arbeit, jeden nach Einzelprüfung anzurufen. So einen bürokratischen Aufwand haben wir nicht, wenn wir die Leute für die Grippe impfen. Da wurde in Berlin leider ein bürokratisches Monster geschaffen."

Er berichtet auch von vielen Patienten, die verbittert und böse sind und kein Verständnis mehr für die Impfpriorisierung haben. "Die Leute sind enttäuscht, frustriert. Manch einer wird sogar richtig aggressiv, weil er aus mittlerweile unersichtlichen Gründen nicht geimpft werden darf. Da haben wir jetzt endlich eine Perspektive."

Hausarzt: "Der Impfstoff ist besser als sein Ruf"

Wolfgang Ritter, Allgemeinmediziner aus München, ist froh über die insgesamt sehr hohe Nachfrage, sich impfen zu lassen. Zwar müsse deutlich mehr beraten werden, bevor mit Astrazeneca geimpft würde, doch für ihn überwiegen die Vorteile: "Der Impfstoff bietet ebenfalls einen hervorragenden Schutz vor einem schweren oder gar tödlichen Verlauf einer COVID-19-Infektion. "

Zudem begrüßt er, dass nun vor allem Ärzte die Vakzinierung der Bevölkerung übernehmen. "Wir kennen unsere Patienten oft seit Jahren, somit können wir sehr gut einschätzen, wer mit welchem Impfstoff geschützt werden muss. Dies ist auch der Grund, warum wir Hausärzte durchgesetzt haben, dass wir alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe erhalten. Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind die Impfprofis."

Mediziner appelliert: "Diese Chance muss man nutzen"

Dass sich durch den Wegfall der Impfpriorisierung endlich Öffnungsperspektiven ergeben, bewertet Erik Bodendieck, Allgemeinmediziner mit einer Praxis im sächsischen Wurzen und Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, sehr positiv.

"Der Impfstoff ist besser als sein Ruf, es gibt keinen Grund, ihn zum Ladenhüter werden zu lassen. Wir haben mit der Aufhebung der Impfpriorisierung für Astrazeneca nun die Möglichkeit, die aktuelle Pandemiesituation schneller zu beenden", erklärt er. Und appelliert: "Nur so wird eine Öffnungsperspektive endlich realistisch. Diese Chance muss man nutzen. Wir müssen einfach jetzt impfen, impfen, impfen!"

Lieferengpässe bei Impfstoff

Zwar ist der überwiegende Teil der Hausärzte in den vier Bundesländern hochmotiviert und bereit, so viel Patienten wie möglich zu impfen. Jedoch berichten viele Mediziner von Lieferproblemen.

"Es gibt in Deutschland über 50.000 Hausarztpraxen. Wenn jede Praxis nur 50 Patienten pro Woche impft, wären das 2,5 Millionen pro Woche. Jedes Jahr beweisen wir mit der Grippeschutzimpfung, dass wir Hausärztinnen und Hausärzte innerhalb von ein paar Wochen breite Bevölkerungsschichten schützen können", erläutert Ritter aus München. "Der entscheidende – und bislang limitierende Faktor – ist die Menge der Impfstofflieferungen."

Dass es konkrete Lieferengpässe gibt, zeigt die Lage der Praxen in Mecklenburg-Vorpommern. "Der Bedarf an Astrazeneca ist hier höher als er gestillt werden kann. Für nächste Woche konnten wir noch keine Seren nachbestellen, auch nicht über die Großapotheken. Für diese Woche standen uns auch nur 96 Dosen Biontech zur Verfügung und überhaupt kein Astrazeneca", berichtet Hausarzt Thiemann.

Auch Natascha Hess aus Berlin berichtet Ähnliches: "Die letzten zwei Wochen haben wir nur 24 beziehungsweise 30 Biontech-Dosen erhalten, kein Astrazeneca. Nächste Woche sollen wir nun 100 Dosen Astrazeneca erhalten und 30 Dosen Biontech. Das scheint zu klappen. In den letzten Wochen wurde viel versprochen, jetzt wird etwas mehr Impfstoff an die Praxen ausgeliefert." Für Sachsen geht Erik Bodendieck hingegen davon aus, dass genügend Seren bis Ende Juni verfügbar sind.

Umverteilung und bessere Planbarkeit gefordert: Von den Impfzentren in die Hausarztpraxen

Damit mehr Impfstoffe in die Hausarztpraxen gelangen, schlagen Experten vor, die Impfstoffe aus teilweise nicht stark besuchten Impfzentren an die Hausärzte zu verteilen. Das würde zumindest das aktuelle Nachschubproblem in den Arztpraxen abmildern.

Karsten Thiemann fordert: "Die müssen die Impfzentren schließen, dann hätten wir Ärzte deutlich mehr Dosen." Der Wunsch der Ärztinnen und Ärzte sei es, kontinuierlich Impfstoff zur Verfügung gestellt zu bekommen. "Wir brauchen eine Art garantierte Quote pro Woche. So wie jetzt geht es doch nicht weiter, alle sind nur noch genervt und am Anschlag."

Hess aus Berlin findet das vor allem für junge Menschen bedauerlich: "Aktuell selektieren wir aufgrund der Fülle der Anfragen für die Astrazeneca-Impfung noch immer nach Vorerkrankungen und Alter. Junge Menschen ohne Vorerkrankungen warten immer noch länger. Bei ausreichend Impfstoff würden wir diese aber sofort impfen können."

Auch wird es durch die ersten Lockerungen der Impfreihenfolge immer schwieriger, diese noch für Biontech beizubehalten, da so viele Patienten auf Termine warten. "Die Impfreihenfolge des Robert-Koch-Instituts ist eine Empfehlung, die Entscheidung liegt aber letztendlich beim Hausarzt", erklärt Ritter aus München. Für ihn sind deshalb Details der Impfreihenfolge nur theoretisch interessant, in der Praxis spiele das aber keine Rolle.

Facharzt Thiemann: "Die Impfpriorisierung müsste wegfallen"

Auch wenn es schon ein guter Schritt ist, die Impfpriorisierung für Astrazeneca in immer mehr Bundesländern aufzuheben, so gehen die meisten Ärzte in ihren Forderungen noch ein großes Stück weiter. Thiemann bringt es auf den Punkt: "Die Impfpriorisierung müsste einfach wegfallen, am besten schon sofort. Die ganz Gefährdeten sind doch nun geimpft und jetzt sollten sich alle impfen lassen können, die das tun wollen."

Glaubt man den Prognosen der Mediziner, muss sich die Bevölkerung wohl noch auf ein paar weitere Monate Durchhalten einstellen, sollte sich die Situation der Impfpriorisierung landesweit nicht ändern.

Zwar geht Erik Bodendieck davon aus, dass in seinem Bundesland bis Ende Juni der Großteil der sächsischen Bevölkerung einmal geimpft ist. Doch Karsten Thiemann aus Mecklenburg-Vorpommern schätzt, dass es bis zur endgültigen Immunisierung wohl noch bis Ende des Jahres dauern wird. "Bis wir alle, die möchten, geimpft haben und wenn es so weitergeht wie jetzt, dann rechne ich mit Weihnachten, es sei denn, die Impfabstände zwischen der Erst- und Zweitimpfung werden kürzer. Aber mit Astrazeneca dauert es gut drei Monate bis zur Immunisierung. Je früher wir also die Priorisierung aufheben, desto besser für uns alle. Das wird entscheiden, wie schnell wir sein können."

Hoffnung auf eine schnellere Immunisierung der Bevölkerung könnte auch das neue Vakzin von Johnson & Johnson bringen. Dieses besteht nur aus einer einmaligen Impfung, um seine volle Wirksamkeit zu entfalten. Es soll bereits ab Anfang Mai in den Praxen verimpft werden.

Über die Experten: Dr. Natascha Hess ist Fachärztin im Medizinischen Versorgungszentrum Rankestraße in Berlin-Charlottenburg und Mitglied der RBB "Expertenrunde" 88,8 zum Thema Kardiologie.
Dr. Karsten Thiemann ist Facharzt für Allgemeinmedizin und betreibt gemeinsam mit seiner Mutter eine Praxis in Bützow in Mecklenburg-Vorpommern. Er ist zudem Vorstandsmitglied der Ärztekammer in Mecklenburg-Vorpommern.
Dr. Wolfgang Ritter ist Facharzt für Allgemeinmedizin in der Praxis Dr. Grassl in München und Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands des Bayerischen Hausärzteverbands.
Erik Bodendieck ist Allgemeinmediziner mit einer Praxis im sächsischen Wurzen und Präsident der Sächsischen Landesärztekammer.

Verwendete Quellen:

  • Handelsblatt.com: Weitere Zulassung in der EU: Die Impfstoffe im Vergleich

Bayern, Meck-Pomm und Sachsen gehen voran: Astrazeneca für alle freigegeben

Ob 20, 30 oder 59 Jahre alt - in Sachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern kann sich ab sofort jeder mit dem Impfstoff von Astrazeneca impfen lassen. Aber unter einer Bedingung. (Teaserbild: picture alliance/dpa)