Die eigene Figur – kaum jemand ist mit ihr zufrieden. Wenige hadern nicht mit Form oder Fülle. Doch wie viele Gedanken um das eigene Gewicht sind noch normal? Was sind Hinweise auf Magersucht, Bulimie oder Esssucht (Binge Eating)?

Essstörungen entwickeln sich schleichend und das bei immer jüngeren Mädchen. "Wir empfehlen Betroffenen und Eltern, möglichst frühzeitig professionelle Unterstützung zu suchen", sagt Sigrid Borse, Leiterin des Frankfurter Zentrums für Ess-Störungen GmbH. 1.000 Betroffene und 700 Angehörige hat ihr Team 2013 beraten. "Wenn sich die Gedanken eines Mädchens nur noch um Kalorienzählen, Gewicht und Figur drehen, dann handelt es sich um alarmierende Anzeichen."

Merkmale der Magersucht

Die drei häufigsten Formen von Essstörungen sind Magersucht, Bulimie und Esssucht (Binge Eating). Bei Magersucht führt die Angst davor, dick zu werden, zunächst zu einer Reduzierung bestimmter Nahrungsmittel. "Kohlenhydrate, Zucker und Fette werden zu 'No-Gos'", sagt Sigrid Borse. Gemeinsame Mahlzeiten werden zunehmend gemieden ("Ich hab' schon gegessen"), gleichzeitig wird häufig exzessiv Sport getrieben.

"Paradoxerweise kann sich eine Magersucht auch ganz anders äußern: Plötzlich wird übertrieben viel Wert auf gemeinsames Kochen gelegt, es werden Sahnetorten für die Familie gebacken, man selbst isst nichts davon", berichtet Stefanie Hildebrandt. Die Diplom-Psychologin arbeitet seit 2008 bei Cinderella e.V., einer Münchner Beratungsstelle für Essstörungen. Im Laufe der Zeit werden die Einschränkungen immer größer, das Körpergewicht wird immer niedriger, das Frieren häufiger. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist gestört, die Regel bleibt aus. Bei einem Body Mass Index von unter 17,5 spricht man von Magersucht. Das Untergewicht kann lebensbedrohlich werden. In elf von zwölf Fällen sind Mädchen betroffen.

Merkmale der Bulimie

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"Bei einer Bulimie sind die heimlichen Ess-Anfälle mit großen Scham- und Schuldgefühlen verbunden und werden als 'fremdbestimmt' erlebt, während das anschließende Erbrechen für das Wiedergewinnen von Kontrolle steht", erklärt die Frankfurter Expertin Sigrid Borse. Bulimie muss nicht mit einer Gewichtsveränderung einhergehen. Veränderungen sind aber nach längerer Zeit häufig im Gesicht zu bemerken. Es entstehen sogenannte "Hamsterbacken", da sich die Ohrspeicheldrüsen aufgrund der erhöhten Speichelproduktion vergrößern. Die Haare können ausfallen, die Haut wird trocken, die Magensäure greift die Zähne an.

Merkmale der Ess-Sucht

Bei der sogenannten Binge Eating Disorder (das englische "Binge" bedeutet "Gelage") werden ebenfalls heimlich und schnell enorme Mengen gegessen, häufig begleitet von Schuldgefühlen und Selbstekel. Diese Ess-Anfälle werden aber weder mit Sport, noch Erbrechen oder Abführmitteln "kompensiert". Das führt in der Regel zur Gewichtszunahme bis hin zur Adipositas (starkes Übergewicht).

Ursachen für Essstörungen

Essstörungen können durch sehr unterschiedliche Faktoren ausgelöst werden: durch gesellschaftlichen Druck, die familiäre Situation, durch berufliche und private Überforderung. Die Münchner Expertin Stefanie Hildebrandt spricht von einem stetig steigenden Anpassungsdruck, einem immer rigider werdenden Figur-Ideal, von immer weniger Nischen für Non-Konformität.

Entspricht der eigene Körper nicht dem gängigen Idealbild, so kann dies bei Jugendlichen eine erhebliche Selbstwertproblematik und Verunsicherung auslösen, bestätigt Sigrid Borse. Dies kann auch der Auslöser für eine Essstörung sein. Die rigide Kontrolle des eigenen Essverhaltens vermittelt den Betroffenen oft ein Gefühl von Stärke. Dieses Gefühl überträgt sich auch auf andere Lebensbereiche – bis die Kontrolle über die Kontrolle verloren geht.

Betroffen sind nach wie vor in der großen Mehrheit Mädchen und Frauen. Das Verhältnis zu den männlichen Betroffenen liegt bei etwa 10:1. Doch die Anzahl der Erkrankungen bei Jungen und Männern nimmt zu. Stefanie Hildebrandt sagt: "Wenn Männer Rat suchen, ist die Krankheit oft schon sehr tief verankert und der Heilungsprozess leider langwierig."

Erste Hilfe

Sigrid Borse rät Eltern und Angehörigen: "Bleiben Sie im Gespräch. Signalisieren Sie, ich mache mir Sorgen um Dich. Üben Sie keinen Druck aus. Suchen Sie professionelle Unterstützung für sich und Ihr Kind!" Beide Expertinnen empfehlen, Castingshows wie etwa "Germany’s next topmodel" zusammen mit den Töchtern anzuschauen, um die Rollenfunktionen der Models jenseits des realen Lebens anzusprechen. "Überlegen Sie sich als Elternteil auch selbst, was Sie den Kindern an Körperideal und an Konfliktkultur vorleben", empfiehlt Stefanie Hildebrandt.

Beratungsangebote

Beim Frankfurter Zentrum für Essstörungen ist im Oktober 2014 ein neues Beratungsprojekt gestartet, das sich gezielt an Eltern richtet, deren Kind an Magersucht leidet. An vier Tagen gibt es in der Woche regelmäßig eine kostenfreie telefonische Beratung, ab 1. November kann zudem eine Online-Beratung genutzt werden.

Sowohl in Frankfurt als auch in München wird für volljährige Bulimie-Erkrankte das Selbsthilfe-Programm "Salut" angeboten. "Das Selbsthilfe-Programm unterstützt die Betroffenen darin, wieder Kontrolle über ihr Essverhalten zu erlangen und Strategien zur Vermeidung der Ess-Brech-Anfälle zu entwickeln. An konkreten Alltagssituationen wird geübt, mit Stresssituationen umzugehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu erproben", erklärt Borse.

Gerade für ländliche Gebiete, in denen die nächste Beratungsstelle weit weg sei, sei ein webbasiertes Beratungsangebot sehr wichtig. Das bestätigt auch Stefanie Hildebrandt in München: "Viele kommen aufgrund der 'Checkliste' auf unserer Internetseite auf die Idee, sich an uns zu wenden." Sie betont: "Jeder, der meint, sich zu viele Fragen rund um das Essen zu stellen und darunter leidet, darf kommen. Manche trauen sich nicht, weil sie meinen, 'ich hab' ja noch keine richtige Essstörung'. Aber es ist doch auch Sinn einer Beratung, Orientierung zu bekommen."

Weitere Informationen, Adressen, Beratungsangebote, FAQ, Literatur, etc. für Betroffene und Angehörige: