• Spanien will Corona wie die Grippe einstufen. Damit würde weniger getestet und viele Maßnahmen entfielen. Das soll das Gesundheitssystem entlasten.
  • Grund ist die Omikron-Variante, die in vielen Fällen leicht verläuft.
  • Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu Deutschland: In Spanien sind deutlich mehr ältere Menschen geimpft.

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Viele Länder setzen trotz steigender Infektionszahlen aktuell auf eine Lockerung der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie. Grund dafür ist insbesondere die Omikron-Variante, die sich rasant ausbreitet und in vielen Fällen zu leichten Infektionsverläufen führt. In Spanien wird nun diskutiert, mit COVID-19 ähnlich wie mit der Grippe zu verfahren.

Was bedeutet es, wenn man Corona wie eine Grippe behandelt?

Wenn man mit COVID-19 künftig ähnlich wie mit der Grippe umgehen würde, hätte das zur Folge, dass nicht mehr jeder Verdachtsfall getestet würde. Stattdessen gäbe es wie bei der Grippe eine Reihe von Arztpraxen und Krankenhäusern, die Zahlen erfassen und weitergeben. Aus diesen Stichproben würde eine Hochrechnung erstellt, die zugleich als Frühwarnsystem dienen würde.

Darüber hinaus hieße ein solcher Strategiewechsel auch, dass etwa die Kontaktnachverfolgung eingestellt würde und auch die Maßnahmen gegen Corona weitgehend oder komplett aufgehoben werden würden.

Welche Vorteile hätte ein solches Vorgehen?

Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Wegen der starken Verbreitung der Omikron-Variante kann das Gesundheitssystem schnell an seine Grenzen stoßen. Wenn nicht mehr jeder, der sich infiziert haben könnte, auch getestet wird, könnten sich Praxen und Krankenhäuser wieder verstärkt um Personen mit anderen Erkrankungen kümmern. Auch planbare Operationen müssten womöglich nicht wieder verschoben werden, wie es in der Vergangenheit bei Corona-Wellen häufiger der Fall war. Insgesamt wäre von diesem Vorgehen zunächst eine Entlastung des Gesundheitssystems zu erwarten.

Wie ist die Lage in Spanien aktuell?

Die Infektionszahlen in Spanien sind sehr hoch. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei mehr als 2.000 Fällen pro 100.000 Einwohner, die Sterblichkeit ist dem gegenüber aber gering.

Wie ist die Reaktion auf den spanischen Vorstoß?

Die Reaktionen sind durchwachsen: Viele befürworten den Vorstoß, darunter etwa die spanische Organisation "Medizinische Gesellschaft für Familienmedizin“. Deren Experten betonen in einem Beitrag, dass man Omikron nun überwinden könne, weil sehr viele Menschen in Spanien geimpft oder durch frühere Infektionen immun seien.

Es gibt aber auch Gegenstimmen. So warnt etwa die US-amerikanische Epidemiologin Maria Van Kerkhove von der Weltgesundheitsorganisation WHO davor, nun voreilig zu handeln: Anders als bei der Grippe handle es sich bei COVID-19 bislang noch nicht um ein Virus, das saisonal auftrete – und darüber hinaus verändere es sich laufend. Niemand könne aktuell mit Sicherheit vorhersagen, welche Eigenschaften die nächste Variante habe.

Wie sieht das für Deutschland aus?

In Deutschland sehnen sich viele Menschen danach, wieder zur Normalität zurückzukehren. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zu Spanien: Die Impfquote dort ist deutlich höher – und insbesondere sind deutlich mehr ältere Menschen als in Deutschland geimpft. In Spanien gelten 98,3 Prozent der Menschen ab 60 Jahre als voll geimpft, haben also auch einen Booster erhalten. 100 Prozent in dieser Altersklasse haben hochgerechnet mindestens eine Impfung bekommen. In Deutschland hingegen gelten 87,8 Prozent in dieser Altersklasse als vollständig geimpft, 69,9 Prozent sind geboostert.

Welche Risiken gibt es?

"Wir haben eine Impflücke bei den älteren Menschen“, sagt Malik Böttcher, Allgemeinmediziner und Leiter des Impfzentrums am Krankenhaus Havelhöhe in Spandau. "Ich würde eine Einstufung von Corona wie eine Grippe in Deutschland nur unter der Prämisse für sinnvoll halten, dass wir eine höhere Impfquote erreichen. Wir haben drei Millionen Menschen über 60 Jahre, die nicht vollständig geimpft sind.“

Im Vergleich zu Delta liegt das Risiko bei Omikron für einen schweren Verlauf ersten Studien zufolge rund 25 Prozent niedriger – allerdings gilt das vor allem für Personen, die in der Vergangenheit bereits einmal an COVID-19 erkrankt waren oder geimpft sind. Auch wenn bei der Omikron-Variante schwere Verläufe deutlich seltener auftreten, kann es doch zu einer erheblichen Zahl schwerer Verläufe kommen, wenn die Fallzahlen sehr hoch liegen. Das erklärt sich mathematisch: Selbst wenn nur ein halbes Prozent der Infektionen schwer verlaufen sollte, wären das bei einer Million Infektionen, was sehr niedrig geschätzt ist, immer noch 5.000 Fälle. Aktuell frei sind rund 3.300 Intensivbetten.

Vorsicht vor schweren Verläufen und Long-COVID

"Auch wenn im besten Fall nur einer von 1.000 Menschen stirbt, müssen wir uns als Gesellschaft fragen, wann wir bereit sind, dieses Risiko mitzutragen, indem wir etwa Maßnahmen lockern“, sagt Böttcher. "Wir wissen, dass ältere ungeimpfte Menschen besonders häufig von schweren Verläufen betroffen sind.“ Darüber hinaus verdrängt Omikron zwar die gefährlichere Delta-Variante, sie ist aber nicht verschwunden – und wird Böttcher zufolge auch nicht vollständig verschwinden.

Der Experte warnt außerdem davor, die Omikron-Variante und ihre Folgen zu unterschätzen. Seiner Erfahrung nach verläuft die Infektion oft etwas verzögert, sodass schwere Verläufe oft erst in der Folge auszumachen sind. "Zuletzt erleben wir es außerdem immer wieder, dass wir Menschen mit Spätfolgen behandeln, die etwa über neurologische Symptome wie Schwindel oder eine Erhöhung der Herzfrequenz infolge der Erkrankung berichten.“ Auch bei Omikron ist Long-COVID durchaus ein Thema, also Symptome, die nach einer Infektion nicht verschwinden oder sogar neu auftreten.

Brauchen wir noch mehr Zeit?

Sicher ist es irgendwann an der Zeit, die Corona-Maßnahmen zu lockern und einzustellen. Aber wie findet man den idealen Zeitpunkt, um niemanden unnötig zu gefährden und die Lockerungen auf der anderen Seite nicht zu lange hinauszuzögern? Ein Balanceakt. "Ich wäre dafür, dass wir uns fragen, ob wir nicht gerade den älteren Menschen noch etwas Zeit geben sollten, sich impfen und boostern zu lassen“, sagt Allgemeinmediziner Böttcher.

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Über den Experten: Malik Böttcher ist Allgemeinmediziner und Leiter des Impfzentrums am Krankenhaus Havelhöhe in Spandau. Er ist für die Impfungen sowohl im Impfzentrum wie auch in seiner Praxis am Kleistpark in Berlin-Schöneberg im Einsatz (Terminvergabe für Impfungen finden sie hier).

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Malik Böttcher, Allgemeinmediziner und Leiter des Impfzentrums am Krankenhaus Havelhöhe in Spandau.
  • Robert Koch-Insitut: Arbeitsgemeinschaft Influenza,
  • Corona in Zahlen: Corona-Zahlen in Spanien
  • Sociedad Espanola de Medicina de Familia y Comunitaria: Hacia el fin de la excepcionalidad
  • European Center for Disease Prevention and Control: COVID-19 Vaccine Tracker,
  • Mary-Ann Davies et. al: Outcomes of laboratory-confirmed SARS-CoV-2 infection in the Omicron-driven fourth wave compared with previous waves in the Western Cape Province, South Africa
  • Joseph A. Lenward: Clinical outcomes among patients infected with Omicron (B.1.1.529) SARS-CoV-2 variant in southern California
  • DIVI Intensivregister,Tagesreport

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