• Kein Ende der Corona-Pandemie in Sicht und dazu wechselhafte Entscheidungen der Politik. Die Folge: Viele Menschen empfinden ihre Situation als belastend.
  • Eine Expertin verrät im Interview, was jeder tun kann - und setzt dabei auf positive Psychologie.

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Viele Menschen empfinden es als belastend, dass momentan noch kein Ende der Corona-Pandemie in Sicht ist. Hinzu kommen wechselhafte Entscheidungen der Politik, die viele als ein wildes Hin und Her von Lockerungen und Verschärfungen erleben.

Um in dieser Situation nicht den Mut zu verlieren, ist es gerade jetzt wichtig, sich besonders gut um sich selbst zu kümmern. Wie das geht, weiß Gina Schöler. Sie befasst sich mit positiver Psychologie und leitet die Initiative "Ministerium für Glück und Wohlbefinden".

Inwiefern ist es gerade in der aktuellen Zeit so wichtig, auf das eigene Wohlbefinden zu achten?

Gina Schöler: Es sind für uns alle herausfordernde Zeiten. Die Situation belastet uns in unterschiedlichem Ausmaß. Sie beeinträchtigt auch unsere mentale Gesundheit – psychisch erkrankte Menschen sind zurzeit besonders betroffen. Unsere Lebensweise hat sich im letzten Jahr radikal geändert, das bringt Unsicherheit und Unbehagen mit sich. Es ist also wichtiger denn je, auf sich selbst und das eigene Wohlbefinden, aber auch auf die Gesundheit der Menschen um uns herum zu achten.

Woran mangelt es durch die Corona-Situation gerade besonders?

Es gibt zurzeit viele Dinge, die unser Wohlbefinden mehr als sonst verringern: Das sind einmal die großen Sorgen um die eigene Gesundheit, aber auch um das Wohlergehen unserer Mitmenschen. Dazu kommen in vielen Fällen noch finanzielle Sorgen und wirtschaftliche Unsicherheit.

Gibt es gesellschaftliche Bereiche, in denen die Belastung besonders ausgeprägt ist?

Eltern sind besonders belastet, wenn sie sich neben der Arbeit noch um die Kinderbetreuung kümmern müssen. Auch die Grenzen der Arbeit verschwimmen immer mehr durch das Arbeiten im Homeoffice – die räumliche, aber auch zeitliche Trennung fehlt bei vielen. Wir können unsere Hobbys nur eingeschränkt oder gar nicht mehr ausüben. Diese sind aber wichtige Aktivitäten zum Ausgleich und Stressabbau, die uns jetzt fehlen. Und natürlich stehen die fehlenden sozialen Kontakte im Vordergrund. Wir brauchen den zwischenmenschlichen und auch den körperlichen Kontakt.

Viele Menschen empfinden es als besonders belastend, dass kein Ende der Pandemie in Sicht ist.

Einen Plan für die Zukunft zu haben, gibt uns Sicherheit, Halt und Orientierung. Diese Unplanbarkeit ist schwierig auszuhalten, denn gefühlt sitzen alle schon in den Startlöchern, wollen endlich wieder loslegen mit dem Leben, sind "mütend" (müde und wütend) und die Nervenkostüme sind dünn. Ich bin mir sicher, dass jede und jeder von uns eine ganz schön lange Liste füllen könnte mit Dingen, die man endlich wieder machen will. Dass man dafür jedoch keine konkreten Pläne schmieden kann, kann frustrierend sein – und es ist deutlich schwieriger, Vorfreude dafür zu empfinden.

Was kann helfen, damit besser umzugehen?

Eine Idee wäre es, genau diese Liste mit Dingen zu schreiben, die man unbedingt machen will, "wenn es wieder geht". Und zwar so ausführlich wie möglich. Was brauche ich dafür? Wen nehme ich mit? Welche Vorbereitungen muss ich dafür treffen? Im zweiten Schritt kann man sich die Liste noch einmal anschauen und überlegen: Wie könnte ich das nach den aktuellen Regeln umsetzen? Welche Ideen und Alternativen gibt es, um genau diese Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen? Zum Beispiel statt einer Weinwanderung Pakete mit Weinflaschen verschicken und eine digitale Weinverkostung machen. Oder wie wäre es, einen DJ für einen Abend zu buchen, der für den Freundeskreis online ein Set spielt, während alle vor den Webcams wild tanzen? Außerdem kann es helfen, alles, was planbar ist, auch zu planen. Dies kann ein Telefonat sein, ein Picknick oder der Wocheneinkauf. Wenn etwas ganz konkret im Kalender steht, ist es oft einfacher, Vorfreude dafür zu entwickeln.

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Zuletzt empfinden viele Menschen die Entscheidungen der Politik als ein Hin und Her von Lockerungen und Verschärfungen. Was kann helfen, um da seine eigene Linie zu finden, wenn man beispielsweise schon seit einem Jahr auf nahezu alle Kontakte verzichtet und jetzt womöglich das Gefühl hat, dass Entscheidungen zu lasch sind und sich dadurch alles weiter hinziehen wird?

Oft hilft es, wirklich das anzupacken und verändern, was im eigenen Wirkungskreis möglich ist. Das heißt auch, sich nicht von anderen verunsichern zu lassen und nur so zu handeln, dass man sich wohl und sicher fühlt und vor allem nach den eigenen Werten handelt. Außerdem kann es helfen, das eigene Umfeld zu sensibilisieren, Bedürfnisse und Sorgen klar anzusprechen, wenn sich andere dort dem eigenen Empfinden nach leichtsinnig verhalten.

Wäre ein harter Lockdown womöglich besser auszuhalten gewesen als die Situation in den letzten Monaten?

Isolation ist immer schlecht für das Rudeltier Mensch. Die Situation momentan ist unberechenbar und wenn ich eins gelernt habe, dann, dass die einzige Konstante in der Pandemie die dauerhafte Veränderung von Ist-Zuständen ist: Wir müssen lernen, mit dieser Unsicherheit und dem Stress umzugehen. Das Hin und Her ist schwer zu greifen und es strengt an. Menschen streben auch nach klaren Strukturen und Sicherheit – alles andere löst Unbehagen aus. Und das erleben wir gerade: Eine Ausnahmesituation, die dauerhaften Stress bedeutet. Generell denke ich, dass wir uns aber nicht die Frage stellen sollten, welche Art von Lockdown oder Regelung gerade die vielleicht bessere wäre. Wir können wie bereits erwähnt immerhin für uns persönlich durch kleine Regeln und Rituale unsere eigene Situation angenehmer gestalten und den Stress für uns und unser Umfeld so gut wie möglich lindern.

Was sind Ihre persönlichen Tipps, um gut durch die kommenden Wochen und Monate zu kommen?

Es gilt gerade in diesen turbulenten Zeiten, sich das kleine Glück vor Augen zu führen. Es hilft enorm, Routinen zu schaffen, die uns auch in den eigenen vier Wänden Struktur und Halt geben – zum Beispiel immer vor dem Frühstück einen kurzen Spaziergang zu machen oder sich jede Woche mit Freunden online zum Kochen oder Tanzen verabreden. Wiederkehrende Selbstfürsorge-Momente sind wichtig, um unsere Batterie aufzuladen. Man muss nicht alles sofort und perfekt schaffen, sondern es ist ganz normal, dass wir uns gerade aufgrund der Lage geschafft fühlen. Soziale Kontakte sind das A und O für unsere seelische Gesundheit. Daher ist es elementar, auf kreative Weise mit anderen in Kontakt zu bleiben. Wir teilen zum Beispiel in unserem Team jede Woche einen Gute-Laune-Song. Das kann aber auch ein Online-Spieleabend, eine klassische Postkarte oder ein gemeinsamer Ausflug in den Wald sein. Wir brauchen also für diese herausfordernden Zeiten eine Extraportion Optimismus, Kreativität für neue Lösungen, Kraft zum Aushalten, genug Pausen, um Energie zu tanken, sowie Dankbarkeit und den zwischenmenschlichen Zusammenhalt.

Über die Expertin: Gina Schöler, Jahrgang 1986, ist Autorin, Trainerin und Speakerin. Sie arbeitet zu den Bereichen Zufriedenheit, Positive Psychologie und Lebensgestaltung. Sie leitet die bundesweite Initiative "Ministerium für Glück und Wohlbefinden" und ist Autorin des Buches "Das kleine Glück möchte abgeholt werden".

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