Im Jahr 1900 hat Rolls-Royce Mitgründer Charles Rolls ein Elektroauto gekauft – und von dem Modell namens Motor Carriage electric des Herstellers Columbia Automobile war er hin und weg – der saubere, leise, vibrations- und abgasfreie Antrieb begeisterte ihn. Damals sagte er voraus, dass ein Elektroantrieb sinnvoll wird, wenn es feste Ladestationen geben würde. 122 Jahre später gibt es Ladestationen – jeden Tag werden es mehr. Und laut Rolls-Royce haben die eigenen Kunden immer stärker ein elektrisches Modell ihrer Lieblings-Luxusmarke gefordert. Das bekommen sie jetzt – mit dem Spectre.

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Mächtige Karosse

Spectre heißt auf Deutsch Gespenst. Der Name passt zu einem voraussichtlich extrem leisen Auto und mit Phantom, Ghost und Wraith auch zu den Namen eines Teils der anderen Rolls-Royce-Modelle. Den Machern des Spectre war vor allen Dingen wichtig, dass das Auto ein Rolls-Royce ist – der elektrische Antriebsstrang kommt da irgendwie erst an zweiter Stelle. Und so ist der Spectre optisch ganz klar ein Familienmitglied – obwohl er einen elektrischen Antriebsstrang hat, trägt er stolz einen tempelartigen Edelstahl-Grill an der Front. Dieser Grill ist der breiteste, den Rolls-Royce bisher bei einem Serienauto verwirklicht hat – und er ist von innen beleuchtet. Technisch gibt es für den mächtigen Grill keinen Grund – er ist hinten verschlossen. Aber optisch verankert er den Spectre fest in der Modellpalette und ist damit sehr wertvoll. Rolls-Royce sieht im Spectre einen ideellen Nachfolger für das Phantom Coupé. Auf ersten Erlkönig-Bildern sah das Auto noch ein bisschen dem Wraith ähnlich, seiner Tarnung beraubt entpuppt sich der Spectre aber tatsächlich als modern-straff geformtes Coupé. Und trotz des aufrecht stehenden Grills ist der 5,45 Meter lange Spectre mit einem guten Luftwiderstands-Beiwert in Höhe von 0,25 unterwegs, was gerade bei einem Elektroauto in Sachen Reichweite hilfreich sein kann.

Die beiden Türen öffnen gegenläufig – so wie es auch schon beim Phantom Coupé war. Eine B-Säule gibt es nicht und die hinteren Radhäuser sind kräftig ausgeformt – das aber wiederum zurückhaltend genug, um zu Rolls-Royce zu passen. Unter der langen Fronthaube gibt es keinen zusätzlichen Kofferraum – dort haben die Ingenieure so viel wie möglich Technik untergebracht, was wiederum einem großzügigen Innenraum zugutekommt. Am Heck fallen die im Vergleich zu den anderen Rolls-Royce-Modellen großen Heckleuchten auf, die mit ihren jeweils zwei vertikalen Leuchtstreifen aber immer noch nicht dick auftragen. Das machen allerdings die Räder: serienmäßig sind sie 23 Zoll (0,58 Meter) groß.

Interieur: innen ein Rolls

Auch beim Innenraum ist der Spectre zu 100 Prozent ein Rolls-Royce: Viele mechanische Bedienelemente zeigen, dass die Engländer nicht dem Trend nachlaufen, jeden Knopf durch einen virtuellen auf einem Touchscreen zu ersetzen. Das kostet zwar in der Produktion viel mehr als eine beliebig programmierbare Bedienfläche, wirkt aber auch aufwendiger und zumindest im Rolls-Royce-Design auch hochwertiger. Trotzdem gibt es natürlich einen Instrumentenbildschirm vor dem Lenkrad und einen Infotainment-Bildschirm am oberen Ende der Mittelkonsole. Erstmals in der Geschichte von Rolls-Royce können Kunden jetzt auch individuelle Wünsche digital verwirklichen lassen. Beim Blick nach draußen fällt das Fehlen einer B-Säule auf, nur eine unauffällige dünne schwarze Leiste trennt die vorderen und hinteren Seitenfenster. Und wer nach oben schaut, sieht den fast schon Rolls-Royce-typischen LED-Dachhimmel – beim Spectre gibt es den sogar für die Innenverkleidung der Seitentüren.

Eigener Aluminium-Spaceframe

Rolls-Royce gehört zwar zu BMW, möchte aber natürlich so weit wie irgend möglich eigenständig sein. Und dafür haben die Engländer jetzt die Voraussetzung geschaffen: Der Spectre basiert auf einer neu entwickelten Aluminium-Spaceframe-Architektur, die exklusiv nur Rolls-Royce einsetzt. Das leichte Aluminium hilft bei der dringend nötigen Gewichts-Reduzierung, auch wenn es nicht so klingt: Der Spectre wiegt 2.975 Kilogramm. Die Aluminium-Struktur soll in Kombination mit der im Fahrzeugboden montierten Batterie zudem für eine im Vergleich zu den aktuellen Fahrzeugen von Rolls-Royce um 30 Prozent erhöhte Steifigkeit sorgen. Die 700 Kilogramm schwere Batterie dient laut den Rolls-Royce-Ingenieuren gleichzeitig auch dem Schallschutz. Sie ist verwandt mit der rund 108 kWh großen des neuen i7. Wie weit ihre Eckdaten davon abweichen, wollte Rolls-Royce noch nicht preisgeben. Über die Kapazität könnte man allenfalls sagen, was der Hersteller früher immer als Motorleistung angegeben hat: genügend. Denn die WLTP-Reichweite soll zirka 520 Kilometer betragen und an einer öffentlichen Ladestation dürfte ein Spectre selten auftauchen: Nach Erkenntnissen von Rolls-Royce werden zirka 100 Prozent der Fahrer ihr Auto zu Hause oder auch sonst abseits öffentlich zugänglicher Ladesäulen laden.

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Im Fahrwerk kommt das von Rolls-Royce entwickelte Planar-Federungssystem zum Einsatz. Diese Technik kann die Stabilisatoren jedes einzelnen Rades entkoppeln und so ein Aufschaukeln des Autos verhindern, wenn dieses auf einer Seite über einen unebenen Untergrund fährt. Erkennt das System eine bevorstehende Kurve, erfolgt ein Koppeln der Stabilisatoren und ein Versteifen der Dämpfer. Der Fahrstabilität in Kurven und dem Wendekreis beim Rangieren hilft zudem die Allradlenkung.

Video: Im Video: Rolls Royce Spectre

Allradantrieb und privates Laden

Für den Antrieb des Spectre sind zwei Elektromotoren zuständig – der etwas schwächere sitzt an der Vorderachse, der stärkere arbeitet hinten. Die Daten für die einzelnen Motoren hat Rolls-Royce noch nicht veröffentlicht, aber die Systemleistung ist bekannt: 430 Kilowatt (585 PS) bringen das große Luxus-Coupé voran. Das bereits im Stand anliegende maximale Drehmoment beträgt 900 Newtonmeter. Und auch wenn ein Rolls-Royce-Fahrer eher selten einen brutalen Sprint hinlegt: In 4,5 Sekunden wären 100 km/h erreicht. Über die Höchstgeschwindigkeit wollten die Briten (oder wahlweise die Bayern) ebenfalls noch nicht sprechen.

Viele Rolls-Royce-Neukunden

Die Produktion des Spectre startet im September 2023, wie Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös der britischen Autocar verriet. Außerdem freut sich Müller-Ötvös, dass der Bestelleingang seine Erwartungen deutlich übertroffen hat. Die meisten Kunden werden also lange auf ihren Spectre warten müssen – viele bis 2025. Dies stört die Kunden nicht, sie sind von Rolls-Royce Wartezeiten von zirka einem Jahr gewohnt, betont der Firmenchef. 40 Prozent der Spectre-Kunden hatten noch nie zuvor einen Rolls-Royce. Müller-Ötvös ist überrascht, dass anscheinend viele Menschen einen Spectre wollen, die nie zuvor darüber nachgedacht haben, sich einen Rolls-Royce zu kaufen.

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Der ursprünglich angegebene Preis von netto 318.500 Euro (in Deutschland inklusive 19 Prozent Mehrwertsteuer 379.015 Euro) gilt inzwischen nicht mehr: Der Spectre soll mindestens 435.000 Pfund (500.000 Euro) kosten. Die Rolls-Royce-Verantwortlichen gehen davon aus, dass auch die Spectre-Kunden ihre Fahrzeuge auf dem höchstmöglichen Niveau ausstatten lassen.  © auto motor und sport

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