Die Kirchensteuer sorgt mehr denn je für Kontroversen: Seit Beginn dieses Jahres dürfen Geldinstitute die Religionszugehörigkeit ihrer Kunden bei offiziellen Instituten abfragen und die Kirchensteuer auf Zinseinkünfte und Aktiengewinne sofort abziehen. Wir fragen deshalb nach: Ist das Modell der Kirchensteuer noch zeitgemäß?

In Deutschland glaubt, wer Kirchensteuer zahlt. Was hierzulande selbstverständlich scheint, nämlich dass ein gläubiger Christ monatlich seine Abgabe an das Finanzamt entrichtet, ist in anderen Staaten längst überholt. Wir schlüsseln auf, wie die Kirchensteuer in Deutschland funktioniert und welche anderen – und vielleicht besseren – Lösungen andere Länder haben.

Wer zahlt in Deutschland Kirchensteuer?

Hierzulande gilt: Wer in der Kirche ist, arbeitet und Geld verdient, der muss auch Kirchensteuer zahlen. Diese ist mit einem Satz von acht Prozent in Bayern und Baden-Württemberg und neun Prozent in allen anderen Bundesländern an die Lohn- und Einkommenssteuer gekoppelt. Seit 2009 ist sie außerdem an die damals neu eingeführte Abgeltungssteuer auf Zinseinkünfte und Aktiengewinne geknüpft.

Viele Bistümer und fast alle Landeskirchen erheben darüber hinaus eine Sonderform der Kirchensteuer, die sie als Kirchengeld bezeichnen. Im Jahr 2013 nahm die Evangelische Kirche laut dem aktuellen Statistischem Jahrbuch der BRD so 4,8 Milliarden Euro ein, bei der Katholischen Kirche waren es 5,5 Milliarden Euro.

Wer zieht die Kirchensteuer ein?

Die Kirchensteuer unterliegt grundsätzlich der kirchlichen Verwaltung, die jedoch die Möglichkeit nutzt, die Verwaltung auf die Landesfinanzbehörden zu übertragen. Dafür entrichten die Religionsgemeinschaften eine Verwaltungskostenentschädigung von rund 3 Prozent an die jeweiligen Bundesländer. Ein großer Kritikpunkt an diesem System ist, dass die Kirchen damit Zugriff auf Meldedaten hätten, aus denen beispielsweise hervorgehe, wer ein zweites Mal verheiratet ist oder in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft lebt.


Gilt dieses System auch für die Abgaben der Abgeltungssteuer?

Nein, hier zwacken die Geldinstitute die Kirchensteuer direkt von den Kapitalerträgen ab. Weil viele Gemeindemitglieder bisher noch keine Kirchensteuer auf die Kapitalerträge gezahlt haben, haben die Banken im vergangenen Jahr beim Bundeszentralamt für Steuern die Konfession ihrer Kunden erfragt – und werden dies künftig jährlich wiederholen. Durch die neuerliche Änderung entsteht über die enge Verbindung zwischen Staat und Kirche dadurch noch eine Verquickung zwischen Bank und Kirche, die vielen Menschen missfällt. Zwar heißt es, dass kein Bankmitarbeiter ohne Weiteres auf die Religionszugehörigkeit eines Kunden schließen könne, dennoch bleibt der Umgang mit den sehr persönlichen Daten sehr brisant.

Wie kann man der Zahlung der Kirchensteuer entgehen?

Dafür gibt es in Deutschland nur eine Möglichkeit, nämlich die Unterzeichnung der Kirchen-Austrittserklärung vor einem staatlichen Gericht. Dieser Austritt hat allerdings weitreichende Konsequenzen, denn wer keine Kirchensteuer mehr zahlt, scheidet gleichzeitig aus der Glaubensgemeinschaft aus und verliert seinen Anspruch auf kirchliche Trauungen, Taufen, Begräbnisse und die Kommunion. "Wer - aus welchen Gründen auch immer - den Austritt aus der katholischen Kirche erklärt, zieht sich die Tatstrafe der Exkommunikation zu…", hieß es in einer Erklärung der Bischofskonferenz vom 24. April 2006.

Wie begründet die Kirche diesen harten Schritt?

Grundsätzlich gilt theologisch: Wer einmal getauft ist, der ist auch immer Teil der Kirche. Trotzdem schwillt seit Jahren ein Rechtsstreit zwischen einzelnen Katholiken und der katholischen Kirche, ob auch ein Teilaustritt – in Form von Verzicht auf die Entrichtung der Kirchensteuer – möglich ist. Dazu haben die deutschen Bischöfe im vergangenen Herbst eine Erklärung abgegeben, der zufolge die Erklärung des Austritts aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts vor der zuständigen staatlichen Behörde "eine willentliche und wissentliche Distanzierung von der Kirche" und "eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft" darstellt. Wer, "aus welchen Gründen auch immer", austritt, "verstößt damit gegen die Pflicht, die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren…, und gegen die Pflicht, seinen finanziellen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kirche ihre Aufgaben erfüllen kann".

Wie regeln andere Länder die Zahlung der Kirchensteuer?

Außerhalb des deutschsprachigen Raumes existiert nur in wenigen Ländern eine Kirchensteuer. In Frankreich und den USA wurde sie beispielsweise abgeschafft, dort erhalten die Kirchen zwar eine staatliche Förderung, sind aber im Wesentlichen auf Spenden angewiesen. Die niederländischen Kirchen finanzieren sich ausschließlich regional aus Spendengeldern. Und auch in Polen gibt es keine Kirchensteuer, dort wird die Kirche von Spenden und Beiträgen finanziert. In Belgien und Griechenland werden Pfarrer und Bischöfe wie Beamte vom Staat bezahlt. Die Gemeinden sind dort gesetzlich nur zur Unterhaltung der Gebäude verpflichtet. Und in Italien entscheidet jeder Steuerzahler individuell, ob die obligatorische Kirchen- und Kultursteuer einer Religionsgemeinschaft, sozialen Zwecken oder dem Staat zufließen soll.

Ist die deutsche Kirchensteuer noch zeitgemäß?

Am Ende stellt sich also die Frage, ob die deutsche Kirchensteuer überhaupt noch ihren Zweck erfüllt, ob sie nämlich die Bindung zwischen Kirche und Gläubigen stärkt. Oder ob sie nicht vielmehr ein Grund unter mehreren für die steigende Zahl der Austritte ist. Die Linke schrieb dazu in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl kurz und bündig: "Die Kirchensteuer gehört abgeschafft." Die Erhebung von Mitgliedsbeiträgen sei Sache der Religionsgemeinschaften selbst, so die Argumentation. Und auch die Piratenpartei ist naturgemäß gegen die Kirchensteuer, die ihrer Meinung nach die Kirchen privilegiere und überflüssige Daten erhebe.

Andererseits, so argumentiert unter anderem die katholische Kirche in Deutschland selbst, betreiben die beiden großen Kirchen in Deutschland mit ihren Wohlfahrtsverbänden Caritas und Diakonie auch einen Großteil sozialer Einrichtungen. Die Realität sieht aber so aus, dass die Kirchen selbst nur einen verschwindend geringen finanziellen Eigenanteil in die sozialen Einrichtungen einbringen. Der größte Teil wird von allgemeinen Steuergeldern von allen Steuerzahlern gestemmt.