• Lange gab es Zweifel, ob Long Covid auch Kinder betreffen kann.
  • Mittlerweile ist eindeutig, dass auch Heranwachsende an den langwierigen Folgen einer Corona-Infektion leiden können. Meistens erholen sich Kinder schneller als Erwachsene. Der Gründer der ersten Kinder-Long-Covid-Ambulanz spricht über die aktuelle Lage.

Daniel Vilser ist leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Jena. Er ist Vizepräsident des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long Covid und hat im März 2021 in Jena die erste Long-Covid-Ambulanz für Kinder gegründet.

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Herr Vilser, viele Eltern sind wegen Corona völlig verunsichert. Sie fürchten Long Covid als Corona-Folge bei ihren Kindern und machen sich sehr große Sorgen. Gibt es dafür einen Grund, oder spielt Long Covid bei Kindern und Jugendlichen keine Rolle?

Daniel Vilser: Beides stimmt nicht. Es ist weder richtig, sich übermäßig viel Sorgen zu machen, noch wäre es richtig zu sagen, Long Covid gebe es nicht bei Kindern. Wir wissen, dass Long Covid auch bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Dazu haben wir genügend Studien, die ganz klar darauf hinweisen.

Wie häufig tritt denn Long Covid auf?

Vilser: Wir rechnen damit, dass ungefähr ein bis drei Prozent der mit Corona infizierten Kinder und Jugendlichen länger anhaltende Symptome haben, die zu Long Covid gehören. Mehr als 100.000 Kinder sind oder waren betroffen. Wir wissen aber auch, dass diese Kinder sich schneller erholen. Im Vergleich zu den Erwachsenen ist es so, dass der Prozentsatz der Betroffenen nach ein paar Monaten noch weiter geschrumpft ist.

Long Covid bei Kindern unterscheidet sich also von Long Covid bei Erwachsenen?

Vilser: Long Covid kommt weniger häufig vor und die Prognose für die jungen Patienten ist in der Regel besser. Die Symptomverteilung ist etwas anders, ansonsten gibt es wenig Unterschiede.

Welche Symptome sind bei Kindern und Jugendlichen häufiger, welche kommen seltener vor?

Vilser: Am häufigsten ist die Fatigue, also ein krankhafter Erschöpfungszustand. Dann klagen die Kinder und Jugendlichen noch oft über Schmerzen (Kopf-, Bauch-, Gliederschmerzen), Schlafstörungen, der Brainfog (Merkstörung, Konzentrationsstörung) spielt ebenfalls eine große Rolle. Herzrasen, Haarausfall, Schwindel, Fieber, Durchfall oder Verstopfung, Verlust oder Veränderung von Geruch und Geschmack und Gewichtsverlust sind auch noch relevant.

Macht es einen Unterschied, wie alt die Kinder sind?

Vilser: Je jünger die Kinder sind, umso seltener wird Long Covid diagnostiziert. In Jena haben wir 200 bis 250 Fälle gehabt. Die meisten Long-Covid-Fälle hatten wir bei Teenagern. Bei der Symptomatik ähnelt sich Long Covid in den Altersklassen. Es ist aber ein diffuses Krankheitsbild. Long Covid kann ganz viele verschiedene Symptome haben, das ist bei Kindern und Jugendlichen nicht anders als bei Erwachsenen.

Wie stark hängt Long Covid von der Virusvariante ab? Können Sie die Veränderung durch die Omikron-Variante schon beziffern?

Vilser: Es gibt erste Erkenntnisse. Unter Omikron tritt Long Covid seltener auf als unter Delta. So wie die Krankheitsschwere abgenommen hat, ist auch der Anteil der Long-Covid-Fälle gesunken. Allerdings hat gleichzeitig mit der Omikron-Variante die Anzahl der Infektionen zugenommen. Dadurch wird der Effekt leider aufgefressen.

Haben die Eltern eine Möglichkeit, das Auftreten von Long Covid frühzeitig zu erkennen?

Vilser: Covid ist eine virale Infektion, die auch bei Kindern etwas auslösen kann. Es kann durchaus sein, dass ein Kind ein, zwei Wochen nach einer Virus-Infektion noch nicht wieder ganz auf dem Damm ist, sondern die Erholung auch mal ein bisschen länger dauert. Wenn dieses 'bisschen länger' sich aber über einen Zeitraum von vier, sechs, acht Wochen hinstreckt, wenn das Kind nicht wieder richtig fit wird, dann ist das ein Grund, den Kinderarzt aufzusuchen. Der Kinderarzt kann prüfen, ob es Hinweise dafür gibt, dass Corona irgendein Problem an einem Organ hinterlassen hat. Oder ob es sich um eine unspezifische Form von Long Covid handelt, die wir uns noch nicht vollständig erklären können.

Und wenn das Kind dann doch Long Covid hat? Wer versorgt es dann?

Vilser: Das ist eines unserer zentralen Probleme. Da muss sich einiges verändern. Wir brauchen eine bessere Versorgung der betroffenen Kinder, weil Kinderärzte mit diesem Problem hoffnungslos überfordert sind. Der Kinderarzt hat nicht die Zeit dafür, er hat häufig nur wenige Minuten pro Patient, gerade jetzt im Winter. Long-Covid-Patienten benötigen Zeit. Das ist bei mir nicht anders, obwohl ich an der Uni-Klinik Jena schon viele Kinder und Jugendliche mit Long Covid gesehen habe, benötige ich viel Zeit für jeden Einzelfall. Diese Zeit hat der niedergelassene Kinderarzt nicht. Er kann vorsortieren, wird versuchen, schon ein bisschen zu helfen. Aber er braucht dann jemand, an den er diese Kinder und Jugendlichen überweisen kann. Jemand mit Long-Covid-Erfahrung, der sich mehr Zeit nehmen und eine gute Diagnostik machen kann.

Wo werden Long-Covid-Kinder behandelt?

Vilser: Das sind vor allem die größeren Krankenhäuser. Manchmal ist das aber sehr schwierig, beispielsweise wenn es den Kindern und ihren Eltern schwerfällt, immer wieder zur Klinik zu kommen, etwa weil sie schwer krank sind oder weit fahren müssen. Da müssen wir neue Konzepte umsetzen.

Für Erwachsene mit Long Covid gibt es nur wenig Therapien. Wie sieht das bei Kindern aus?

Vilser: Wir haben im Moment keine kausalen Therapien, weder für Erwachsene noch für Kinder. Damit meine ich Therapien, die an den Ursachen angreifen und eine Heilung herbeiführen. Wir haben derzeit nur Medikamente und andere Therapieformen, mit denen wir einzelne Symptome verbessern können, mit denen wir Beschwerden lindern können. Die Optionen für eine bessere Behandlung werden immer erst für Erwachsene entwickelt, die werden nie aus der Pädiatrie kommen. Forschung an Kindern und Jugendlichen ist viel schwieriger als bei Erwachsenen.

Wird in diesem Bereich genug geforscht?

Vilser: International schon, aber in Deutschland wird zu wenig Geld für diese Forschung bereitgestellt. Wenn das so bleibt, werden aus Deutschland kaum wichtige Ergebnisse kommen. Das kann nicht unser Anspruch sein. Wir brauchen kurative Therapieansätze, die wissenschaftlich geprüft werden. Es gibt genug Ideen dazu, einige werden auch schon ausprobiert, aber viel zu wenig.

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In der Forschung werden aktuell mehrere Theorien diskutiert, wie Long Covid entsteht. Lässt sich das auf Kinder übertragen?

Vilser: Ja, diese pathophysiologischen Überlegungen bei den Erwachsenen gelten auch für Kinder und Jugendliche. Da gibt es keine Unterschiede, bisher sind keine Mechanismen bekannt, welche exklusiv bei Kindern auftreten.

Wie kann man sich vor Long Covid schützen?

Vilser: Viele Menschen mögen es vielleicht nicht mehr hören: Wer sich nicht infiziert, kann kein Long Covid bekommen. Und bei denjenigen, die vor der Infektion geimpft waren, halbiert sich das Risiko für Long Covid. Dieser Wert gilt zwar für die Delta-Variante, aber bei Omikron wird es vermutlich ähnlich sein.

Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
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