In Deutschland sind 6,7 Millionen Bürger überschuldet. Da ist guter Rat teuer, was windige Anbieter ausnützen. Aber es geht auch anders: Es gibt Anlaufstellen, die den Schuldnern grundlegend helfen. Uwe Simons vom Sozialdienst katholischer Männer Neuss weiß, wo den Betroffenen der Schuh drückt und hat eine besondere Forderung an die Politik.

Wer im Internet nach Schuldnerberatung sucht, bekommt sehr viele Angebote. Schuldner haben kein Geld, aber offensichtlich ist die Beratung trotzdem ein attraktives Geschäft.

Uwe Simons: Im Internet trifft man bei Suchergebnissen wahrscheinlich zu 80 Prozent auf unseriöse Angebote. Ernstzunehmende Stellen wie Caritas und Sozialverbände findet man da nicht. Die unseriösen Berater bieten den Hilfesuchenden an, dass sie nur noch an eine Stelle zahlen müssen und der Anbieter verteilt dann das Geld. Was sehr attraktiv erscheint. Von den Raten, die gezahlt werden, zieht aber die Firma 40 bis 50 Prozent für eigene Verwaltungskosten ab.

Es gibt auch Anbieter, die mit den Kunden ein Insolvenzverfahren vorbereiten, was dann ungefähr 1.700 Euro kostet. Weil die Schuldner bei Banken kein Geld mehr bekommen, leihen sie sich das Geld dann oft bei Verwandten.

Stichwort private Insolvenz: Was ist das genau?

Simons: Das ist die Möglichkeit für Überschuldete, also wenn jemand seinen Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen kann, nach sechs Jahren einen wirtschaftlichen Neuanfang zu erreichen. In den sechs Jahren wird pfändbares Vermögen und Einkommen abgegeben und über einen Insolvenzverwalter an die Gläubiger verteilt. Das Verfahren wird auch dann eröffnet, wenn der Betroffene kein pfändbares Vermögen oder Einkommen hat. Dann wird also in dem Verfahren nichts abgeführt und trotzdem werden nach sechs Jahren alle Schulden erlassen.

Als seriöse Beratungsstelle gehen Sie mit den Hilfesuchenden einen anderen Weg als windige Anbieter. Wie helfen Sie den Überschuldeten?

Simons: Das Erste ist die Existenzsicherung. Es ist so, dass die Menschen zu uns kommen, wenn schon viel passiert ist. Der Lohn und das Konto sind gepfändet, der Gerichtsvollzieher war da und die Vermögensauskunft ist abgelegt worden. Das vorhandene Einkommen muss für die vorrangigen Dinge zur Existenzsicherung eingesetzt werden: Miete, Strom und Lebensunterhalt. Wir machen dann zusammen einen Haushaltsplan. Da geht es vor allem darum, wie Ausgaben verringert werden. So stehen zum Beispiel Kosten für Fahrkarten, Taschengeld für die Kinder oder Zahlungen für Versicherungen auf dem Prüfstand.

Sie sind Sozial-Pädagoge, also geht es bei der Beratung bestimmt auch um andere Dinge als die Finanzen.

Simons: Ja, es geht auch um soziale Probleme. Wenn etwa Alkoholiker zu uns kommen. Dann fragen wir uns gemeinsam, ob die Schulden der Grund sind oder umgekehrt. Oder es gibt erhebliche Eheprobleme oder Erziehungsschwierigkeiten. Immer dann wenn es mit dem Geld knapp wird, kriselt es auf allen möglichen Ebenen. Uns geht es darum, dass jemand lernt mit dem auszukommen, was er monatlich zur Verfügung hat. Wir haben neben den Betroffenen auch mit Gläubigern, Suchtberatung, Erziehungsberatern oder Insolvenzgerichten zu tun. Das Ganze hat also auch eine große soziale Komponente.

Überschuldung betrifft in Deutschland 6,7 Millionen Menschen. Das ist kein Problem einer kleinen Gruppe. Diese Probleme kommen aus einer bestimmten Ecke. Wer hat denn ein wirtschaftliches Interesse am Schuldenmachen?

Simons: Sie brauchen nur die Prospekte anzuschauen, die sonntags im Briefkasten stecken. Da sind die Produkte mit einem Sternchen versehen und dort finden sich nicht die Preise, sondern die Höhe der Raten. Deswegen ist uns Vorbeugung wichtig. Wir von den Beratungsstellen sind wie die Feuerwehr. Aber man muss schon handeln, bevor ein Brand entsteht. Wir gehen aus diesem Grund in die Schulen, um Finanzkompetenz zu vermitteln. Als Jugendlicher braucht man nicht immer das neueste Handy oder das T-Shirt von einer teuren Marke.

Meinen Sie, dass die Politik etwas gegen das Schuldenmachen unternehmen sollte?

Simons: Das ist schwierig. Die Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass konsumiert wird. Da einen Riegel vorzuschieben, das geht nicht. Aber wie schon erwähnt, ist Aufklärung sehr wichtig. Vielen jungen Erwachsenen ist es nicht klar, was man wirklich zum Leben braucht. Da ist die Politik gefragt, weil das Thema Finanzkompetenz in keinem Lehrplan steht. Meine Klienten lernen selbst erst den verantwortlichen Umgang mit Geld. Sie können ihren Kindern keine guten Ratschläge mit auf den Weg geben. Wenn das kein öffentlicher Auftrag ist, dann weiß ich nicht, wer die Aufklärung übernehmen soll.

Uwe Simons ist Sozial-Pädagoge und Fachbereichsleiter für Schuldner- und Insolvenzberatung beim Sozialdienst katholischer Männer in Neuss.