Krallenartige Hände, verstümmelte Füße, eine von Wunden zerfressene Nase: Lepra gilt in Europa als ausgerottet – und ist aus dem Bewusstsein verschwunden. Doch in armen Regionen der Welt wütet die Infektionskrankheit immer noch ungehindert.

Vier Millionen Menschen leiden derzeit an den Folgen von Lepra. Und jedes Jahr erkranken laut Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 220.000 Patienten neu daran, meist in ärmeren Regionen der Welt wie in Indien und Brasilien.

Pest und Cholera sind längst noch nicht vollständig ausgerottet.

Nach Angaben der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) haben sich diese erschreckenden Zahlen seit fünf Jahren kaum verändert. Wahrscheinlich sind sie sogar noch höher, denn es gibt viele erkrankte Menschen, die keinen Zugang zu Diagnose und Therapie haben und deshalb auch in keiner Statistik erscheinen.

Noch immer wissen Forscher nicht genug über die chronische Krankheit, über genaue Übertragungswege etwa. Es gibt weder Impfungen noch Schnelltests.

Lepra ist vollständig heilbar

Eigentlich wäre Lepra eine Krankheit, die sich ausrotten ließe – denn sie ist vollständig heilbar. Nur hat die Pharmaindustrie nach Angaben der DAHW wenig Interesse, in die Forschung zu investieren. Der Grund: "Lepra ist eine Krankheit der Armut – so wie auch Tuberkulose", sagt DAHW-Sprecher Jochen Hövekenmeier.

Meist erkranken Menschen mit einem schwachen Immunsystem an der Krankheit. Verantwortlich sind meist Unter- oder Mangelernährung sowie schlechte hygienische Lebensumstände. Die Therapie eines Patienten würde nur 50 Euro kosten. Zum Weltlepratag am 31. Januar ruft das Hilfswerk deshalb dazu auf, die Krankheit wieder stärker in den Fokus zu rücken.

Kranke wurden zu Aussätzigen

Nur noch ein Antibiotikum wirkt - und dessen Stunden sind gezählt.

Lepra ist eine der ältesten bekannten Krankheiten, sie wurden schon in der Bibel und in der 1500 v. Chr. erschienen Schrift "Papyrus Hearst" erwähnt. Im Mittelalter waren Lepra-Kranke auch in Mitteleuropa weit verbreitet, es gab allein in Deutschland hunderte Heime für sie. Die Menschen wurden zu Aussätzigen, weil die Verstümmelungen und Deformationen zum Teil furchterregend aussahen und die Gesunden erschreckten. Im 17. Jahrhundert ebbte die Krankheit in Europa ab, nicht aber in anderen Teilen der Welt.

Die Menschen mit lepratypischen Behinderungen sind immer noch Aussätzige und können am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Sie dürfen etwa nicht arbeiten, ihre Kinder werden oft der Schule verwiesen.

Lepra zerstört die Nervenbahnen

Leprabakterien zerstören die Nerven, meist an Armen, Beinen sowie Ohren und Nase. Das liegt daran, dass die Körpertemperatur an den Extremitäten geringer ist, das bevorzugen die Bakterien.

Die ersten Symptome zeigen sich durch Flecken auf der Haut, diese Stellen werden gefühllos. Ein erkrankter Mensch bemerkt Entzündungen wegen der ruinierten Nervenbahnen oft nicht.

Aus den Verletzungen entwickeln sich dann chronische Entzündungen, und die führen zu schweren Behinderungen. Muskeln können nicht mehr angesteuert werden, Arme und Beine bekommen Fehlstellungen. Manche Menschen werden auch blind, weil sie die Augenlider nicht mehr schließen können.

Übertragen wird der Erreger Mycobacterium leprae durch Tröpfcheninfektion, ähnlich wie eine Grippe. Der Kontakt zu einem Infizierten muss aber eng und länger andauernd sein. Die meisten stecken sich innerhalb ihrer Familien an.

Mehr als 90 Prozent aller Menschen weltweit sind allerdings genetisch immun gegen Lepra. Obwohl sie selbst keine Symptome zeigen und nicht krank werden, können sie sich trotzdem infizieren und wahrscheinlich auch andere Menschen anstecken. "Dies macht eine Ausrottung der Krankheit ohne Impfung unmöglich", so Hövekenmeier. Schwierig auch für die Bekämpfung: Die durchschnittliche Inkubationszeit ist lange, sie liegt bei vier bis sechs Jahren.

Kann Lepra nach Europa zurückkehren?

Lepra kann heute geheilt werden, auch wenn die geschädigten Nerven nicht wiederhergestellt und die Verstümmelungen und Behinderungen nicht rückgängig gemacht werden können.

Erkrankte werden mit einer Multidrug-Therapie aus Rifampzin, Clofazimin und Dapson behandelt. Die Entwicklung dieser Therapie hat die DAHW in den 1970er-Jahren vorangetrieben, auch finanziell. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt sie seit 1982 offiziell als Standard.

Früher wurde Lepra mit Dapson behandelt. Das Mittel musste lebenslang eingenommen werden. Die Krankheit wurde damit aber nicht geheilt, sondern nur gestoppt. Die Gefahr, dass Patienten gegen den Wirkstoff resistent wurden, war groß.

Hövekenmeier hält es für "so gut wie ausgeschlossen", dass die Krankheit wieder nach Deutschland zurückkehrt. "Unsere Lebensbedingungen sind zu gut." Zudem sei die Quote genetisch immuner Menschen in Mitteleuropa deutlich höher als in ärmeren Regionen der Welt – aus bisher noch unbekannten Gründen. Freilich gibt es immer wieder Einzelfälle, etwa wenn jemand sich in einem betroffenen Land angesteckt hat und nach Deutschland zurückkehrt.

Ein Schutz gegen Lepra ist deshalb auch nicht notwendig. "Es gäbe auch keinen", sagt Hövekenmeier. "Oder wollten Sie auf alle sozialen Kontakte verzichten? Das wäre die einzige Möglichkeit." Das Hilfswerk untersucht derzeit in Tansania, ob die Übertragungsrate der Krankheit in Familien gesenkt werden kann, wenn man ihnen präventiv Rifampizin gibt. Der Experte sagte bedauernd: "Bei Lepra müssen die Hilfswerke selbst ihre Forschung finanzieren, im Gegensatz zu den Herstellern von Mitteln gegen Fettleibigkeit, Haarausfall oder Impotenz, die mit staatlichen Zuschüssen subventioniert werden."

Weil diese Gelder oft fehlen, hegt der Experte "einen Traum: große Geldgeber für die Erforschung eines Lepra-Impfstoffes finden. Damit könnten wir die Krankheit dann auch endlich ausrotten."