Aufwachen während einer Operation ist kein Mythos: Bei etwa jedem tausendsten Patient wirkt die Narkose nicht richtig. Bei einigen Eingriffen ist die Wahrscheinlichkeit höher als bei anderen.

Er hört Gemurmel, das Piepsen von Monitoren. Er will die Augen öffnen, aber sie sind zugeklebt. Er will sich bewegen, aber auch das geht nicht. Er versucht zu atmen, aber die muskelentspannenden Mittel haben seine Lungen lahmgelegt. Das Atmen übernimmt eine Maschine.

Vollkommen hilflos liegt der Mann also auf dem OP-Tisch und bekommt mit, wie ihm ein Tumor entfernt wird.

Die Horrorgeschichte von Mark Weinert ging vor gut fünf Jahren durch die deutschen Medien. Besonders kurios: Der Münchner ist selbst Anästhesist, hat also gewusst, was da schief gelaufen ist. Doch normale Patienten befällt in so einer Situation die blanke Panik. Studien zufolge tritt die inoperative Wachheit bei etwa einer von 1000 Narkosen auf.

"Diese Studien sind aber alle in Skandinavien oder in den USA durchgeführt worden", wirft Prof. Eberhard Kochs ein, Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik rechts der Isar in München. Aus seiner Berufserfahrung seien ihm deutlich weniger Fälle bekannt, aber aussagekräftige Zahlen für Deutsche Kliniken gibt es nicht.

Der schlimmste Fall: Schmerzen und Bewegungsunfähigkeit

Patienten, die während der Operation aufwachen, erleben und empfinden ganz unterschiedliche Dinge. "Zunächst einmal ist man natürlich hilflos", schildert Professor Kochs die Situation. "Der Patient findet sich in Zeit und Raum nicht zurecht, weil er aus der Narkose erwacht, und merkt plötzlich, da wird gesprochen oder er hört Geräusche."

Meist wird vom Anästhesisten schnell bemerkt, dass der Patient wieder zu Bewusstsein kommt und die Dosis des Narkosemittels wird erhöht. Er schläft wieder ein und erinnert sich im Nachhinein eben nur dumpf an das Erwachen.

Anders sieht es aus, wenn der Patient wach bleibt. "Er ist dann natürlich verängstigt und voller Sorge", berichtet Eberhard Kochs. "Und wenn er dann auch noch Schmerzen hat – das ist der schlimmste Fall – und sich nicht bewegen und bemerkbar machen kann in Folge der Muskelrelaxation, dann ist das eine sehr schwierige Situation."

Die langfristigen Folgen eines solchen Erlebnisses können fatal sein: Angstzustände, Panikattacken, Schlaflosigkeit und Alpträume. "Wenn man sich nach der Operation erinnert, wach gewesen zu sein, sollte man das also sofort beim Arzt ansprechen", rät Professor Kochs. Der kann dann einen Psychologen hinzuziehen, der dem Patienten hilft, das Erlebte zu verarbeiten.

Bei einigen Eingriffen ist die Narkose absichtlich schwächer angesetzt

... und doch am Leben. Warum passiert so etwas immer wieder?

Die Ursache für Aufwachen während der Operation ist recht simpel: Aus irgend einem Grund hat der Patient zu wenig Narkosemittel bekommen. "Es gibt ja Eingriffe, bei denen sowas häufiger vorkommen kann"; erklärt der Anästhesie-Experte. Dazu gehören herzchirurgische Eingriffe, Notfälle oder Kaiserschnitte.

"Das hat natürlich auch einen Grund: Bei herzchirurgischen Eingriffen werden die Patienten ja vom Herzen her sehr stark belastet, und die Narkosemittel wirken ja auch auf das Herz-Kreislauf-System. Darum versucht man, die Narkose so flach wie möglich zu machen."

Ebenso bei Schwerverletzten und Notfällen, die etwa noch stark bluten: Auch hier versucht man, durch eine flache Narkose den Kreislauf nicht noch zusätzlich zu belasten. Und bei Kaiserschnitten steht das Wohl des Kindes im Fokus, das im Leib der Mutter nicht zu viel vom Narkosemittel abbekommen sollte.

Es gibt aber auch einfach Situationen mit technischem und menschlichen Versagen. "Ein technischer Fehler wäre zum Beispiel, dass die Spritzenpumpe nicht funktioniert, über die das Narkosemittel gegeben wird", erläutert Professor Kochs. "Das müsste für den Anästhesisten erkennbar sein und wird in aller Regel auch erkannt, leider gibt es aber Fälle, in denen das für ein paar Minuten übersehen wird."

Narkose wird noch weiter erforscht

Anzeichen dafür, dass der Patient am Erwachen ist, gibt es. Am eindeutigsten ist natürlich, wenn er sich bewegt oder man Tränenfluss erkennen kann, aber auch andere Werte lassen auf Bewusstsein schließen wie etwa Blutdruckanstiege oder Herzfrequenzanstiege. In einigen Fällen wird auch schon mit EEGs, also mit der Messung von Gehirnströmen, gearbeitet.

"Wir sind im Bereich Narkose auch noch stark am Forschen", sagt Prof. Eberhard Kochs. "Wir untersuchen, was das Gehirn in der Narkose macht und wie sich durch moderne Verfahren das Bewusstsein des Patienten zeigt. Und da sind wir eigentlich auf einem guten Weg."