Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus, Masern und Röteln: Eltern von Kleinkindern stehen immer wieder vor der Frage, ob sie ihren Nachwuchs impfen lassen sollen. Ist es wirklich sinnvoll, den Säugling Impfungen gegen zwölf Krankheiten in den ersten 14 Lebensmonaten auszusetzen, wie es das Robert-Koch-Institut empfiehlt?

Die meisten Experten und Mediziner sind sich einig: Impfungen sind wichtig. 2,5 Millionen Menschenleben weltweit werden jedes Jahr durch die Prophylaxe gerettet, meint die Weltgesundheitsorganisation WHO. Masern zum Beispiel können zu Hirnhautentzündungen und sogar zu Hirnschäden führen, Mumps kann taub machen.

Zwar ist das Risiko, sich heute mit Masern oder Kinderlähmung anzustecken, in Deutschland relativ gering – auch, wenn man nicht geimpft ist. "Wenn viele geimpft sind, treten die Krankheiten seltener auf, geraten in Vergessenheit und werden damit als harmlos eingestuft", erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung werden dann kritischer gesehen. Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Masern, Keuchhusten oder Mumps, sind aber alles andere als harmloser 'Kinderkram'. Sie sind hochansteckend, können sich sehr schnell ausbreiten und schwere Folgen haben. Um eine weite Ausbreitung in der Bevölkerung zu verhindern, ist es wichtig, dass möglichst viele geimpft sind."

Empfehlung: Säuglinge mit sechs Wochen gegen Rotaviren impfen

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Auch die Mehrheit der Deutschen glaubt offenbar an die Wirksamkeit von Impfungen. Bei einer Umfrage des Forsa-Instituts für den "Stern" sprachen sich 67 Prozent der Befragten für eine Impf-Pflicht aus. Bisher gibt es lediglich Empfehlungen. Ob sich Eltern daran halten, bleibt ihnen selbst überlassen. Herausgegeben werden die Empfehlungen einmal jährlich von der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut. Enthalten ist unter anderem der Impfkalender für Säuglinge und Kinder.

Die STIKO befürwortet etwa, dass Säuglinge bereits mit sechs Wochen eine Grundimmunisierung gegen Rotaviren erhalten. Im Alter von zwei Monaten sollten demnach Impfungen unter anderem gegen Tetanus, Diphtherie und Hepatitis B erfolgen, in mehreren Teilimmunisierungen mit drei und vier Monaten und später mit knapp einem Jahr. Damit sollen insgesamt zwölf Krankheiten bekämpft werden. Bis zu sechs Impfstoffe werden heute in einem Impfstoff kombiniert: gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Haemophilus influenzae, Polio und Hepatitis B. Das soll die Zahl der erforderlichen Spritzen reduzieren.

Die Impfgegner: eine heterogene Gruppe

Gleichzeitig stellen viele Menschen den generellen Sinn von Impfungen in Frage. Sie sind zwar in der Minderheit, aber sie melden sich immer wieder zu Wort – wenn ihre Gruppe auch sehr heterogen ist: Da gibt es Ärzte, die zwar Impfungen grundsätzlich für einen wichtigen Schutz halten, sich aber dagegen aussprechen, Kinder dem vollem Programm auszusetzen. Andere warnen vor allem vor Impfungen in den ersten Lebensmonaten.

Und dann gibt es noch die absoluten Impfgegner, die befürchten, dass die Prophylaxe mehr schadet als nützt.

Viele Eltern sind verunsichert, auch weil viele Mythen und Halbwahrheiten durch das Internet geistern. Aber welche der beiden Seiten hat nun Recht? Wir stellen die Argumente gegenüber.

Schützen Impfungen wirklich vor Infektionen?

Impfstoffe bestehen meistens aus abgetöteten oder abgeschwächten Arten von Krankheitserregern. Werden diese Keime gespritzt, wehrt sich der Körper und bildet Abwehrstoffe. Wenn das Kind später mit echten Erregern in Kontakt kommt, ist der Körper gewappnet und bekämpft sie, bevor sie krank machen können.

Letzteres zweifeln viele Impfskeptiker an. Die Wirkung der Impfstoffe würde nicht ausreichend getestet. Es gebe zudem keinen Beweis, dass Menschen mit einem höheren Antikörpertanteil seltener erkranken.

Das Robert-Koch-Institut meint dazu: "Nach geltendem Arzneimittelrecht erhält ein Impfstoff nur dann eine Zulassung, wenn nachgewiesen ist, dass er auch wirksam ist. Den Nachweis muss der Hersteller in experimentellen und klinischen Studien erbringen." Der Wirkstoff der Pneumokokken-Impfung "PCV7", die für Kinder unter zwei Jahren empfohlen wird, wurde etwa an 37.000 Kindern getestet. Ein bekanntes Beispiel ist für das Robert Koch Institut die Einführung der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung in den 1960er-Jahren. 1961 seien in der Bundesrepublik noch knapp 4.700 Kinder erkrankt gewesen. 1965 waren es weniger als 50 Mädchen und Jungen. "Nach diesem Erfolg hat es in Deutschland keine Häufung von Polioerkrankungen mehr gegeben", so die Experten.

Dieses Argument zählt allerdings für die Impfgegner nicht. Sie meinen, dass 1962 zeitgleich mit der Einführung der Polioimpfung die "offiziellen Falldefinitionen" so geändert wurden, "dass plötzlich ein Großteil der bisher erfassten Fälle durch das statistische Raster fiel – völlig unabhängig von der Impfung." Das schreibt Hans U. P. Tolzin vom "Netzwerk unabhängige Impfaufklärung" auf seiner Webseite www.impfkritik.de. Der Journalist und gelernte Molkereifachmann gehört zu den bekanntesten Impfkritikern in Deutschland. Er selbst ist allerdings umstritten: So ist er ein Anhänger der "Germanischen Neuen Medizin" von Ryke Geerd Hamer. Der Arzt geht davon aus, dass Erkrankungen Folgen von "biologischen Konflikten" sind, die Menschen selbst heilen könnten, wenn die Schulmedizin nicht eingreifen würde.

Sind Impfungen bei Säuglingen wirklich notwendig?

Impfskeptiker zweifeln häufig die Notwendigkeit von Impfungen an - zumindest in bestimmten Altersstufen. So sagt der Heilpraktiker Dr. Frank Herfurth, Vorstandsmitglied des Verbandes Unabhängiger Heilpraktiker in Köln: "Im Alter bis zu sechs Monaten haben Säuglinge noch einen stark ausgeprägten Immunschutz von der Mutter, erst danach 'lernen' sie, ein eigenes Immunsystem aufzubauen." Seiner Ansicht nach sollte eine Impfung "demnach nur erfolgen, wenn von einer Schwächung des Immunsystems ausgegangen werden kann. Der Aufbau eines eigenen Immunsystems sollte immer im Vordergrund stehen."

Impfskeptiker argumentieren häufig damit, dass die Muttermilch Kinder ganz natürlich schütze. Das ist auch richtig: Bereits eine Schwangere überträgt über den Blutkreislauf Antikörper zum Schutz gegen Infektionen auf ihr ungeborenes Kind. Mit der Muttermilch erhält der Säugling weitere Abwehrstoffe. Dieser sogenannte Nestschutz ist laut Robert-Koch-Institut "jedoch nur in den ersten Lebensmonaten eine Stütze für das sich entwickelnde kindliche Immunsystem – umfassend aber ist er nicht." Die Mutter könne auch nur Antikörper gegen Krankheiten weitergeben, die sie selbst durchgemacht habe – oder gegen die sie geimpft wurde.

Viele Impfskeptiker kritisieren, dass in den Empfehlungen der STIKO die Hepatitis-Impfung schon im Alter von zwei Monaten vorgesehen ist. Dabei wird die Krankheit vorwiegend durch Geschlechtsverkehr übertragen. Dass ein Säugling daran erkrankt, ist sehr unwahrscheinlich. Falls aber doch, verläuft die Krankheit nach Meinung des Robert-Koch-Instituts "fast immer sehr schwer und wird in 90 Prozent der Fälle chronisch."

Die frühe Impfung habe auch ganz pragmatische Gründe: Die Impfbereitschaft sei bei Jugendlichen sehr gering. Deshalb empfiehlt nicht nur die STIKO, sondern auch die WHO eine Impfung bereits bei Kindern.

Schaden Impfungen mehr, als dass sie nutzen?

Mit Impfschäden sind nicht die ganz normalen Reaktionen des Körpers auf den Einstich gemeint. Das können etwa Rötungen, Schwellungen oder leichtes Fieber sein. Das sind harmlose Nebenwirkungen.

Impfungen können allerdings tatsächlich alles andere als harmlos sein. Die Gefahr, dass mit der Masernimpfung eine Gehirnentzündung herbeigeführt wird, besteht tatsächlich – sie ist aber sehr klein. Nach Angaben der Experten vom Robert-Koch-Institut betrifft das einen von einer Millionen Geimpften. Bei Masern sei dagegen jedes 1000. Kind betroffen.

Umstritten ist, wie hoch die Zahl der Impfschäden insgesamt ist. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Säugling kurz nach einer Impfung erkrankt. Es muss aber kein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen bestehen. Ebenso könnte es sein, dass ein Baby erst Monate nach einer Impfung krank wird, was auf diese zurückzuführen ist.

Die Skeptiker glauben, dass die Impfstoffe Krankheiten wie Autismus, Diabetes oder Multiple Sklerose auslösen können. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es dafür bisher allerdings keinerlei Nachweise. Die Impfgegner berufen sich häufig auf eine Studie eines britischen Arztes. Dieser hatte Ende der 1990er Jahre zwölf Kinder untersucht und behauptet, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung zu Autismus führen könne. Er musste seine These aber später zurückziehen.

Impfgegner zitieren auch immer wieder eine US-Studie in der Fachzeitschrift "Human & Excperimental Toxicology", nach der die Kindersterblichkeit in Ländern deutlich höher sei, die mehr Impfungen im Kleinkindalter durchführten. US-Kinder erhalten im ersten Lebensjahr beispielsweise 26 Impfungen, die Kindersterblichkeit liegt bei sechs pro 1.000 Lebendgeburten. In Schweden bekommen Kleinkinder zwölf Impfungen, die Sterblichkeitsrate liegt bei drei Kindern.

Auffällig ist aber, dass die Studie nie von seriösen Quellen zitiert wird, ausschließlich in Blogs und auf Webseiten von Impfgegnern. Kritiker bemängeln, dass die Studie von Impfskeptikern bezuschusst wurde und einer der Autoren sich schon lange als Impfgegner engagiert. Auch die Methode und Interpretation der Studie ist aus wissenschaftlicher Sicht grenzwertig. Unter anderem haben die Autoren nur die Daten eines einzigen Jahres betrachtet. Zudem sind die Definitionen zu "Kindersterblichkeit" in den USA und anderen Ländern sehr unterschiedlich.

Häufig beruhen die Argumente der strikten Impfgegner auf Gerüchten. So zitiert ein US-Akupunkteur auf seinem Blog einen anonymen Immunologen, mit dem er gesprochen haben will. Dieser soll behauptet haben, dass die frühe Impfung von Säuglingen keinen Nutzen habe und Eltern nur daran gewöhnen solle, ihr Kind in das Gesundheitssystem zu integrieren. Quellen und Beweise? Fehlanzeige.

Linktipp: Der Impfkalender des Robert-Koch-Instituts für Säuglinge und Kinder