Warum leben Reiche länger? Hat die Privatversicherung wirklich nur Vorteile? Und ist Gesundheit auch in Zukunft noch bezahlbar? Das ZDF legt an diesem Dienstag (20:15 Uhr) das deutsche Gesundheitssystem unters Messer. Dabei zeigt sich: Das Wohl des Patienten steht nicht immer im Vordergrund.

Zwar sind die Beitragssätze sowie 95 Prozent der Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen identisch, dennoch lohnt sich ein Vergleich – mehrere Hundert Euro im Jahr lassen sich einsparen.

Privatversicherte kommen schneller an Termine und erhalten die bessere Behandlung von den besten Ärzten. So lautet die gängige Meinung. Die ZDF-Sendung wollte dieser Behauptung nachgehen und ließ Experten zu diesem Thema zu Wort kommen.

Ein Kinderarzt, in dessen Praxis in einem ärmeren Essener Stadtteil fast nur Kassenpatienten kommen, bestätigt die Existenz von einer "Zwei- oder Mehr-Klassen-Medizin". Pro Patient bekommt er 34 Euro im Quartal, unabhängig davon, wie oft und wie ausführlich er sie behandelt. Bei Privatversicherten könnten sich Ärzte mehr Zeit nehmen. Große Zuwendung sei bei Kassenpatienten nicht immer möglich, was die Gefahr von Fehlern erhöht. "Es gibt durchaus die Sorge, dass man was übersieht", erzählt der Arzt.

Ein Kollege mit Privatpraxis in Berlin fühlt sich im Recht, dass er Kassenpatienten ablehnt. "Mit Privatpatienten kriege ich die Leistung bezahlt, die ich einsetze", sagt der Orthopäde. "Vernünftige Medizin ist nur dann machbar, wenn man Zeit hat." Aber Geld spielt eben auch eine Rolle: Die Behandlung von Privatversicherten sei "lukrativer", geben auch andere Mediziner zu. Aber schließlich würden Privatversicherte auch den Praxiskomfort für die Kassenpatienten finanzieren.

Die Fehler des Gesundheitssystems

Doch die Privatversicherung kann auch Nachteile haben. Mehr als 200.000 Deutsche haben keinen Versicherungsschutz. Viele von ihnen sind ehemalige Privatversicherte, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind und ihre Beiträge nicht mehr bezahlen können. Bei Kassenpatienten tritt das Problem seltener auf.

Die drastischen Folgen dieses Systemfehlers zeigt das ZDF exemplarisch an einem Krebspatienten, der durch Berufsunfähigkeit nur noch eine kleine Rente bezieht und bei der Versicherung in Zahlungsrückstand geraten ist. Sein Arzt wollte ihn nicht mehr behandeln, solange die Finanzierung nicht geklärt ist. In seiner Verzweiflung ist er auf soziale Einrichtungen und Ärzte, die umsonst arbeiten, angewiesen. Es droht ihm akute Lebensgefahr. Der Sozialforscher Professor Gerd Glaeske mahnt das Verhalten der Krankenkassen an: "Jeder sollte in Deutschland versichert sein."

Wer seine Prämien bezahlen kann, sieht den Arzt zwar meist schneller, aber auch öfter als ihm lieb sein kann: Privatversicherte müssen häufiger unnötige Behandlungen und Operationen über sich ergehen lassen. Kassenpatienten tröstet der Arzt und Humorist Eckart von Hirschhausen deswegen mit einem alten Spruch: "Medizin ist die Kunst, die Zeit zu vertreiben, die der Körper braucht, um sich selbst zu heilen."

"Patienten sind Kunden und der Arzt wird zum Verkäufer"

Medizin kostet Geld: Durch die steigende Verschuldung der Kommunen müssen immer mehr Kliniken an Privatunternehmen verkauft werden. Doch bei denen stehen oft wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, das Wohl des Patienten ist nicht immer der entscheidende Faktor. "Patienten sind Kunden und der Arzt wird zum Verkäufer", kritisiert der Wissenschaftsjournalist Dr. Werner Bartens die Ökonomisierung der Gesundheitsbranche. Manche Ärzte können Bonuszahlungen kassieren, wenn sie lukrative Eingriffe vornehmen. Zum Beispiel an Hüfte und Knie: Hier ist Deutschland Weltmeister in der Anzahl der Operationen.

Aber wie kann man sich selbst davor schützen, unnötig unters Messer gelegt zu werden? Hirschhausen rät den Patienten, dem Arzt direkte Fragen zu stellen: "Woher wissen Sie, ob die Operation gut für mich ist? Was passiert, wenn wir nichts tun? Würden Sie das auch an sich selbst oder Ihrer Tochter vornehmen lassen?"

Mit der höheren Lebenserwartung steigen auch die Kosten des Krankensystems. Schon heute lebt ein reicher Mann in Deutschland im Schnitt zehn Jahre länger als ein armer. Bei den Frauen sind es acht Jahre. Das liegt zwar auch am Lebensstil, trotzdem trägt auch das System eine Mitschuld daran. Wie kann man daher gewährleisten, dass eine Gesundheitsversorgung für alle auch in Zukunft noch finanzierbar ist?

Das ZDF nimmt die Pharmaindustrie in die Pflicht. In Deutschland sind derzeit 60.000 Medikamente zugelassen. Viele seien zu teuer. Zudem seien in den vergangenen Jahren kaum noch unverzichtbare Arzneien auf den Markt gekommen, merkt der Journalist Bartens an. Sparpotenzial hat auch die Bürokratie in der Medizin: Die Verwaltung verschlingt zu viel Geld und Zeit.

Sollen Raucher und Dicke mehr zahlen?

Die hohen Kosten des Gesundheitssystems werfen auch ethische Fragen auf: Sollen zum Beispiel auch alternative Heilmethoden von der Kasse bezahlt werden? Diese Glaubensfrage kann auch das ZDF nicht klären.

In einer anderen beziehen die Experten jedoch eindeutig Stellung: Risikopatienten wie Raucher und Übergewichtige sollen nicht höhere Beiträge zahlen. In den USA ist die unterschiedliche Bemessung nach der Lebensführung bereits eingeführt. Die Schauspielerin und Ärztin Dr. Marianne Koch lehnt das ab: "Dann kämen sofort auch Leute, die sagen, Fußball ist auch gefährlich. Da führt kein Weg hin. Das muss die Solidargemeinschaft aushalten."

"Wie gut ist unser Gesundheitssystem?" fragt das ZDF heute Abend um 20:15 Uhr in "ZDFzeit: Der große Deutschland-Test".