Unternehmen und Wohlhabende kennen den Begriff Strafzins bereits. Manchem Kleinsparer könnte das Wort neu sein. Was man darüber wissen sollte, sagt Ihnen unser Faktencheck.

Negative Zinsen auf Erspartes von privaten Kleinanlegern?

Der geplante Vorstoß einer Reutlinger Bank in diese Richtung hat eine Debatte über die Zukunft von Geldinstituten und deren Verhältnis zu ihren Kunden losgetreten, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet.

Sind Strafzinsen überhaupt rechtens?

Vorweg gilt: Die Nutzung von Bankkonten darf durchaus Geld kosten. Vor allem, wegen damit verbundener Serviceleistungen.

Ein zweiter Grund lautet, dass die Kreditinstitute seit 2016 selbst Negativzinsen zahlen müssen, wenn sie überschüssiges Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken.

Eine maßgeschneiderte (teilweise) Weitergabe dieser Gebühr an Großkunden war bislang gang und gäbe.

Während man bei der Reutlinger Bank deshalb auf die Rechtmäßigkeit des Vorgangs besteht, stellen Branchenbeobachter das Unterfangen im Fall von weniger vermögenden Privatkunden in Frage.

Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat das Reutlinger Geldhaus bereits öffentlich abgemahnt.

Ein solcher Schritt sei nicht rechtsgültig, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. Eine genaue Prüfung steht noch aus.

Von wegen Balkontür, Kellerfenster und nachts: Polizei gibt wichtige Infos.

Wie ist hier die Gesetzeslage?

Eine Gebühr für Giro-, Festgeld- oder Tagesgeldkonten zu erheben, ist nicht nur gesetzlich zulässig, sondern auch recht plausibel, solange das Geld nicht einfach nur verwahrt wird.

Ebenso einleuchtend wie akzeptabel erscheint zumindest aus Unternehmersicht die Entscheidung, die allgemeinen Geschäftsbedingungen, etwa für Einlagen ab 100.000 Euro aufwärts, zu ändern.

Insbesondere dann, wenn dies – wie im Fall der Volksbank Reutlingen – mit einigem zeitlichen Vorlauf angekündigt wird.

So haben betroffene Kunden immerhin Gelegenheit, sich um Alternativen zu kümmern und ihre Verträge im Zweifel aufzukündigen.

Auch ist zu beachten, dass das (noch nicht geltende) Vorhaben ansonsten nur bei neu angelegten Konten greifen würde.

Rechtlich Probleme machen könnte lediglich eine allzu verklausulierte Informationshandhabe. Finanzinstitute dürfen ihre Kunden keinesfalls in die Irre führen oder bestehende Vertragskonditionen einseitig ändern.

Was sagen Experten und Vertreter der Banken und Sparkassen?

"Es gibt keine gesetzliche Grenze nach unten, insofern sind Negativzinsen rechtens", erklärt Dr. Olaf Stotz, Professor für Vermögensverwaltung an der Frankfurt School of Finance and Management.

"Meistens weisen Vertragstexte keine konkreten Untergrenzen auf. Stattdessen ist allgemein festgehalten, dass Zinssätze angepasst werden können. In der Regel wird dem Anleger dann auch im Vorhinein bekannt gegeben, wenn sich diese ändern."

Auch für die EZB zeigt Stotz Verständnis. Als Währungshüterin, die ihr Mandat der Preisstabilität mit knapp zwei Prozent Inflationsrate definiert hat, könne sie durchaus noch Monate, sogar Jahre bei dieser Zinspolitik bleiben, so Stotz.

Vielen Bankkunden in Deutschland drohen weiter steigende Preise.

Sparern rät der Wissenschaft bei langfristigen Investitionen eher nicht auf festverzinsliche Konten, sondern etwa auf Aktien zu setzen.

"Um das Risiko des Kaufkraftverlusts zu verringern. Auch wenn viele diesen Vorteil nicht wahrnehmen."

Stephan Schorn, Pressesprecher des Sparkassenverbands Baden-Württemberg, fordert unterdessen eine "klare Wende in der Zinspolitik der EZB".

Die derzeitige Situation belaste nicht nur Sparer, sondern habe auch gravierende Folgen für die Alterssicherung, in der Vorsorge und in anderen Bereichen.

"Mittelfristig gehe ich deshalb davon aus, dass die EZB eine andere Haltung einnehmen und sich an der Geldpolitik der USA orientieren wird." Bis dahin rät Schorn Kleinsparern auszuharren.

"Durch diese Leidensphase muss man hindurch." Ein Strohhalm, an dem man sich festhalten könne, sei immerhin, dass man momentan kein Geld für kleinere Spareinlagen zahlen müsse, sondern lediglich auf Zinsen verzichten.

Sparkassen-Kunden, betont Schorn schließlich, könnten ohnehin beruhigt sein. "Zwar sind die Sparkassen eigenverantwortlich, aber dass Strafzinsen eingeführt werden sollten, ist nicht anzunehmen."

Und wenn das Thema doch irgendwann auf den Tisch käme, "ist ohne aktive Zustimmung der Kunden eine automatische Änderung der Gebühren unzulässig".

Wie wird die Entwicklung weitergehen?

Wegen der anhaltenden Niedrigzinspolitik der EZB spekuliert nicht nur die Volksbank Reutlingen, sondern auch diverse andere Geldinstitute mit Negativzinsen bei Kleinanlegern auf neue, dauerhafte Ertragsquellen.

Doch Entgelte, denen keine konkrete Leistung gegenübersteht, werden sich auf lange Sicht wohl kaum durchsetzen können.

Allein die Ankündigung, sich in Zukunft die Einführung von negativen Zinsen vorzubehalten, hat ein ausgesprochen kritisches Echo bei Kunden und Verbraucherschützern bewirkt.

Und auch, wenn derzeit viele Häuser nicht offensiv um mehr Kunden buhlen – generell bedingt ihr Geschäftsmodell genau diese Vorgehensweise. Nur so können sie im harten Wettbewerb gegeneinander bestehen.

Die Transaktionsnummer - kurz TAN - sichert Bankgeschäfte im Internet gegen Kriminelle ab.


Die Geldbeutel von "Normalsparern" neben sonstigen anfallenden Gebührenerhöhungen für Konten, Transaktionen und Bankkarten durch zusätzliche Zahlungsaufforderungen und schwer verständliche Geschäftspraktiken zu belasten, ist nicht gerade kundenfreundlich. Und damit kein langfristiges Erfolgsmodell.

Gibt es Wege, wie sich Sparer vor den Folgen schützen können?

Natürlich können Sparer den Negativzins akzeptieren und damit ihre sichere Geldanlage beibehalten. Oder man nimmt sich andere Anlageformen vor, die eine höhere Rendite versprechen, aber auch mit mehr Risiko behaftet sind.

Weder Negativ- noch Positivzinsen sind zu erwarten bei Investitionen in Immobilien oder Sachgüter wie Gold.

Einen weiteren Ausweg bietet allen Sparern natürlich der Bankenwechsel. Allerdings sollten vorher die möglichen Nachteile bedacht werden:

Ein engmaschiges Netz aus Filialen oder die schnelle Abwicklung des Zahlungsverkehrs (off- und online) wie bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind dann gegebenenfalls nicht mehr Teil des Deals.

Wer die Bank wechselt, aber alles beim Alten belassen möchte, muss beachten: Auch gewinnorientierte Banken locken Kunden meistens mit auf Jahre hinaus festgelegten Zinssätzen.

Insofern gilt es hier, besonders wachsam Angebote zu vergleichen, bevor neue Konten angelegt, Kapitaleinlagen vorgenommen oder Kredite aufgenommen werden.

Auf ein Girokonto, über das Informationen zu Einkommen und Ausgaben gesammelt werden und mit dem die Allermeisten ihre Geschäfte tätigen, zu verzichten, ist rein theoretisch möglich, aber praktisch unsinnig.

Geschäftstellenlose Direktbanken bieten ihre meist nur online verfügbaren Konten kostenlos an.

Um sich einen Überblick zu verschaffen, listet die Stiftung Warentest in ihrem "Produktfinder Girokonto" 243 verschiedene Kontomodelle von 104 Geldinstituten auf. Darunter auch 23 Angebote für gebührenfreie Konten.