Bereits zum elften Mal diskutierten die Besucher*innen des Global Peter Drucker Forums in Wien die Zukunft der Arbeitswelt – und lieferten eine tröstliche Botschaft: In Zeiten der vernetzten Welt sind alle aufeinander angewiesen.

Prof. Dr. Miriam Meckel
Eine Kolumne
von Prof. Dr. Miriam Meckel , Publizistin, Verlegerin

Darf man in diesen Zeiten noch Konferenzen besuchen, für die Hunderte von Menschen Langstreckenflüge auf sich nehmen? Nur um ein, zwei Tage lang Vorträgen zu lauschen, die sie auch zuhause vor dem Rechner verfolgen könnten? Lohnt sich der Aufwand wenigstens?

Das fragten sich neulich Sen Chai (Essec Business School) und Richard Freeman (Harvard-Universität). Für ihre Studie werteten sie die Aktivität von knapp 1.300 Forscher*innen aus, die über einen Zeitraum von drei Jahren naturwissenschaftliche Konferenzen besucht hatten. Und siehe da: Die Kollaborationen unter den Konferenzteilnehmer*innen stiegen um mehr als neun Prozent.

Global Peter Drucker Forum: Die Macht der Ökosysteme

Und das führt uns zum Global Peter Drucker Forum, das in der vergangenen Woche in der Wiener Hofburg stattfand. Seit mittlerweile elf Jahren treffen sich auf der Konferenz Managementforscher*innen von Universitäten mit Führungskräften aus der Wirtschaft, um über den Zustand der Arbeitswelt zu diskutieren. Genug Potenzial also für künftige Kollaboration - wobei es dafür womöglich hilfreich wäre, wenn es etwas mehr interaktive Dialoge mit dem Publikum gäbe und etwas weniger Monologe an selbiges.

In diesem Jahr lautete das Thema "Die Macht der Ökosysteme". Der Begriff stammt ursprünglich aus der Biologie, wo er laut Duden "die kleinste ökologische Einheit eines Lebensraumes mit in ihm wohnenden Lebewesen" bezeichnet. Die moderne Managementwelt hat diesen Begriff in den vergangenen Jahren gekapert. Sie versteht darunter, grob vereinfacht gesagt, eine Gruppe von Institutionen oder Organisationen, die voneinander abhängig sind, und die sich deshalb in gewissen Bereichen zur Zusammenarbeit entschlossen haben.

In gewisser Hinsicht sind Ökosysteme eine perfekte Metapher für die vernetzte Welt und bieten gleichzeitig Trost: Wir sind alle aufeinander angewiesen, no man (and no woman) is an island.

Müssen Führungskräfte alles alleine entscheiden?

Doch gleichzeitig erhöht die Interkonnektivität die Komplexität – und stellt auch die Führungskräfte von morgen schon heute vor ganz neue Fragen. Gianpiero Petriglieri , Professor an der französischen Business School Insead, plädierte in Wien daher für eine neue Metapher guten Managements. Führungskräfte sollten weder alles alleine entscheiden noch mit Eltern verglichen werden, die im Büro für ihre Angestellten verantwortlich sind, als wären die kleine Kinder – denn diese Metapher verankere das alte Hierarchiedenken mit "denen da oben" und "uns hier unten". Gefragt seien vielmehr Menschen, die Unsicherheit zulassen, die nicht immer im Vordergrund stehen wollen und sowohl Neugier als auch Anteilnahme zeigen.

Aber wenn uns eine KI immer mehr Entscheidungen abnimmt, was sollen dann künftig überhaupt noch Führungskräfte entscheiden? Amy Webb, Zukunftsforscherin an der Stern School of Business, äußerte auf dem Forum ihre Sorge, dass die Menschheit sich in einer "Ära des algorithmischen Determinismus" befinde: "Wir haben scheinbar wahnsinnig viele Optionen", sagte Webb, "dabei ist die Auswahl im Grunde ziemlich begrenzt."

Noch kann niemand genau sagen, wie umfassend die Algorithmen den Menschen ersetzen werden, aber eines ist klar: Wir müssen verstehen, wie KI funktioniert, um daraus eigene und bessere Entscheidungen zu treffen.

Eine Führungskraft sollte Meister in Teamwork sein

Und in dieser Gemengelage verändern sich auch die Anforderungen an die Führungskräfte.

Die Harvard-Professorin Amy Edmondson hielt in Wien einen flammenden Appell dafür, dass Manager*innen künftig "Meister im Teamwork" sein müssen, dass sie Diversität im Denken zulassen und andere Meinungen nicht rüffeln, sondern wirklich wertschätzen. "Von Zeit zu Zeit passiert echte Magie", sagte auf dem Drucker-Forum der Pixar-Gründer Ed Catmull, "dann verlässt das Ego den Raum." Erst recht dann, wenn alles mit allem vernetzt ist.

Dafür braucht es jedoch eine solide ethische Grundlage. Manager*innen dürfen nicht Gott spielen wollen – und sie sollten auch wissen, wie sie andere davon abhalten können. Denn in der Zukunft sind die Folgen schlechter Entscheidungen womöglich noch ernster als heute.

Das ist echte Leadership-Aufgabe, die das Drucker-Forum auch im kommenden Jahr beschäftigen wird. Dann diskutieren die Teilnehmer*innen über "Leadership Everywhere". Und spätestens seit der Studie von Chai und Freeman wissen wir: Es könnte sich lohnen.

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