Wenn Mama und Papa einen ihrer Standardsätze auspacken, ist's oft vorbei mit der Diskussion. Und das Repertoire dieser Nerv-Floskeln scheint unbegrenzt ... Dabei sind viele dieser Sätze schlicht falsch - oder zumindest nicht fair.

"Wenn deine Freunde von einer Brücke springen, springst du dann mit?"

Für kindliche Logik gibt es manchmal kein besseres Argument als: "Aber meine Freunde dürfen das auch!". Inhaltlich ist das vielleicht nicht stark, doch mit einer weiteren Binsenweisheit zu kontern, ist mindestens genauso schwach. Wollen Sie Ihrem Zögling beibringen, dass vernünftige Argumente einen besser ans Ziel bringen als Verallgemeinerungen, sollten Sie konkret werden. Fragen Sie also, warum die Freunde zum Beispiel länger aufbleiben dürfen, und erklären Sie Ihrem Spross die Gründe für die frühere Schlafenszeit.

"Geh nicht mit nassen Haaren raus!"

Kaum haben die Kleinen das lästige Baden hinter sich gebracht, steht Föhnen auf dem Programm. Dabei haben Sie schon so viel Zeit fürs Spielen verloren. Aber was soll man tun? Von nassen Haaren wird man nun mal krank. Fürsorgliche Eltern müssen da also einschreiten. Diese vermeintliche Weisheit wurde schon vor Jahrhunderten verbreitet, allerdings hatte damals auch noch niemand etwas von Viren oder Bakterien gehört. Diese alleine lösen nämlich eine Erkältung aus. Normalerweise werden die Keime vom Immunsystem in Schach gehalten. Schwächelt dieses oder werden es zu viele Gegner, gibt es kein Entrinnen vor dem Schnupfen - nasse Haare hin oder her. Das bestätigt auch Allgemeinmediziner Dr. Uwe Popert bei hr-online: "Wenn man mal mit kalten, nassen Haaren herumläuft, dann hat das keinen Einfluss auf die Infekthäufigkeit".

"Das erklär' ich dir, wenn du groß bist!"

Das ist wahrscheinlich der absolute Spitzenreiter unter den Sätzen, die Kinder auf die Palme bringen. Er ist auch gemein, denn mit dieser Aussage wird jede Hoffnung auf Klärung in die ferne Zukunft verschoben. Fair ist das nicht, denn auch wenn manche Zusammenhänge für die Knirpse schwer zu verstehen sind, sollten Sie sie trotzdem nicht entmutigen, Fragen zu stellen. Versuchen Sie stattdessen, so einfach wie möglich zu antworten und lassen Sie zu komplizierte beziehungsweise nicht kindgerechte Details weg. So stillen Sie den Wissensdurst Ihres Sprösslings und stärken sein Selbstvertrauen.

"Kaugummi verklebt den Magen!"

Ein altbekanntes Problem: Kaum ist der Kaugummi im Mund, hat ihr Sprössling ihn auch schon heruntergeschluckt. Da helfen auch Ermahnungen nichts, der Schluckreflex ist schneller als der Verstand. Das macht vielen Eltern Sorgen, denn laut Volksweisheit verklebt Kaugummi den Magen. Dabei handelt es sich jedoch um einen lange gehegten Mythos: Wissenschaftlich ist (unter anderem durch Dr. Aaron E. Carrolls und Dr. Rachel C. Vreemans Ratgeber "Don't Swallow Your Gum! Myths, Half-Truths and Outright Lies About Your Body and Health") eindeutig belegt, dass Kaugummis einfach unverdaut wieder ausgeschieden werden. Nur, wenn am Tag mehrere Kilos vertilgt würden, könnte das zu Darmverschluss führen.

"Zieh die Nase nicht hoch!"

Das "Nase hochziehen" wird als Unart empfunden. Eltern sind daher darauf bedacht, sie ihrem Zögling abzugewöhnen. Was viele nicht wissen: Manche Mediziner halten es für gesünder, den Naseninhalt öfter einmal hochzuziehen, statt zu schnäuzen. Laut Werner Bartens "Lexikon der Medizinirrtümer. Halbwahrheiten, Vorurteile, fragwürdige Behandlungen" haben Keime gegen die Magensäure keine Chance. Durch den Druck beim Schnäuzen hingegen können sie direkt in die Nebenhöhlen gedrückt werden, wo sie sich so richtig wohl fühlen.

Eltern sollten sich also öfter mal fünf gerade sein lassen, statt ihre Kids mit althergebrachten Standardsätzen zu nerven. Die haben sie als Kinder doch schließlich auch nicht gerne gehört.