Der Alltag mit einem Alzheimer-Kranken ist für enge Angehörige ein unglaublicher physischer und emotionaler Kraftakt, tagtäglich. Eine der großen Herausforderungen: die Geduld nicht zu verlieren. Etwa, wenn der Erkrankte aggressiv auf gut gemeinte Hilfe reagiert oder wieder und wieder dieselbe Frage stellt. Wir haben bei einer Expertin nachgefragt, was in solchen Situationen hilft.

Der typische Verlauf von Alzheimer: schleichend und langsam. Allmählicher Verlust der geistigen Fähigkeiten. Schleichende und langsame Veränderung der Wahrnehmung. Schleichender Verlust der Orientierung und des Urteilsvermögens.

Für den Partner oder Angehörigen eines Erkrankten bedeutet dies einen ebenso schleichenden und langsamen Abschied von der Person, die ihm nahesteht. "Zur Alzheimer-Erkrankung gehört ja der zunehmende Gedächtnisverlust und somit der Verlust des gemeinsam Erlebten, aber auch die Veränderung der Persönlichkeit des Betroffenen", erklärt Saskia Weiß, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin.

Für den Partner ändert sich damit - wiederum schleichend und langsam - das ganze Leben. Das Bemerken der ersten Symptome, die Diagnose, der zunehmend schwierige Umgang mit dem Erkrankten, die Trauer, die mit alledem einhergeht, die Last diverser neuer Aufgaben im Alltag.

Alzheimer: So erkennen Sie die Krankheit

"Angehörige von Alzheimer-Kranken müssen sehr viel zurückstecken", so Weiß, "sie müssen sich zurücknehmen und das annehmen, was ihnen der Betroffene gerade bietet, in welcher Situation er heute ist." Das Gefühl, immer da sein zu müssen, nimmt zu. "Sie sind der Anker für den Erkrankten. Das führt oft so weit, dass sie kaum allein auf die Toilette gehen können", schildert Weiß.

Eine traurige, aber sehr gängige Begleiterscheinung: Es kommt immer wieder zum Streit zwischen dem Erkrankten und dem Angehörigen. Zwei typische Ursachen:

  • Der Erkrankte fühlt sich entmündigt und reagiert wütend
  • Der Angehörige verliert die Geduld, weil er Gesagtes ständig wiederholen muss

Wenn Alzheimer-Kranke sich bevormundet fühlen

"Angehörige kommen in die Situation, immer mehr der Aufgaben zu übernehmen, die der Erkrankte nicht mehr schafft", beobachtet Weiß. Das Problem dabei: "Damit zeigt man ihnen auch: Du kannst das nicht mehr."

Sie nennt als Beispiel die demenzkranke Mutter, deren erwachsene Tochter ihr so lange wie möglich ein Leben zu Hause ermöglichen will. Sie erledigt in aller Schnelle das Wichtigste im Haushalt, während die Mutter sich dem Grad ihrer Erkrankung nicht bewusst ist und meint, alles im Griff zu haben.

"Die Mutter fühlt sich nun bevormundet, behandelt wie ein Kind", analysiert Weiß. Die Folge ist oft eine abwehrende, mitunter auch aggressive Reaktion. "Die Tochter rückt in den Fokus der Anklage - obwohl sie es natürlich nur gut gemeint hat."

Weiß' Tipp: "Man muss den Erkrankten nicht alle Aufgaben abnehmen. Das nimmt viel von seinem Selbstwertgefühl". Hinzu komme: "Alles, was man an Fähigkeiten nicht benutzt, geht verloren. So lange es also noch möglich ist, sollte man den Betroffenen Dinge selbst erledigen lassen. Wenn das selbständige Einkaufen also im Moment noch gut klappt, sollte der Erkrankte dies weiterhin tun."

Grundsätzlich sei es hilfreich, auf Struktur und Überschaubarkeit solcher Aufgaben zu achten, im konkreten Beispiel: eine überschaubare Einkaufsliste zu schreiben und denjenigen damit einkaufen gehen zu lassen.

Wichtig sei, die Aufgaben an die Fähigkeiten anzupassen und das immer wieder zu überprüfen, denn die Krankheit wird fortschreiten. "Der nächste Schritt könnte dann sein, zusammen einkaufen zu gehen. Eine Erklärung wie 'Das tut mir gut, dann komm ich mal an die Luft' sorgt an dieser Stelle für weniger Zündstoff als der Hinweis, dass man es dem anderen nicht mehr zutraut", sagt Weiß.

Je länger der Betroffene noch Aufgaben erledigen könne, desto besser. "Man darf sich aber keine Illusionen machen: Das Kurzzeitgedächtnis wird weiter schwinden", betont Weiß, "aber sich gebraucht zu fühlen, das macht auch etwas mit mir. Das Wahrnehmen von Stimmungen und Emotionen funktioniert noch sehr, sehr lange – oft noch, wenn der Betroffene schon in einem Stadium ist, in dem er nicht mehr sprechen kann."

Dinge wieder und wieder zu erklären, kostet Kraft

Entsprechend nehme der Erkrankte auch jeden Stress beim anderen wahr. Und den haben Angehörige auf vielen Ebenen, das Leben mit einem Alzheimer-Kranken ist eine hohe Belastung. "Da ist die große Anstrengung einerseits, aber es sind eben auch viele Emotionen im Spiel. Das Bild, das ich von meinem Ehemann immer hatte, stimmt nicht mehr mit dem überein, was da tagtäglich passiert", so Weiß.

Und das zeigt sich auf teils nervenaufreibende Art. Die Geduld des Angehörigen ist gefragt, wenn er wieder und wieder Dinge erklären und wiederholen muss. "Die klassische Situation: Ein Termin steht an oder Besuch hat sich angekündigt. Der Erkrankte weiß das und fragt seine Ehefrau immer wieder, wann es so weit ist. Und obwohl sie weiß, dass er nichts dafür kann, wird sie irgendwann wütend", beschreibt Weiß.

"Das habe ich dir schon zehn Mal gesagt!", sei dann eine Reaktion, die einfach vorkommt. "Denn: Wir sind alle nur Menschen. Selbst wenn ich über die Erkrankung genau Bescheid weiß, selbst wenn ich mich habe beraten lassen und sogar in eine Angehörigengruppe gehe, kann es trotzdem passieren, dass ich auch einmal ausraste", meint Weiß.

Angehörige müssen lernen, Situationen behutsam zu unterbrechen

Ihr Tipp: "Versuchen Sie, sich zu beruhigen. Gehen Sie in solchen Situationen auch einmal vor die Tür, um durchzuatmen." Die Situation zu unterbrechen, bringe auch einen anderen Effekt mit sich: "Es kann sehr gut sein, dass der Betroffene sich an den Streit oder die Diskussion nicht mehr erinnert, wenn Sie zurückkommen."

Dieses "Sich-Herausnehmen" dürfen Angehörige sich erlauben, "man muss es aber lernen", sagt Weiß. Sie betont, wie wichtig Beratung für Angehörige ist - und zwar so früh wie möglich. "Manchen reicht es, sich eine Broschüre zuschicken zu lassen und zu wissen, wo sie anrufen können. Anderen hilft es, wenn sie sich in einer Gruppe austauschen können."

Eine wichtige Anlaufstelle ist die Deutsche Alzheimer Gesellschaft, die entsprechende Beratungen und Gruppen in der Nähe der Betroffenen vermittelt und umfassend zum Thema informiert. Auch gibt es eine Hotline für Betroffene. Ein zentrales Anliegen der Gesellschaft ist es, die Situation der Demenzkranken und ihrer Angehörigen zu verbessern. "Die Lebensqualität der betroffenen Familien muss keine schlechte sein", betont Weiß, "das Umfeld spielt dabei eine entscheidende Rolle."

Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V.: 030 - 259 37 95 14.

Bei einem engen Angehörigen eine beginnende Demenz zu bemerken, ist für viele ein Schicksalsschlag. Hilflosigkeit macht sich breit. Man muss sich diesem Schicksal jedoch nicht alleine stellen, sondern kann sich Hilfe holen.