An der nicht mehr ganz so "neuen" Rechtschreibung scheiden sich immer noch die Geister. 15 Jahre wird sie jetzt alt. Seinerzeit rollte eine Welle des Widerstands durch den deutschsprachigen Raum - und mittendrin war Rechtschreib-Rebell Friedrich Denk.

Seit 15 Jahren sind die Regeln der Rechtschreibreform für Schulen und Behörden verbindlich. Nach zweijähriger Probephase wurde es am 1. August 1998 für Pennäler, Lehrkräfte und Staatsdiener ernst.

Der Pädagoge und Schriftsteller Friedrich Denk erzeugte damals wie heute mächtig Wirbel - etwa mit einer großangelegten Aktion auf der Frankfurter Buchmesse, einer Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" oder dem Flugblatt "Stoppt die überflüssige, aber milliardenteure Rechtschreibreform!". Wir haben mit dem Rechtschreibrebell über die Veränderungen in der deutschen Sprache gesprochen.

Wie haben Sie das erste Mal von der Rechtschreibreform erfahren?

Friedrich Denk: Im Juli 1996 hat uns Lehrern der Rektor unserer Schule bei einer Lehrerkonferenz ein etwa 200-seitiges Werk vorgestellt - mit der Aufforderung die neuen Regeln ab dem Herbst zu unterrichten, weil sie ohnehin ab dem 1. August 1998 verbindlich würden.

Kurze Zeit später war ich mit meiner Familie auf einer Bergtour in Oberbayern und habe mich dabei geärgert, warum man das schöne und scheue Tier Gämse jetzt plötzlich mit "ä" schreiben soll, obwohl für unsere Schüler diese Tiere außerhalb ihrer Erfahrungswelt liegen und sie mit der Veränderung gar nichts anfangen können.

Danach haben Sie eine Widerstandbewegung gegen die neuen Regeln ins Leben gerufen. Was ist damals genau passiert?

Friedrich Denk: Ich habe ein Flugblatt entworfen, das ich im Sommer 1996 an einige Schriftsteller verschickt habe. Mit dem Flugblatt "Stoppt die überflüssige, aber milliardenteure Rechtschreibreform!" bin ich zur Frankfurter Buchmesse gefahren, habe es mit Erlaubnis der Veranstalter verteilt und zwei Pressekonferenzen abgehalten. Einige Tage später hat ein Radiosender dieses Thema aufgegriffen und darüber berichtet, dass in unserer Frankfurter Erklärung mehr als 100 Autoren und Professoren eine Rücknahme fordern.

Es ist Ihnen also gelungen.

Friedrich Denk: Im Oktober 1996 haben wird dann die Organisation "Wir gegen die Rechtschreibreform" gegründet. Wir haben Volksbegehren in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein angeregt. Im hohen Norden haben wir so viele Unterschriften gesammelt, dass es zu einem Volksentscheid kam, der in Schleswig-Holstein die Reform ein Jahr gestoppt hat. Bei Umfragen waren mehr als 70 Prozent der Bevölkerung gegen die neuen Rechtschreibregeln.

Auch wenn Sie und Ihre Bewegung die Reform nicht stoppen konnten, hatte Ihr Protest Einfluss auf die Neuregelung. Was ist durch Ihren Widerstand an den Plänen geändert worden?

Friedrich Denk: Wir haben uns vor allem gegen die Getrenntschreibung gewehrt, wie etwa bei "wohl bekannt", "hoch begabt" oder "so genannt". Wir haben uns auch gegen die Großschreibung von Adverbien wie etwa bei "Du hast Recht" oder "tut mir Leid" gewandt. Diese unsinnigen Veränderungen sind klammheimlich zurückgenommen worden.

Damit kommen wir zu Ihrer Kritik an der Rechtschreibreform. Wie lautet die?

Friedrich Denk: Zum Ersten war es ein Eingriff von oben in eine gewachsene Schreibung, die sich fast 100 Jahre bewährt hatte. Hunderttausende Schüler, Behördenangestellte und Sekretärinnen mussten umlernen. Mein Sohn hat für seine Magisterarbeit errechnet, dass dadurch Kosten von mehreren Milliarden Euro entstanden sind.

Außerdem sind die Regeln inhaltlich unbrauchbar, wie ich es bei "Du hast Recht" schon angesprochen habe. Zudem stimmt die Behauptung überhaupt nicht, dass es für die Schüler leichter wird. Heute schreiben sie wesentlich schlechter als vor 20 Jahren, was aber nicht nur mit der Rechtschreibreform zusammenhängt.

Trotzdem gibt es auch positive Aspekte der Reform. Die Regeln zu "ss" und "ß" sind doch sinnvoll. Was sagen Sie dazu?

Friedrich Denk: Es erscheint logisch, dass nach kurzer Silbe das Doppel-"S" kommt und nach langer Silbe ein scharfes "S". Früher gab es die Regel "Doppel-S am Schluß macht Verdruß". Die war für die Schüler einfacher. Im 19. Jahrhundert gab es in Österreich nach der heyseschen Regel das Doppel-"S" ja schon einmal. Sie wurde aber wieder aufgegeben, weil sie zu kompliziert war. "Muss" ist auch schwieriger zu lesen, weil das scharfe "S" den Vorteil hat, das es eine Unter- und eine Oberlänge hat. Zudem ist der Unterschied von "das" und "dass" schwerer zu erkennen.

Sprache ist etwas sehr Lebendiges und verändert sich ständig. Daraus ergibt sich immer wieder die Notwendigkeit von Reformen. Welche neue Regeln würden Sie einführen?

Friedrich Denk: Rechtschreibung muss klar sein und darf keine Schwierigkeiten machen. Die beste Rechtschreibung ist die, die nicht auffällt. Wenn also "so genannt" auseinander geschrieben wird oder "tut mir Leid" groß, dann bleibt man daran beim Lesen hängen. Ich habe nichts dagegen, etwas zu ändern, aber ich würde eben nicht solche unsinnigen Veränderungen machen. Mit einer Ausnahme: Es ist gut, dass das Trennungsverbot bei "st" aufgehoben wurde. Es wird also nicht mehr "be-ste", sondern "bes-te" getrennt.

Friedrich Denk ist 70 Jahre alt und wohnt in Zürich (Schweiz). Als Deutschlehrer unterrichtete er bis zu seiner Pensionierung an Schulen in München, dem oberbayerischen Weilheim und London. Der gebürtige Schlesier ist außerdem Schriftsteller und Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.