Stimmen die Meldungen aus Norwegen, und ein Zweifel daran besteht nicht, so hat der rassistische Massenmörder Anders Behring Breivik zurzeit jede Menge Post zu beantworten.

Sie erreicht ihn aus ganz Skandinavien, aber auch aus Deutschland. Was Breivik zu lesen bekommt, zaubert ihm nach den Worten des Psychiaters Terje Törrissen, der mit Breivik diverse Gespräche führte, gelegentlich sogar ein Lächeln aufs Gesicht. Denn neben den wohl eher nachvollziehbaren Schmäh- und Hassbriefen finden sich auch jede Menge Liebesbriefe darunter. Vom Geflüster der gerade 16-Jährigen bis zum Heiratsantrag, es sei alles dabei.

Von Einzelfällen kann laut Törrissen, der als Gutachter die Schuldfähigkeit Breiviks beurteilen soll, kaum die Rede sein. Es gebe inzwischen hunderte Briefe, wobei die Zahl der Befürworter-Schreiben und Liebesgeständnisse klar überwiege.

Führt man sich die Taten Breiviks vor Augen, und vielen sind die Bilder vom Massaker auf der idyllischen Nordseeinsel Insel Utöya wohl noch schrecklich gegenwärtig, stellt sich auch die Frage nach der Gemütslage der Briefeschreiber und -schreiberinnen. Was treibt diese Menschen dazu, einem psychotischen Rechtsextremisten und geständigen Mörder ihre Zeit und Zuneigung zu schenken? Haben sie kein Gefühl für Anstand? Empfinden sie keine Trauer? Wieso haben sie keine Angst? Immerhin halten die meisten Experten Breivik doch für hochgefährlich, auch wenn dessen Zurechnungsfähigkeit noch nicht abschließend geklärt ist.

Der Versuch einer Erklärung kann dem Einzelfall nicht gerecht werden, denn in Unkenntnis der Schreibenden und ihrer Briefe ist dies nicht möglich. Doch gibt es historische Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit solchen Fällen beschäftigt haben. Denn das Phänomen, dass Mörder und Vergewaltiger Liebesschwüre von Fremden erhalten., ist nicht neu. Adressiert wurden sie dabei wohl nicht trotz, sondern gerade wegen der begangenen Grausamkeiten, ihrer Dominanz, Unerbittlichkeit und - vielleicht auch - wegen ihrer Unerreichbarkeit hinter dicken Gefängnismauern.

Der krankhafte Hang zum Verbrecher

Hybristophilie lautet der Fachbegriff für diese Art der Zuneigung, die gerade die Hinterbliebenen der Opfer als unerträgliche Perversion empfinden müssen. Das Lexikon bezeichnet die Hybristophilie als eine Form der Paraphilie. Dabei handelt es sich um psychische Störungen, die sexuelle Fantasien jenseits der akzeptierten Norm hervorrufen. Menschen, die an einer Paraphilie leiden, haben die Vorliebe, anderen oder sich selbst Leid zuzufügen. Für manche der Frauen, die dem Norweger Anders Behring Breivik ihre Liebesschwüre senden, mag dies zutreffen.

Man muss nicht weit in die Vergangenheit blicken, um Beispiele für die Liebe von Frauen zu Gewaltverbrechern zu finden. Da heiratet eine US-Verwaltungsangestellte einen verurteilten Sadisten, der 23 Morde gestanden und wohl noch weit mehr begangen hat. Eine Krankenschwester gesteht ihre Liebe zu einem vierfachen Kindermörder, und eine reiche Kunsthändlerin ändert ihr Leben aus Liebe zu einem Mörder in lebenslanger Haft. Viele dieser öffentlich gewordenen Beziehungen mögen erstaunen und abschrecken, aber sie haben zumindest eine nachvollziehbare Komponente: Der Kriminelle und die Liebende sind sich begegnet und haben sich bis zu einem gewissen Grad kennengelernt. Die amerikanische Journalistin Sheila Isenberg, die solche Beziehungen in ihrem Buch "Women who love men who kill" analysiert hat, zeigt Parallelen zwischen diesen Liebesbeziehungen auf. So kämen die Frauen oft aus zerrütteten Familienverhältnissen mit einem dominant-gewalttätigen Vater und hätten selbst Beziehungen voller häuslicher Gewalt hinter sich. Der unerreichbare Mann hinter Gittern, der zuhöre und immer da sei, entwickle sich so zu einem realen Traum, einer Fern-Romanze, die magisch anzieht.

Der Fall Charles Manson

Der Vergleich zum Fall des Anders Behring Breivik hinkt jedoch gewaltig. Die meisten Briefeschreiber/-Innen dürften die Ausführungen Breiviks zum Massaker auf Utöya und in Oslo kennen, den Mann Breivik kennen sie jedoch nicht. Das wohl bekannteste Beispiel für diese Art Hingebung in Unkenntnis der Person ist das des US-Amerikaners Charles Manson, der eine lebenslange Haftstrafe absitzt. Der Todesstrafe war er nur entgangen, weil diese 1972 in Kalifornien abgeschafft wurde. Manson, der es als Sektenführer und selbsternannter Prophet zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht hatte, wurden zahlreiche Morde und Folterungen nachgewiesen. Viele der Taten gab er in Auftrag, andere beging er selbst. Schon während des Prozesses outete sich Manson als Rassist und benannte Adolf Hitler und Erwin Rommel als seine Helden. Ein noch heute sichtbares Kreuz auf der Stirn zeugt davon. Manson gilt weltweit als der Gefangene, der die meiste Post bekommt. Viele zeugen von Liebe und reiner Bewunderung.

Anders Behring Breivik vergleicht die Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei mit der Hitlerjugend. Die ermordeten Kinder nennt er "politische Aktivisten, die für den Multikulturalismus arbeiteten". Er bereut seine Taten nicht. Liebespost an einen Massenmörder? Die Erklärung, dass die Absender an einer Krankheit namens Hybristophilie leiden, ist besser verdaulich, denn sie erleichtert uns das Verstehen. Darauf ausruhen kann man sich jedoch nicht, denn auf alle Breivik-Fans trifft diese Erklärung sicher nicht zu.